Zeitung Heute : Rom: Heilige Stadt "geöffnet"

Nana Claudia Nenzel

Das Heilige Jahr 2000 ist bereits Geschichte. Und wie die Römer angeben, besser als erwartet überstanden. Doch erst jetzt soll es am Tiber interessant werden, nachdem die Flut der Pilger auf Normalmaß zurückgegangen ist. Das Jahr 2001 soll Rom zur Happening-Stadt machen.

"Augen zu - und durch", dachten sich so manche Kaufleute der italienischen Hauptstadt, als sie das Heilige-Jahr-Fieber auf sich zurollen sahen. Es werde ohnehin kaum jemand kommen außer den Pilgern, die nichts ausgeben ... Doch es kam ganz anders: Sogar Pilger ließen sich nicht lumpen und sorgten in Rom für volle Kassen. Genaue Zahlen sind nicht zu haben, viele der Pilger wenn nicht gar die meisten, kamen in Privatunterkünften unter, auf Campingplätzen und in Kirchen, Turnhallen und ähnlichen Einrichtungen. Wo es, wie es schmunzelnd aus offizieller Seite heißt, besonders ausgelassen zuging.

Reservieren, bitte

Und allen Unkenrufe zum Trotz kamen auch mehr "Normaltouristen" denn je nach Rom, letztendlich doch angelockt und nicht abgeschreckt vom riesigen Veranstaltungsprogramm zum Heiligen Jahr, für das unter anderem eigens eine internationale Pressestelle in Sichtweite des Vatikans und doch auf römischem Boden eingerichtet worden war.

Weil Rom und der Vatikan für das Heilige Jahr nicht nur viel in die Infrastruktur und Restaurierungsarbeiten gesteckt (Kosten: umgerechnet mehr als 3,5 Milliarden Mark), sondern auch Erstaunliches zum Thema "geöffnet" geleistet haben, kann man nun praktisch die ganze Stadt und fast alle ihre Sehenswürdigkeiten in neuem Glanz erstrahlen sehen. Bis auf zwei: Die Fori Imperiali (Kaiserforen) und die Ara Pacis befinden sich noch "in restauro". Alles andere kann man besichtigen und wirklich genießen - vor allem jetzt, nach dem Heiligen Jahr, eben doch mit geringerem Andrang und teilweise nach einem strengen Konzept nur nach Vorbestellung. Aber auch einen Theaterbesuch muss man schließlich frühzeitig planen und dafür die Karten bestellen. Warum nicht für einen Museumsbesuch? Was ja gerade dann wichtig ist, wenn man eine gründliche Führung in der eigenen Muttersprache genießen möchte, für die man sich anmelden kann.

Das gilt zurzeit - kann sich allerdings schnell ändern und auch für andere Sammlungen gelten - beispielsweise für die großartige Galleria Borghese, die nach fast zwei Jahrzehnten Restaurierungsarbeiten endlich wieder zugänglich ist. Nun kann man die ausgestellten Kunstwerke fast wieder so betrachten, wie sie vom reichen Kardinal Scipione Borghese Caffarelli (1579-1633), dem Neffen von Papst Paul V. - mit bürgerlichem Namen Camillo Borghese - und Begründer der reichen Sammlung damals zeitgenössischer Kunstwerke und auch von ein paar antiken Stücken, aufgestellt wurden. Hier, in der speziell dafür im ausladenden Park ausgebauten Villa Borghese, lebte man nicht, hier empfing man lediglich seine mehr oder weniger kunstinteressierten, auf jeden Fall mit Sicherheit bedeutenden Gäste.

Nero dagegen, der sich sein Domus Aurea, das goldene Haus, bauen ließ, nachdem er Rom in Schutt und Asche gelegt hatte, lebte auf dem rund 80 Hektar großen Areal direkt gegenüber dem Forum Romanum. In den imposanten unterirdischen Gängen und Sälen seiner Residenz fand in 150 Räumen, die meisten von ihnen tonnengewölbt und bis zu zehn und elf Meter hoch, vor rund 2000 Jahren Luxusleben pur statt, das nur mühsam anhand der spärlichen Reste in den 32 vorerst zugänglichen Räumen nachzuvollziehen ist; vor allem angesichts der "Tieflage" der gesamten Anlage. Wer nicht genügend Wissen über den erst im vergangenen Jahr zugänglich gemachten Palast Neros mitbringt, muss sich einen elektronischen Führer in italienischer oder englischer Sprache ausleihen - denn die jungen Leute, die die Gruppen durch das Labyrinth begleiten, geben keine Erklärungen ab. Ein wenig enttäuschend ist der Besuch daher noch, vielleicht ändert sich das, wenn die schönsten Fresken zu bewundern sein werden, wie sie sogar bereits vom elektronischen Führer angekündigt werden.

Forum sanft beleuchtet

Das dritte Glanzlicht, das rechtzeitig zum Heiligen Jahr freigegeben wurde, befindet sich innerhalb der Kapitolinischen Museen, 1471 von Papst Sixtus als erstes öffentliches Museum der Welt geschaffen: der unterirdische Gang, der unter dem Senatorenpalast (auf den Fundamenten des Tabulariums, der römischen Archive) die beiden Seitenpaläste (Konservatoren-Palast und Palazzo Nuovo) auf dem Kapitol miteinander verbindet. Bei seinen Aushubarbeiten kam ein zauberhaft kleiner römischer Tempel für den sonst unbekannten Gott Veiove (2. Jahrhundert vor Christus) zum Vorschein - Beweis für die Bedeutung des Platzes schon zu den Anfängen Roms. In der Nähe öffnen sich glaslose Fenster mit einem wunderbaren (rückwärtigen) Blick über das Forum Romanum; besonders schön am Abend, wenn das Forum nur sanft beleuchtet wird. Zu den größten Schätzen der Kapitolinischen Museen zählen drei antike Bronzearbeiten: der zierliche Dornenauszieher, die Reste der Großplastik des Kaisers Konstantin (vor allem sein strenger Kopf) und die römische Wölfin. In einem Innenhof steht etwas unglücklich hinter Glas das großartige Original des ebenfalls antiken bronzenen Reiterdenkmals für Marc Aurel - die viel fotografierte, Platz bestimmende Kopie sieht dagegen geradezu wie mit Schokolade begossen aus, und zwar mit heller Vollmilchschokolade ...

Am eindrucksvollsten ist die Restaurierung der Scuderie Papali, der päpstlichen Stallungen am Quirinal, wo übrigens wieder täglich um 15 Uhr 30 die Wachablösung zu einem attraktiven Spektakel geworden ist. Die Römer gehen mit Vorliebe dort hin. In den beiden oberen Stockwerken der Scuderie sollen weiterhin wechselnde Ausstellungen stattfinden wie zuletzt "Sandro Boticcelli - der Maler der Göttlichen Komödie". Herrlich ist der Aufstieg über die breite Reittreppe in das erste Stockwerk der Ausstellungsräume und weiter hinauf in das Mansardengeschoss. Hier befindet sich eine einladende Bar, in der exquisite Kleinigkeiten serviert werden. Die ausladende Terrasse davor bietet einen Fünf-Sterne-Blick auf die italienische Hauptstadt. Ein schönes Plätzchen, um sich von einem vielleicht strapaziösen, aber sicher interessanten Stadtbummel zu erholen - oder um die nächste Etappe zu planen?

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