Zeitung Heute : Rücken an Rücken

Mehdorn trifft seinen Lieblingsfeind Wowereit beim Neujahrsempfang

Klaus Kurpjuweit

War was? Irgendetwas muss gewesen sein. Jedenfalls kamen zum Neujahrsempfang der Bahn gestern im Bahntower am Potsdamer Platz in Berlin viel mehr Gäste aus Politik und Wirtschaft als erwartet. Schon vor dem offiziellen Beginn machten sich die Organisatoren Gedanken, ob der Platz in der oberen Etage des Hochhauses auch reichen würde. Nun, es wurde eng, aber es reichte dann doch.

Viele der Gäste, meist in dunklen Anzügen steckend, waren nicht gekommen, um die gereichten Häppchen zu genießen oder schon am Mittag Wein oder Sekt zu trinken. Sie waren vielmehr gespannt, was Bahnchef Hartmut Mehdorn sagen würde zu den Entwicklungen der vergangenen Tage: zum Ein- und Ausstieg der Bahn bei der Hamburger Hafen und Logistik AG sowie bei der Hochbahn in Hamburg. Oder zum erwogenen Umzug von Teilen der Zentrale an die Elbe. Oder zu den Dissonanzen zwischen ihm und dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), der sich nach Ansicht des Bahnchefs nicht ausreichend um das Unternehmen kümmert.

Wowereit betrat den Bahntower zusammen mit dem ehemaligen Bahnchef Heinz Dürr. Vielleicht käme der Regierende mit dem gemütlichen Schwaben ja besser aus als mit dem kantigen Mehdorn, einem gebürtigen Berliner.

Dann ging’ s nach oben. Die Bahn, die sich immer an der Spitze des Fortschritts sieht, war hier ganz altmodisch. Damit niemand der vielen Gäste auf die Idee kam, unterwegs auszusteigen und ins Heiligste der Bahn zu gelangen, begleiteten Fahrstuhlführer, wie einst in Kaufhäusern, die Besucher in die 21. Etage.

Mehdorn begrüßte die Gäste und machte auch beim Regierenden Bürgermeister keine Ausnahme. Ein ausführliches Gespräch soll es später geben, sagte Mehdorn hinterher. Nach dem Austausch der Nettigkeiten drehten sich die Kontrahenten um und standen minutenlang Rücken an Rücken nebeneinander. Nur kein Blickkontakt. Zufall oder Absicht? Wer weiß. Die Antwort könnte ja vielleicht die Rede Mehdorns bringen. Sie war für „High Noon“ angesetzt, und tatsächlich, fast auf die Minute pünktlich, was bei der Bahn nicht unbedingt selbstverständlich ist, ging es dann los.

Ein schwieriges Jahr sei 2005 gewesen, begann Mehdorn. Mit viel Gegenwind aus vielen Ecken. Aha, jetzt kommt’s. Aber nein. Schon ist der Bahnchef wieder optimistisch. Denn das vergangene Jahr sei für die Bahn auch sehr erfolgreich gewesen, und das neue werde noch besser.

Dann beginnt er seine Erfolgsbilanz: „In allen Disziplinen sind wir gewachsen“, sagt Mehdorn. Der Umsatz erreichte knapp 25 Milliarden Euro. Im Fernverkehr ist die Zahl der Fahrgäste um vier Prozent gestiegen; im Regionalverkehr um 1,5 Prozent und im Stadtverkehr um acht Prozent. Ohne an der Hamburger Hochbahn beteiligt gewesen zu sein. Aber dazu wieder kein Wort. Noch nie seien so viele Menschen mit der Bahn gefahren wie im vergangenen Jahr, schwärmt Mehdorn stattdessen. Und weil nur etwa die Hälfte der Bevölkerung in Züge steige, gebe es hier noch ein gutes Potenzial für weiteres Wachstum.

Der Bahnchef verspricht den Gästen, die zum größten Teil zu denen gehören dürften, die er noch als Kunden gewinnen will, dass auch die Bahn noch besser werde – Sauberkeit, Sicherheit, Pünktlichkeit sind die Stichworte. Zu den Preisen sagt er nichts. Die Bahn hat sie erst im Dezember erhöht.

Nur vereinzelt gibt es kleine giftige Kommentare. Einmal geht ein Ruck durch die Reihen – als Mehdorn sich bei den Mitarbeitern bedankt, die 265 Tage im Jahr hervorragend gearbeitet hätten. Nur an 265? Nein, auch bei der Bahn hat das Jahr 100 Tage mehr. Mehdorn korrigiert auf Zuruf seinen Versprecher.

Mit den Zahlen hatte der Bahnchef gestern aber ohnehin ein Problem; einige brachte er durcheinander. Vielleicht hatten seine Mitarbeiter sie aber auch falsch aufgeschrieben. Mit der Kommunikation scheint es nämlich nicht so gut zu laufen. Viele Missverständnisse habe es im Zusammenhang mit den Umzugsplänen nach Hamburg gegeben, sagt Mehdorn hinterher in kleiner Runde. Auf jeden Fall soll es personelle Änderungen in der Kommunikationsabteilung geben. Die bisherige Chefin Susanne Wegerhoff soll von Ralf Klein-Bölting abgelöst werden, der dann wie bisher für das Konzernmarketing und zusätzlich für die Kommunikation zuständig sein wird. Für Wegerhoff sucht die Bahn andere Aufgaben.

Zahlen hin, Zahlen her. „Die Bahn ist ein Erfolgsmodell“, sagt Mehdorn. Auch im Güterverkehr werde sie ihren Weg machen. „Hier wachsen wir leise und schrittweise – allein oder mit Partnern.“ Kommt jetzt doch ein Wort zu den gescheiterten Hamburger Plänen? Wieder nichts. Polen, Russland und China nennt Mehdorn als Beispiel.

Von allein komme der Erfolg aber auch nicht, sagt der Bahnchef. „Dazu brauchen wir Freunde“, ruft er in den Raum. Ob Wowereit es auch gehört hat? Lang geblieben ist er nicht.

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