Zeitung Heute : „Routine macht den Weg frei für Neues“ Professor Brodbeck über Kreativität

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Unternehmen und Mitarbeiter müssen derzeit enorme Veränderungen meistern. Der Münchner Kreativitätsexperte Professor KarlHeinz Brodbeck sieht Gewohnheiten und Routinen als Voraussetzung für Innovation.

Professor Brodbeck, weshalb beschäftigen Sie sich so intensiv mit der Kreativität?

Wer sich in die ökonomische Literatur vertieft, wird die erstaunliche Entdeckung machen, dass Kreativität darin kaum vorkommt. So viel in Politik, Erziehung und der breiten Öffentlichkeit der Ruf nach kreativen Lösungen auch laut wird, die Wirtschaftswissenschaft setzt weitgehend auf überkommene Instrumente: Deregulierung der Märkte und Kostenökonomie. Hier wird gerne übersehen, dass nur dort Kosten sinken können, wo durch neue Produkte Märkte erobert und Umsätze gesichert werden. Dauerhafte Gewinne erwachsen nur aus einem unaufhörlichen Prozess der Innovation. Die bloße Wiederholung, die Erstarrung in Gewohnheiten, führt ins Abseits.

Auch Neuerungen haben Schattenseiten.

Wo es Gewinner gibt, gibt es Verlierer. Jede Neuerung verdrängt nicht nur das alte Produkt, sondern auch ganze Firmen und Belegschaften vom Markt. Zunehmende soziale und ökologische Probleme einer kleiner gewordenen Welt machen die Grenzen des bloß quantitativen Wachstums bewusst. Ohne Wachstum und Innovation verfallen Volkswirtschaften in Stagnation.

Also doch lieber beim Gewohnten bleiben?

Routinen und Gewohnheiten spielen eine eine wichtige Rolle: Wiederholung schafft Sicherheit und Vertrautheit. Mehr noch, Gewohnheit des Denkens, Fühlens und der körperlichen Haltung prägen das Bild, das wir von uns selbst haben. Man wird zu dem, was man denkt und tut. Vom Erlernen von Fertigkeiten bis zur Entwicklung von Routinen erfüllen gewohntes Denken und Handeln eine zentrale Aufgabe: Sie schaffen Stabilität. In einer sich wandelnden Umwelt allerdings werden starre Routinen zum Hemmnis. Im Privatleben, im Beruf, in Wissenschaft und Technik verändern sich Denk- und Handlungsweisen mit zunehmender Geschwindigkeit. Gewohnheiten, in denen man sich eben noch zuhause fühlte, versagen ihren Dienst. Psychologisch heißt das: Wenn die Umwelt gewohnte Bahnen des Denkens und Fühlens zurückweist, fühlt man sich selbst zurückgewiesen. So ruft Veränderung Angst hervor.

Gibt es eine Medizin dagegen?

Hier ist es wichtig, mit der eigenen Kreativität vertraut zu werden. Sie erlaubt es, Gewohnheiten zu verändern und wieder offen für die Möglichkeiten situativen Erlebens zu sein. Wer zu einer grundlegend kreativen Einstellung gelangt, wird eine verwandelte Umgebung nicht mehr nur als Bedrohung empfinden. Kreativität ist keine besondere Eigenschaft. Sie ist da und wartet darauf, entdeckt zu werden.

Wo sollen wir suchen?

Die Antwort mag überraschen: In den Gewohnheiten. Diese und auch Routinen werden, darin liegt ihr Vorteil und ihre Gefahr, vielfach unbewusst. Die Starrheit von Routinen ist in erster Linie eine Folge ihres Versinkens ins Unbewusste. Ein Weg zu positiver Veränderung findet sich also darin, Gewohnheitsmuster wieder bewusst zu machen. Der Schlüssel hierzu heißt Achtsamkeit. Werden Routinen achtsam ausgeführt, so „verflüssigen“ sie sich. Das ist das Herzstück der Methode, Kreativität in allen Lebenssituationen zu entdecken.

Das Mittel ist also, sich selbst besser kennenzulernen, bewusster mit sich umzugehen?

Unbewusste Denkmuster verstellen den Blick auf Neues. Durch Umlenken der Achtsamkeit können sich die Denkmodelle verwandeln. An die Stelle des einen, unbewussten Denkmusters, tritt dann eine Vielzahl neuer Ideen. Dies erlaubt, entweder die Situation oder ihre Wahrnehmung zu verändern. Die persönliche Kreativität braucht damit nicht auf einen geheimnisvollen äußeren Anstoß zu warten; sie arbeitet mit dem, worüber jeder auf seine Weise bereits verfügt.

Das Gespräch führte Hartmut Volk

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