Zeitung Heute : Rote Karte für die Auf-Schneider

HERMANN-JOSEF KNIPPER

Darf Jürgen Schneider nun unter dem heimischen Weihnachtsbaum "O Du Fröhliche" anstimmen, oder muß der ehemalige Baulöwe und weitgehend geständige Großbetrüger noch einige Jahre hinter Gittern sitzen?VON HERMANN-JOSEF KNIPPERDiese die Republik bewegende Frage beantworten heute die Richter, die nach 42 Verhandlungstagen das Urteil für den Initiator der spektakulären Milliardenpleite verkünden wollen.Dabei geht es nicht darum, ob Schneider nun der Schweinebraten seiner Gattin oder ein Frankfurter Würstchen des Gefängniskochs vorgesetzt wird.Es geht nur noch darum, ob Schneider eine Strafe erhält, die das allgemeine Vertrauen in den Rechtsstaat und die Selbstheilungskräfte des marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystems stärkt oder schwächt. Verbringt Schneider wider Erwarten das Weihnachtsfest zu Hause, läßt man ihn also mit einer kleineren Haftstraße laufen, wie das der nunmehr larmoyante, einstige Großprotz und seine Verteidiger fordern, dann wird der Schaden, den der Immobilienskandal angerichtet hat, weit über den von Schneider hinterlassenen Schuldenberg von 5,4 Milliarden Mark hinausgehen.Eine harte Bestrafung ist aus vielen Gründen unumgänglich - in erster Linie natürlich, um Schneiders Versuch, als eine Mischung aus Münchhausen und Robin Hood in die Geschichte einzugehen, zu vereiteln.Schneider ist und bleibt ein Krimineller, der viele Existenzen auf dem Gewissen hat - er hat hemmungslos Baupläne gefälscht, Mieteinnahmen frisiert, Scheinrechnungen vorgelegt und den Banken ein fiktives Vermögen vorgegauckelt. Zweitens geht es darum, den vielen kleinen und großen Möchtegern-Spekulanten im Halbschatten der Immobilien- und Anlagebranche klarzumachen, daß sie keinesfalls mit Milde rechnen können, daß es sich bei ihren Gaunereien auf Kosten von Sparern und Handwerkern nicht um Kavaliersdelikte handelt.Und drittens müssen die vielen seriösen Unternehmer dieses stürmisch expandierenden Dienstleistungssektors von Lügnern und Glücksrittern nach dem unrühmlichen Vorbild Schneiders abgegrenzt werden.Schneiders zwiespältige Schlußwort-Ankündigung, er wolle wieder ganz von vorne anfangen, darf auf keinen Fall Realität werden. Mit Schneider saßen in Frankfurt die deutschen Banken auf der Anklagebank, von denen zwar nicht ein einziger Mitarbeiter verurteilt wird, die sich aber wegen ihrer sprichwörtlichen Blauäugigkeit im Umgang mit Großkreditnehmern gründlich blamiert haben.Insgesamt 55 Banken standen bei Schneider mehr oder weniger Schlange, um möglichst hohe Beträge für offenkundig windige Geschäfte zur Verfügung zu stellen.Den Richtern haben die Geständnisse der Banker, die teilweise dreistellige Milliardenbeträge zu managen haben, mitunter die Sprache verschlagen.Unglaublich, wie in führenden Geldhäusern Deutschlands offenkundig mit dem Geld von Sparern und Anlegern umgegangen wird.Aber vielleicht hat der Schneider-Prozeß ja eine heilsame Wirkung in dem Sinne gehabt, daß die bei Kleinkrediten übliche und unerläßliche Sorgfalt jetzt und in Zukunft auch für Milliardenkredite gilt. Fatale Auswirkungen hatte das Schneider-Debakel auf das Ansehen der sozialen Marktwirtschaft in Ostdeutschland.Mit vielen anderen halbseidenen Gestalten in edlen Anzügen zog es Schneider nach der Maueröffnung in die neuen Bundesländer, um beim Aufbau Ost in der ersten Reihe mitanzupacken und - wie sich später herausstellte - im Rahmen der allgemeinen Goldgräberstimmung kräftig abzusahnen.Die Leipziger Innenstadt etwa sähe heute völlig anders aus, hätte Schneider nicht die Mädlerpassage und andere Gebäudekomplexe aufwendig restauriert.Mit den noblen Häusern hat sich Schneider in den neuen Ländern ein Denkmal gesetzt, das aber nie so glänzen wird, wie es der zum Größenwahn neigende Baubesessene heute gerne darstellt. Schneider ist - nicht nur im Osten - zur Symbolfigur für Spekulation und Betrug in großem Stil sowie für die Schattenseite der Marktwirtschaft geworden, die nach vierzig Jahren DDR und acht Jahren Bundesrepublik dort noch nicht verwurzelt ist.Dazu hat der Schneider-Skandal ebenso beigetragen wie die jüngsten Ermittlungen gegen 50 Banken wegen Steuerhinterziehung in Milliardenhöhe.

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