Zeitung Heute : Rotwein, Lachs und Ohrenschützer

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Vor ein paar Jahren ging es an einem kalten Winterabend endlich mal früher los aus dem Büro – auf der Post wartete ein Päckchen, bei uns war halt nie einer zu Hause, wenn der Postmann klingelt. Kaum war das Trumm nach Hause geschleppt, schellte es an der Tür. Hinter einem riesigen Strauß war der Lieferant kaum zu sehen. Der Blick aufs Kärtchen enthüllte: Leider kein Bewunderer, Absender war ein Unternehmen, über das ich unlängst geschrieben hatte. Da wurde der Journalistin sofort bange: War die Berichterstattung anbiedernd oder wieso bedanken die sich plötzlich? Haben die etwa richtig Dreck am Stecken und ich hab nichts mitgekriegt?

Versunken in eine Lebenskrise, wurde sodann das Packerl aufgerissen. Zum Vorschein kam ein Plastikbäumchen mit Elektrolämpchen. Geschickt hatte ihn eine PR-Agentur aus München. Das konnte nicht wahr sein: Bloß weil man mit denen professionellen Umgang pflegt, halten die einen für bestechlich. Und wie kommen die überhaupt dazu, so ein Zeug nach Hause zu schicken? Damit keiner was merkt, haha. Offen war nur die Antwort auf die Frage, was schlimmer ist: Dass manche Leute glauben, Journalisten erwarten Geschenke für faire Texte – oder dass die echt meinen, eine Geschmacksverirrung wärme einem das Herz für ihre Kunden? Am nächsten Morgen klingelte es erneut: Ein Kurierdienst mit Rotwein von einer Unternehmensberatung, deren sachdienliche Hinweise öfter mal Texte beflügeln. Die also auch. Musste das jetzt als „geldwerter Vorteil“ versteuert werden? Unsinn, das Zeug wird zurückgeschickt. Und zwar sofort!

Wild entschlossen wurde der Krempel ins Büro geschleppt. Nach Redaktionsschluss saß der halbe Verein zusammen, bewunderte das Gestrüpp mit und ohne Blinklicht und sprach dem Roten zu. Die Kollegen hatten beschlossen, der wird nicht zurück geschickt. Stattdessen löste er Zungen und heraus kam, alle hatten was geschickt bekommen. So manch honoriger Berufsschreiber verschwand in seiner Kemenate und kehrte mit Schnaps, Ohrenschützern in Form von Elch-Geweihen oder CDs vom Jugendchor in Rastropp-Crauxel zurück. Das Beste war jedoch ein halber geräucherter Lachs. Der passte gut zum Rotwein.

Während sich das Ganze zur Party auswuchs, stand die Berufsehre zur Diskussion. Frechheit eigentlich, dass so viele glauben, wir wären zu schlecht bezahlt, um uns selber Ohrenschützer zu kaufen – die braucht man, schon wegen der CDs! Bis plötzlich einem auffiel: Mannomann, wir sind ja im Advent! Die meinen das gar nicht böse, das sind bloß Weihnachtsgeschenke! Journalisten merken eben alles, manchmal halt nicht so schnell.

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