Zeitung Heute : Rost und alte Liebe

TISSY BRUNS

Immer wieder entsteht in dieser Dauerbeziehung die Frage nach der Balance zwischen Nähe und Distanz.Der spontane Trend heißt: mehr Nähe.Doch die war noch nie so heikel wie heute.

Für SPD und Gewerkschaften waren die letzten sechzehn Jahre nicht eine schwere, aber eine schwierige Zeit.Sie war nicht schwer, weil beide am Ende eines Weges wohlbehalten angekommen sind und sich gut eingerichtet haben.SPD und Gewerkschaften zählen nach der Ära Brandt so sehr zu den Stützen der Gesellschaft, daß wenig daran erinnert, daß sie einmal als Partei und Interessenvertretung der Schwachen, der Ungebildeten, der Benachteiligten angefangen haben.Unter Kohl saß man als Gewerkschaftsführer nicht am Katzentisch, und als Sozialdemokrat war man immerhin Ministerpräsident.Schwierig war diese Zeit, weil beiden gleichzeitig die natürlichen Grundlagen verloren gegangen sind.Die Arbeiter- und Angestelltengesellschaft hat ihr Gesicht völlig verändert.Für die Gewerkschaften heißt das Mitgliederschwund und sinkende Durchschlagskraft der alten Machtmittel Organisation und Streik, für die Volkspartei SPD Integrations- und Identitätsverlust.Das Ende der schwierigen Jahre beginnt mit einer Gemeinsamkeit: Gewerkschaftsbewegung und SPD starten in das rot-grüne Zeitalter, ohne mit ihren Erneuerungsprozessen auch nur annähernd fertig zu sein.

Naheliegend, daß man sich da aufeinander stützt.Und das haben sie ja auch weidlich getan.Die Gewerkschaften haben sich im Wahlkampf eindeutig auf eine Seite geschlagen, die SPD hat ihr Wahlprogramm auf die gemünzt, die von den Gewerkschaften vertreten werden.Konzentriert zielen die jetzt einzulösenden Wahlkampfversprechen der Partei, die Arbeitslosigkeit zu ihrem großen Thema machen will, auf die Interessen von Arbeitsplatzinhabern: Lohnfortzahlung, Kündigungsschutz, Rentenniveausenkung - alles macht die neue Regierung wieder wie alt.Die guten Taten kosten Geld.Die Folgen explodieren ausgerechnet bei den Kleinstverdienern.Und hier, beim Gezerre an den 620-Mark-Jobs, zeigt sich, daß Distanz geboten ist.

Die SPD ist mit der großspurigen Ankündigung gescheitert, bei den 620-Mark-Jobs wieder Ordnung zu schaffen auf dem Arbeitsmarkt.Zum Glück.Ordnung schaffen, der Jargon verrät die tiefsitzende Haltung, daß der Arbeitsmarkt eigentlich gar keiner ist.Sogar verständlich.Denn das reguläre Arbeitsverhältnis ist tatsächlich so sehr Produkt staatlicher Regulation und tarifliche Verhandlungssache, daß der Markt darum mittlerweile einen Bogen schlägt.Regulär sind die Schatten- , Grau- und Schwarzarbeitsplätze nicht.Aber sie sind normal.Die 620-Mark-Jobs sind legal, die nicht ganz legale Mehrfachnutzung oder die Kombination mit Schwarzarbeit wird niemand beseitigen, der nicht versteht, daß sie auch Schlupflöcher sind.Schlupflöcher kleiner Leute, die lieber arbeiten als von Sozialtransfers leben.Wer für 750 Mark ganz legal arbeitet, verdient weniger als mit einem 620-Mark-Job - das provoziert den Schummel mit den Jobs.Gewerkschaften sind Interessenvertreter der Inhaber der regulären Arbeit.Sie haben diskussionswürdige Vorschläge, wie die besser verteilt werden kann.Wie neue Arbeit entstehen und geschaffen werden kann, dabei können sie Diskussionspartner sein.Aber ideeller Ratgeber einer sozialdemokratischen Regierung dürfen sie nicht sein.Denn die Gewerkschaften verstehen von Amts wegen nicht, daß der Arbeitsmarkt sich seinen Weg sucht, wenn man ihm keinen Raum läßt.

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