Rotterdam : Gott und Gouda

Sohn eines Koranpredigers, geboren in Marokko, Besitzer von zwei Pässen: Seit einer Woche ist Ahmed Aboutaleb Bürgermeister von Rotterdam – der erste Muslim, der eine europäische Metropole führt

Tobias Müller[Rotterdam]
Aboutaleb
Ahmed Aboutaleb. -Foto: dpaAv

Da stehen sie nun verloren in der Eiseskälte mit hochgezogenen Schultern und hüpfen fröstelnd von einem Bein aufs andere. Plakate zeigen eine Fotomontage des Rathauses, über dem ein Minarett aufragt, und holprige Parolen auf weißen T-Shirts machen auch wortwörtlich klar, was sie von dem halten, was genau dort, im Rathaus von Rotterdam, gerade passiert. Sie sind Anhänger der Bewegung „Lebenswertes Rotterdam“, der Partei von Pim Fortuyn, dem 2002 ermordeten Rechtspopulisten, der Sachen sagte, wie dass der Islam eine außerordentliche Bedrohung sei, eine feindliche Gesellschaft. Die Fortuynisten hatten in der Rotterdamer Stadtregierung mal die Mehrheit, sie sind immer noch die zweitgrößte Fraktion.

Und nun wird, es ist der 5. Januar 2009, drinnen im Rotterdamer Rathaus ein Muslim feierlich ins Bürgermeisteramt befördert. Einer von denen, die fasten, wenn Ramadan ist.

„Was heute in diesem Puppenhaus geschieht, hätte unser Pim nicht gewollt“, sagt einer der Demonstranten.

Drinnen wird es zur gleichen Zeit sehr still, denn Ahmed Aboutaleb, Marokkaner, Niederländer, er besitzt zwei Pässe, steht von seinem Platz auf, erhebt zwei Finger zum Eid und spricht bedächtig die Worte, die ihn gleich zum Oberhaupt der 600 000 Rotterdamer machen werden, „… so möge mir Gott helfen“, sagt er, dann legt der Kommissar der Königin ihm die Amtskette um den Hals, sechs Jahre lang wird er nun Bürgermeister sein.

Beifall brandet auf, und zum Schluss der Zeremonie lacht Ahmed Aboutaleb dann, wie man ihn in der Öffentlichkeit selten hat lachen sehen. Etwas scheint von ihm abzufallen. Der stets etwas verkniffen wirkende Migrant mit dem akkuraten grauen Haar und der Tendenz zur Leidensmiene strahlt über das ganze Gesicht. Er ist nunmehr der erste muslimische Immigrant an der Spitze einer Metropole im christlichen Abendland – und das verschafft der Stadt eine Gelegenheit.

Oft ist im Umgang europäischer Städte mit ihren eingewanderten Einwohnern eine direkte Ansprache von Problemen oder Versäumnissen heikel, da schnell der Verdacht der Diskriminierung aufkommt, des Rassismus gar. Es geht oft nicht darum, was gesagt wurde, sondern wer etwas gesagt hat. Und da kann Aboutaleb, ein Betroffener sozusagen, frei sprechen – und von dieser Freiheit hat er auf seinem langen Weg durch die niederländische Politik schon ausgiebig Gebrauch gemacht.

Angefangen hat alles 1961 in Bni Sidel, einem Dorf im Rifgebirge. Dort, im von Berbern bewohnten Armenhaus Marokkos, kam Aboutaleb zur Welt, als Sohn eines Imams. Ahmed war 15, als die Familie in die Niederlande zog. Ein beflissener Schüler, der erst im Selbststudium, so heißt es, die Sprache lernte, dann Elektrotechnik, dann Telekommunikation. Er wurde Journalist, Pressesprecher, schließlich Politiker. Die sozialdemokratische „Partei van de Arbeid“ (PvdA) machte ihn zu ihrem „ausländischen Gesicht“. Im Frühjahr 2004 wird er Sozialdezernent in Amsterdam. Dort lässt er nichts beim Alten. Die Hilfebedürftigen werden nicht länger nur alimentiert, es werden Ansprüche an sie gestellt: In Kinderkrippen oder bei Mittagstischen sollen sie helfen, die Sprache lernen, wer unter 27 Jahre alt ist, bekommt nichts, unangemeldete Hausbesuche bei Sozialhilfeempfängern werden eingeführt, Betrüger fliegen auf, die Stadt spart einiges.

