Zeitung Heute : Ruf der Familie

Die Alten und die Jungen sehen sich als Partner, die füreinander da sind – trotzdem gibt es Vorurteile

Cordula Eubel

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen hat am Dienstag das „Generationen-Barometer 06“ vorgestellt. Wie gut ist das Verhältnis von Alt und Jung in Deutschland?


Die (Vor-)Urteile über Jung und Alt sind ausgeprägt: Die Deutschen glauben, dass jüngere Menschen gleichgültig und respektlos sind, egoistisch, aber auch lebensfroh. Älteren Menschen werden hingegen Eigenschaften zugeschrieben wie Verantwortungsbewusstsein, Hilfsbereitschaft, Höflichkeit, aber auch Engstirnigkeit. Diese Bilder hätten sich im Prinzip seit der Antike nicht verändert, sagt Familienministerin Ursula von der Leyen bei der Vorstellung des „Generationen-Barometers 06“. Doch bei allen Unterschieden zwischen Jung und Alt – einen Krieg der Generationen sieht die CDU-Politikerin nicht.

Im Gegenteil: Für die Deutschen ist die Familie als soziales Netz wichtig. Kinder können sich in der Regel auf ihre Eltern verlassen – und umgekehrt. Das belegt die aktuelle Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach unter 2608 Bundesbürgern: 65 Prozent der Befragten geben an, dass auch erwachsene Kinder Hilfe von ihren Eltern erwarten können. Mehr als die Hälfte (53 Prozent) der Bevölkerung findet außerdem, dass Eltern ebenfalls Unterstützung von ihren erwachsenen Kindern zusteht. Dass die Älteren auf Kosten der Jugend leben, denkt nur knapp ein Viertel der 16- bis 44-Jährigen.

Im Alltag zeigt sich der starke Zusammenhalt: Eine Mehrheit der jungen Familien wird laut „Generationen-Barometer“ zumindest sporadisch unterstützt. Die Großeltern passen auf den Nachwuchs auf, helfen im Haushalt, oder geben Geld, wenn es um neue Babykleidung oder auch den Kauf einer Wohnung geht. Von finanziellen Transfers profitieren insgesamt 82 Prozent der jungen Familien, von immateriellen Unterstützungsleistungen sogar 92 Prozent.

Umgekehrt sind die Jüngeren aber auch bereit, bei der Pflege ihrer Eltern zu helfen, sofern sich das mit dem Beruf vereinbaren lässt und diese nicht zu weit entfernt wohnen. Knapp die Hälfte der unter 55-Jährigen (47 Prozent) sagt, dass sie helfen können, wenn Vater oder Mutter zum Pflegefall werden. Eine Unterstützung, auf die Kinderlose nicht bauen können: Nur jeder Fünfte über 55 erwartet, dass ein Familienangehöriger ihn pflegen wird. Bei den über 55-jährigen Alleinstehenden ohne eigene Kinder rechnen sogar nur sechs Prozent der Befragten damit, dass Angehörige sich um sie kümmern werden. Jeder zweite aus dieser Personengruppe fürchtet deshalb, im Alter einsam zu sein.

Vor allem in Notsituationen bauen Menschen darauf, dass die Familie einspringt. Bei Krankheit, Arbeitslosigkeit oder im Alter setzt gut die Hälfte der Bevölkerung (51 Prozent) am ehesten auf die Hilfe der Verwandten. Knapp ein Drittel (32 Prozent) der Befragten verlässt sich auf sich selbst, und nur sieben Prozent erwarten Hilfe vom Staat. „Die Familie ist besser als ihr Ruf“, sagt Familienministerin von der Leyen. Sie werde wichtiger, „obwohl sie kleiner und bunter wird“. Dabei erweitert sich der Familienbegriff, berichtet Renate Köcher, Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach. So erwarte man heute nicht nur Solidarität von der engeren Familie, sondern auch von Onkeln, Cousins und anderen Verwandten.

Für 76 Prozent der Bürger ist die Familie der wichtigste Lebensbereich, nur für je acht Prozent stehen die Arbeit und der Freundeskreis an erster Stelle. Hobbys haben für vier Prozent Priorität. Den Zusammenhalt in der engeren Familie bezeichnen 84 Prozent der Befragten als stark, 42 Prozent auch im weiteren Verwandtenkreis. Dabei unterscheidet sich die Wahrnehmung von der eigenen Familie und der Gesellschaft deutlich: Nur ein Drittel der Befragten (32 Prozent) glaubt, dass es einen starken Zusammenhalt in den meisten Familien gibt. Obwohl die eigenen Erfahrungen im engen Familienkreis meist positiv sind, hält sich die Vermutung, dass es bei anderen Menschen nicht so rosig aussieht. Insgesamt malt die Mehrheit für die nächsten zehn Jahre ein „relativ düsteres Zukunftsszenario“, berichtet Allensbach-Geschäftsführerin Köcher – mit mehr Vereinsamung, weniger Zusammenhalt und zunehmenden sozialen Unterschieden.

Durch den gesellschaftlichen Wandel hat sich das Verhältnis zwischen Jung und Alt verändert: weniger Hierarchien, mehr Partnerschaft. Die Jüngeren haben in der Regel bei technologischen Neuerungen die Nase vorn. „Jede Generation kann der anderen etwas geben“, sagt Meinungsforscherin Köcher. Nach Ansicht von Familienministerin von der Leyen wird sich die Art des Zusammenlebens ändern. Das entspricht auch den Wünschen der meisten Befragten: Knapp zwei Drittel der Deutschen wollen im Alter nicht alleine wohnen, sondern in der Alten-WG, bei den Kindern, im Seniorenheim oder in einem Mehrgenerationenhaus.

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