Zeitung Heute : Rückschritt

ANDREAS HOFFMANN

Horno und Garzweiler II.- Vielleicht bringen diese Projekte die innere Einheit ein Stück voran, in jedem Fall aber sind sie ein Schritt zurück zu den Anfängen des IndustriezeitaltersVON ANDREAS HOFFMANNHorno, Garzweiler II.Baggert bald gemeinsam, was zusammengehört? Es scheint fast so, seit die nordrhein-westfälischen Verfassungsrichter für den rheinischen Braunkohle-Tagebau grünes Licht gaben, und der Brandenburger Landtag das Projekt in der Lausitz absegnet hat.Deutschland, einig Braunkohlenland.Vielleicht mögen diese Projekte die innere Einheit ein Stück voranbringen, in jedem Fall aber sind sie ein Schritt zurück zu den Anfängen des Industriezeitalters.Die Förderung der Braunkohle-Energie ist einer der Dinosaurier im Industriemuseum.Sie verschlingt ein immenses Kapital, damit der Brennstoff in riesigen Kraftwerksblöcken verfeuert wird.Von dezentraler Stromversorgung keine Spur, Kraft-Wärme-Koppelung und sanfte Energie - leider Fehlanzeige. Sicherlich benötigt die Bundesrepublik derzeit die Braunkohle.Neben Kernenergie und Steinkohle gehört sie zu den wichtigsten Säulen der Stromerzeugung hierzulande.Sicherlich ist es für einen Staat sinnvoll, sich auf mehrere Quellen zu stützen, um von einzelnen Produzenten nicht zu abhängig zu werden.Aber gilt das noch für die Zukunft? Lassen sich mit einer Technik des frühen 20.Jahrhunderts die Schwierigkeiten des 21.Jahrhunderts meistern? Jeden Tag lesen wir von der Globalisierung, jeden Tag hören wir, daß die Staaten, die Menschen enger zusammenrücken, vor allem die Wirtschaft.Nur für die Energiebranche soll das nicht gelten; da reden Konzernchefs von der nationalen Notreserve, und die Politiker stimmen ein.Bereits die Vergangenheit lehrt aber, daß Kartelle, wie beispielsweise die Opec, auf Dauer kaum funktionieren.Selbst die politisch unsichersten Regionen im Osten brauchen schließlich Devisen, also werden ihre Regierungen Rohstoffe verkaufen müssen. Es sind nicht nur der Verlust dörflicher Identität und die schwerwiegenden Umweltschäden, die mit beiden Großprojekten verbunden sind.Nicht nur der Raubbau an der Natur, wenn haushohe Bagger historisch gewachsene Gemeinden und Gegenden zu Mondlandschaften umpflügen und das Grundwasser absinken lassen.Selbst die Befürworter leugnen nicht die schwerwiegenden Eingriffe in die Natur.Es gibt auch ökonomische Bedenken.Keineswegs ist sicher, ob wir in Zukunft wirklich mehr Energie benötigen.Insbesondere bei Horno streiten sich die Gutachter.Entscheidend ist dort die Entwicklung der Wirtschaft im Osten, aber die sollte ohnehin schon längst blühen, erinnern wir uns einer fernen Kanzlerprognose.Als 1975 das Atomkraftwerk Wyhl gebaut werden sollte, behauptete der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Hans Filbinger, ohne das Kraftwerk gingen Ende der 70er Jahre die Lichter aus.Wyhl wurde nie gebaut, doch die Lichter im Ländle brennen. So unsicher sind halt Prognosen, und daher steht heute nur zweierlei fest.Eine Realisierung beider Großprojekte betoniert das bisherige Energiesystem bis weit in das nächste Jahrhundert hinein.Wenn ausreichend Braunkohle für Großkraftwerke bereit steht, haben andere Energieformen kaum eine Chance.Einspartechniken, alternative Energien, verstärkte Wärmenutzung werden zum Alibi der Konzerne.Betoniert wird auch die Wirtschaftsstruktur in den Landstrichen, sie bleiben einseitig auf die Kohle und das Wohl der Konzerne ausgerichtet, der Strukturwandel wird nur verzögert, aber nicht bewältigt.Natürlich sind die tausenden Jobs in den Regionen wichtig, die von der Braunkohle abhängen, und natürlich haben die Konzerne ein Recht auf Planungssicherheit, wenn sie Milliarden investieren.Ein Wesensmerkmal der Politik ist der Kompromiß, einer, der die widerstreitenden Interessen einbindet und Chancen eröffnet.Verkleinerte Vorhaben sollten daher möglich sein.

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