Zeitung Heute : „Rugova war ein Symbol, aber kein Akteur“

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Nach dem Tod Ibrahim Rugovas wurden die KosovoVerhandlungen verschoben. Könnten sich dabei die radikalen Kräfte durchsetzen, Herr Busek?

Ohne die Bedeutung von Rugova unterschätzen zu wollen: Diese Gefahr hat an sich immer bestanden. Gegenwärtig hören wir auf beiden Seiten radikalere Töne, sowohl in Belgrad als auch im Kosovo. Einerseits versuchen sich auch diejenigen, die früher etwas kompromissbereiter waren, besonders in ihren Positionen einzugraben, um mit einer möglichst scharfen Haltung in die Status-Gespräche zu gehen. Andererseits begünstigt das natürlich auch die Radikalen. Rugova war quasi der Deckel darüber. Er wäre sicher am Ende bei den Status-Gesprächen doch nicht der entscheidende Verhandler gewesen. Er war ein Symbol, aber eigentlich kein politischer Akteur.

90 Prozent der Bewohner des Kosovo sind Albaner, die Serben bilden eine Minderheit. In dieser Situation verband sich aber mit Rugova eine Hoffnung: Dass sich eine tragfähige Lösung für die Zukunft des Kosovo wird finden lassen – unabhängig von Belgrad, aber doch nicht völlig losgelöst.

Es ist jetzt natürlich schwer, darüber zu spekulieren, welche Rolle Rugova bei den Status-Gesprächen gespielt hätte. Als Präsident des Kosovo war er keine politisch handelnde Person. Das lag nicht nur an den rechtlichen Regelungen, sondern auch an seinem Naturell. Seine Bedeutung lag allerdings darin, dass er die größte Partei des Kosovo zusammengehalten hat, die Demokratische Liga. Die Frage wird jetzt sein: Wird diese Partei zusammenbleiben oder zerfällt sie in unterschiedliche Strömungen?

Wie lange, glauben Sie, werden die Verhandlungen über den Status der Provinz dauern?

Wenn man erst einmal alle an einen Tisch bringt, wird man zunächst auskundschaften müssen, wo sich überhaupt etwas bewegt. Ich persönlich rechne damit, dass es innerhalb der nächsten vier bis sechs Monate eine große Krise geben wird, bei der dann alle irgendwo empört den Verhandlungstisch verlassen. Dann wird der Druck der internationalen Gemeinschaft sicher zu verstärken sein, dass hier etwas weitergeht. Meine Hoffnung ist, dass bei den Gesprächen eine Art Fahrplan herauskommt. Dabei könnte ein relativ langer Zeitplan vorgesehen werden für einen allmählichen Übergang der Provinz von der Autonomie in eine Quasi-Unabhängigkeit. Der letzte Schritt, nämlich die internationale Anerkennung für das Kosovo und der Sitz bei den Vereinten Nationen, wird sicherlich sehr lange dauern – wenn es überhaupt möglich ist. Ich persönlich sage, es sollte am Ende aller Tage möglich sein. Es ist ein Gewöhnungsprozess, den vor allem Belgrad braucht.

Erhard Busek ist seit 2002 Sonderkoordinator des Stabilitätspaktes für Südosteuropa. Der ÖVP-Politiker war von 1991 bis 1995 österreichischer Vizekanzler.

Das Gespräch führte Albrecht Meier.

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