Dann, am 2. November desselben Jahren: der Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh. In den Niederlanden bricht etwas auf. Lange Verschwiegenes wird plötzlich herausgeschrien, die ganze Friedlichkeit, die dem Land nachgesagt wurde, ist wie weggefegt. Und mittendrin Aboutaleb. Einen Tag nach dem Anschlag spricht er in der Al-Kabir-Moschee. Wer die grundlegenden Werte der niederländischen Gesellschaft nicht akzeptiere, solle das Land verlassen, am besten sofort. Er wettert gegen die islamischen Fundamentalisten und fordert verschleierte Frauen auf, die Burkas abzulegen und sich Arbeit zu suchen.

Diese Haltung ebnet den Weg weiter nach oben. Staatssekretär in Den Haag, selbst für einen Ministerposten war Ahmed Aboutaleb im Gespräch. Man nennt ihn gerecht, streng und höflich, manche finden ihn scheu. Er arbeitet viel.

Als er am Montag vor einer Woche im Rotterdamer Rathaus ans Mikrofon tritt, der 47 Jahre alte Predigersohn aus einem kleinen Bergdorf im Norden Marokkos, spricht er mit leichtem Akzent und viel Enthusiasmus über das, was vor der Stadt und ihren Bewohnern liegt.

Rotterdam, das ist eine raue Stadt, die einen Hafen hat, der mal der größte der Welt war. Die sich ein neues Gesicht geben will. Die lokalen Touristenwerber riefen jüngst das weibliche Rotterdam aus und warben mit den vielen neuen Boutiquen, mit Kunst, Galerien und Restaurants. Nicht länger nur die harte Arbeiterstadt will man sein. Sondern bunt und lebenslustig, mehr so wie Amsterdam.

167 Nationen leben hier, knapp 50 Prozent der Rotterdamer haben schon heute einen ausländischen Hintergrund, bald werden es mehr als die Hälfte sein. Kirchen verschwinden, Moscheen tauchen auf, so formuliert es Aboutaleb. Er will die Ängste, die daraus entstehen, ernst nehmen, aber er sagt auch: „Eine Gesellschaft, in der die Menschen Vertrauen ineinander haben, ist stärker.“

Und dieses Vertrauen, das wird nun auch in ihn gesetzt. Alles, was in den Niederlanden jemals geschieht, so sagt es Eric Van Dorp, Chef des Fußballfanclubs von Feyenoord, geschieht als Erstes in Rotterdam. Dem Holland-Labor.

Aboutaleb wird von der größten Opposition in der Stadt an der Maas, von den Fortuynisten, nicht mitgetragen, das versteht sich. Die stören sich vor allem an den zwei Pässen des neuen Bürgermeisters, sehen darin den Beleg für seine nicht gefestigte Loyalität der Stadt gegenüber. Aber auch unter den Migranten sind die Meinungen geteilt.

Mohamed, 25, steht hinter dem Verkaufstresen seines schmalen Belwinkels „Telecom Al-Hoceima“ im Stadtteil Hillesluis, die Konkurrenz auf der anderen Straßenseite ist nach Tanger benannt. Belwinkels nennt man die Branche auf Niederländisch, Anrufläden. Mohamed sagt, der neue eingewanderte Bürgermeister sei eine gute Botschaft für die anderen Eingewanderten. „Ihr gehört dazu, ihr könnt es schaffen“, würde sie lauten. „Unsere Eltern“, sagt Mohamed, „waren hier ja nur die Gastarbeiter aus der Dritten Welt.“ Aber nun macht einer mal klar, was da für Potenzial ist.

