Zeitung Heute : Rückkehr der Keime

HARTMUT WEWETZER

Seit 1973 wurden mehr als 20 neue Krankheitserreger entdeckt.An ein Ende ansteckender Krankheiten ist nicht im entferntesten zu denken ist: Aids, Ebola und andere tropische Viren, BSE und neu auf den Plan tretende Keime fordern die Ärzte heraus.VON HARTMUT WEWETZERManchmal verschwinden Krankheiten.Die Kinderlähmung steht, zumindest in Deutschland, vor der Ausrottung.Dabei ist es noch nicht allzulange her, da erregten Polio-Epidemien mit der Folge schwerer Lähmungen großes Aufsehen.Das möglicherweise bevorstehende Ende der Kinderlähmung zeigt, daß ein ebenso preiswertes wie effektives medizinisches Instrument noch immer unschlagbar ist: die Vorbeugung, im Fall der Kinderlähmung in Gestalt der Impfung.Es könnte sein, daß nach der Ausrottung der Pocken irgendwann auch das lähmende Poliovirus aus dem Katalog der Krankheiten gestrichen werden kann. Leider hat es in letzter Zeit von der Front der Infektionskrankheiten ähnlich gute Nachrichten selten gegeben.Stattdessen mußte die Medizin lernen, daß an ein Ende ansteckender Krankheiten nicht im entferntesten zu denken ist: Aids, Ebola und andere tropische Viren, BSE, aber auch die nicht zu unterschätzende Tuberkulose, ein ganzer Zoo an leberzerfressenden Hepatitisviren und neu auf den Plan tretende Keime fordern die Ärzte heraus.Seit 1973 wurden mehr als 20 neue Krankheitserreger entdeckt.Der schrankenlose Reiseverkehr in einer von Unruhe und Globalisierung geprägten Welt trägt das seine zur Verbreitung von Infektionen bei.Gleichzeitig wächst die Impfmüdigkeit unter den Deutschen mehr und mehr.Und etliche Keime trotzen der Behandlung: sie verändern ihre Gestalt, lassen das Antibiotikum nicht mehr in ihr Inneres, entschärfen es oder schleusen es rasch wieder heraus. Bakterien, Parasiten, Viren und Pilze sind gelehrige Schüler der Evolution.Mit immer neuen Tricks übertölpeln sie unsere Versuche, ihrer Herr zu werden.Dabei wäre es naiv zu glauben, die Erreger hätten es lediglich auf unsere Schädigung oder Vernichtung abgesehen.Es geht ihnen lediglich darum, sich - und damit ihre Erbeigenschaften, ihre Gene - zu verbreiten.Zynisch gesagt: Kluge Keime lassen ihre Wirte am Leben.Das Resultat dieser Strategie sind nicht selten chronische Krankheiten, bei denen anders als bei einer Lungenentzündung oder einer Grippe die Verbindung zu Krankheitserregern auf den ersten Blick nicht einleuchtet. Mittlerweile aber gibt es kaum ein chronisches Leiden, bei dem nicht die Fußspuren irgendwelcher Mikroben gesichtet worden sind.Das gilt für Leberzell-, Gebärmutterhals- und Lymphknotenkrebs, bei denen Viren eine Rolle spielen.Das Magengeschwür wird von einem Bakterium hervorgerufen; in der Wand verengter und entzündeter Herzkranzgefäße - Ausgangspunkt des Herzinfarkts - fanden Ärzte bakterienähnliche Mikroben namens Chlamydien; bei der Zuckerkrankheit, der multiplen Sklerose und beim Rheuma - Leiden, bei denen das Immunsystem zum Angriff auf den eigenen Körper angestachelt wird - gelten ebenfalls Erreger als mitschuldig.Und schließlich scheinen sogar bei Schizophrenie und Depression bestimmte Mikroorganismen mehr als nur Zuschauer im Gehirn zu sein.Allerdings sind manche dieser Zusammenhänge noch wenig erforscht und umstritten. Trotz der Bedrohung berechtigt das wachsende Wissen über Mikroorganismen ebenso wie Fortschritte bei der Medikamenten- und Impfstoffherstellung zu einem gewissen Optimismus.Wir werden im Wettrennen mit den Erregern nicht unterliegen, wenn wir wachsam bleiben.Dazu gehört auch, daß die Infektionsmedizin hierzulande nicht weiter vernachlässigt wird, wie es Fachleute seit Jahr und Tag beklagen.So haben die Vereinigten Staaten an ihren Hochschulen 250 Lehrstühle für klinische Infektiologie; in Deutschland entsteht gerade ein einziger.Kein Ruhmesblatt für ein Land, das einstmals Infektionsforscher wie Robert Koch und Paul Ehrlich hervorbrachte.

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