Zeitung Heute : Rollen vertauscht

WOLF KAMPMANN

Blonde Redhead landen im Tacheles einen Überraschungscoup Daß eine Band, die man in Deutschland bestenfalls vom Hörensagen kennt, das Tacheles bei ihrem ersten Gig auf Anhieb ausverkauft, passiert nicht alle Tage.Mehr noch.Nach den Worten des Einlassers mußten etwa 80 potentielle Konzertbesucher nach Hause geschickt werden.Blonde Redhead sind eins der bestgehüteten Geheimnisse der New Yorker Szene.Denen, die sie kennen, gelten sie als das aufregendste Rockereignis der späten Neunziger.Wenn sich das Trio der Zwillinge Amadeo und Simone Pace und der japanischen Sängerin und Gitarristin Kazu Makino überhaupt stilistisch einordnen läßt, dann irgendwo im fruchtbaren Niemandsland zwischen frühen Sonic Youth, späten Yo La Tengo und immerwährendem Arto Lindsay.Nicht umsonst ist letzterer auch wichtigster Mentor der Band. Gleich Lindsays No Wave-Projekten legt sich Amadeo Paces weiche, laszive Stimme wie ein dünner Film mäanderförmig über das spitze Gitarrenstakkato.Er ist es, der in seiner Verletztlichkeit einen femininen Aspekt in die Band bringt, während die aggressiv und schrill singende Kazu eher das männliche Prinzip verkörpert.Ein Spiel mit vertauschten Rollen. Die Show im Tacheles, das erste und bislang einzige Konzert des japanoitalienischen Triumphirats in Deutschland, lebte von permanenten Schollenverschiebungen.Alle drei schienen gegen die Zeit zu spielen, jedoch mit völlig unterschiedlichen Tempi.Es kam zu Überlagerungen von Bewegungsabläufen, überraschenden harmonischen Brüchen, jähen Stimmungswechseln zwischen Eruption und meditativer Ekstase, Lagerfeuer-Romantik und Flächenbrand.Verblüffend, mit welcher Präzision die Band die hohen physischen und mentalen Anforderungen ihrer drei CDs auch auf der Bühne umsetzen kann.Vor allem aber haben die Pace-Twins und Kazu einen ausgeprägten Sinn für Songs, die ebenso geschmeidig wie unbehauen, so wild wie elegant sind. Blonde Redhead machten keinen Hehl daraus, daß sie von dem Ansturm ihrer Fans erstaunt, ja beinahe erschrocken waren.Wenn Kazu meinte, sie hätte nicht mit mehr als fünf Besuchern gerechnet, schwingt da sicher ein bißchen Koketterie mit.Ein ausverkauftes Haus und nicht endenwollende Rufe zu Zugaben hatte aber tatsächlich niemand erwartet.Blonde Redhead haben einen absoluten Überraschungscoup gelandet.In einem derart intimen Rahmen - da waren sich Veranstalter und Publikum einig - wird man die Band nie wieder sehen.Über dem Konzert lag das Flair des besonderen Ereignisses, bei dem dabeigewesen zu sein sich in ein paar Jahren wie ein besonderes Privileg ausmachen könnte. WOLF KAMPMANN

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