Andererseits kennt auch Mohamed das Image als Hardliner, das Aboutaleb vorauseilt. „Er sagt, er will die Stadt noch sicherer machen. Dabei haben wir jetzt schon viele Freiheiten, die wir früher in den Niederlanden hatten, verloren“, sagt Mohamed und wird gleich konkret: „Nirgendwo hier im Viertel kannst du noch ein Jointje auf der Straße rauchen, für alles drücken sie dir einen Strafzettel rein.“ Er lässt voller Nachdruck die Faust auf den Tresen sausen, über den er seinen Kunden auch Internetcodes und Handyguthaben zuschiebt.

In Hillesluis im Süden der Stadt haben fast 80 Prozent der Menschen einen ausländischen Pass, ausländische Herkunft. Männer in Dschellabah und verhüllte Frauen laufen durch die Straßen. Weit weg ist hier das „Manhattan an der Maas“, das Rotterdam der Banken und Unternehmensberater mit ihren glitzernden Glasfassaden. Orientalische Brautmoden und Teppiche werden gehandelt, Frittenstuben verbreiten zwischen surinamesischen und türkischen Takeaways einen Hauch von Exotik.

Die Kiezbäckerei Agadir ist gut besucht an diesem Nachmittag, ein Türklingeln und ein Salam Aleikum kündigen im Minutentakt neue Kundschaft an. Die 15-jährige Layla und Freundin Sheima haben alle Hände voll zu tun. Beide tragen Kopftuch. „Marokkanische Strenge“, wie Layla grinsend sagt, sei ihr Fall jedoch weniger. Genau die erwarten sie von Ahmed Aboutaleb. Dass er sich in Amsterdam für unangekündigte Hausbesuche bei Sozialhilfeempfängern einsetzte, ist bekannt. Was das wohl für ihre Mutter bedeute, die von Stütze lebe, sorgt sich Sheima. Die harte Haltung des Einwanderers gegenüber den Einwanderern ist keine Einmaligkeit. Einem Schweizer Magazin sagte vor zwei Jahren der ebenfalls aus Marokko stammende Amsterdamer Sozialdemokrat Rachid Jamari, er stimme im Prinzip den meisten Postulaten von Pim Fortuyn zu, er drücke sich nur anders aus.

Schon kurz hinter der Erasmusbrücke nimmt die Zahl der Kräne zu. Der Maashaven ist eine Schnittmenge zwischen Zentrum und Wasser, etwas weiter westlich folgt der Waalhaven, und hier beginnt endgültig die Agglomeration der Lagerhäuser und Containerburgen. Möwen, Schiffssirenen, die Signale rückwärts rangierender Belader – mehr als 30 Kilometer zieht sich das so bis an die Küste. Henk, ein Dockarbeiter, 61 Jahre alt, hat gerade seine Schicht beendet und schon viele Krisen kommen und gehen gesehen. Ein Auf und Ab ist es hier immer gewesen, erzählt er im schweren Rotterdamer Slang. Auch diesmal werden wieder bessere Zeiten kommen, da ist er sich sicher: „Und es wird nicht mehr so furchtbar lange dauern“, schiebt er zuversichtlich hinterher.

Dass seine Stadt nun einen neuen Bürgermeister hat, kann Henk schwerlich beeindrucken. Er weiß, dass das Wohl und Wehe des Hafens an viel zu vielen Faktoren hängt, um es an einer Person festzumachen. Und dass dieser aus Marokko kommt? Da muss Henk lachen. Wie soll ihn das kümmern, ihn, der seit Jahrzehnten Güter lädt, die in die ganze Welt gehen? „Wenn er seine Sache gut macht, kann er von mir aus schwarz oder grün sein.“ Über den Containertürmen nimmt die Sonne Kurs auf die Maas. Henk klappt den Kragen hoch, zieht seine Mütze tiefer und empfiehlt sich.

Mitarbeit Ariane Bemmer

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