Zeitung Heute : Ruhe im Rudel

Ein Fußball-Schiedsrichter muss mehr sehen als 20 Fernsehkameras – auch, ob die Spieler die richtigen Unterhosen tragen. Vor allem aber muss er gelassen bleiben. Mitten im Schiedsrichter-Streit pfiff Lutz Fröhlich die Partie der Erzfeinde Bayern und Kaiserslautern.

Barbara Nolte[Kaiserslautern]

Von Barbara Nolte,

Kaiserslautern

Es hat zu regnen angefangen in Kaiserslautern. Das Stadion ist fast leer. Nur im VIP-Bereich sind noch ein paar Besucher. Es muss eine ganze Menge VIPs in der Pfalz geben, jedenfalls ist der Raum groß wie eine Turnhalle. Die Stühle darin sind rot und blau gepolstert, die Gestänge in vornehmem Gold. An einem der hinteren Tische sitzt Lutz Fröhlich, der Schiedsrichter. Er trägt einen dunkelblauen Anzug mit Weste, hellblaues Hemd, dunkelrote Krawatte und schneidet an einer Scheibe Braten herum. Über seinem Tisch hängt ein Fernseher, in dem die Zusammenfassungen der Spiele des Wochenendes laufen. Gleich kommt die Partie, die er gerade abgepfiffen hat: Kaiserslautern – Bayern. Aber Fröhlich schaut nicht hin. „Ich gucke mir meine Spiele nie an“, sagt er, „ich kenne sie ja.“

Vor dem Spiel hatte Fröhlich von „potenziertem Hochgefühl“ gesprochen, wenn er die brisante Begegnung heute gut über die Runden bringen sollte. Vergangene Saison hatten die Kaiserlauterner Profis die Bayern extrem gefoult und die ohnehin schon aggressive Stimmung der Fans noch angeheizt. Diesmal steht Kaiserslautern auf dem letzten und Bayern auf dem ersten Tabellenplatz. Diesmal war in den Medien von einem Hass-Spiel die Rede, und Bayerns Trainer Ottmar Hitzfeld sprach von einem Spiel „am Rande des Ausnahmezustandes“. Für den Schiedsrichter hätte es zum Spiel am Rande des Nervenzusammenbruchs werden können. In der Partie sollte der Konflikt kulminieren, der in diesen Wochen unter dem Etikett „Schiedsrichter-Streit“ läuft.

Denn etliche Schiedsrichter-Entscheidungen liefen dem Gerechtigkeitsempfinden der Zuschauer entgegen. Jüngstes Beispiel: Vergangene Woche flog der Cottbusser Abwehrspieler Christian Beeck vom Platz, weil er nach seinem Tor einen Zaun hochgeklettert war. Er hatte schon eine gelbe Karte, und weil nach den Fußball-Regeln „provokatives Feiern“ verboten ist, bekam er die gelb-rote Karte. In der Woche zuvor hatte beim Spiel Bayern gegen Dortmund ein Spieler wegen eines groben Fouls nur gelb gesehen, ein anderer aber wegen Meckerns rot. Trainer und Manager, zuletzt Hertha-BSC-Manager Dieter Hoeneß, forderten in dieser Woche von den Schiedsrichtern „mehr Fingerspitzengefühl“. Am Mittwoch unternahmen die Vereine und der Deutsche Fußball-Bund einen Versöhnungsversuch. Sie beschlossen, nach der Winterpause einen vierten Mann einzuführen, der extra für die Mannschafts-Bänke zuständig sein soll. Das ist auch ein bisschen eine symbolische Entscheidung. Denn wer weiß schon, ob ein vierter Mann die Zahl der Fehlentscheidungen wirklich reduziert.

In der Partie Bayern gegen Kaiserslautern wurde also der neue Friede auf die Probe gestellt. Alle würden auf Lutz Fröhlich schauen. Er würde beweisen müssen, dass die Schiedsrichter doch so etwas haben wie Fingerspitzengefühl, selbst bei aufgeladener Stimmung. Doch dann kam alles ganz anders. Die Spieler gingen auf dem Platz so pfleglich miteinander um, dass die Partie fast an Damenfußball erinnerte. „Ich war überrascht, wie wenig Leben noch in der Mannschaft von Kaiserslautern ist“, sagt Fröhlich. Und die Lautern-Fans hatten bei der 2:0-Niederlage ihrer Mannschaft noch nicht mal ihre Fahnen ausgewickelt. Fröhlich grinst ein wenig und sagt: „Ich bin sehr zufrieden auch mit meiner Leistung. Ich habe mich mit der Art und Weise, wie ich Spiele führe, in dieser Partie ganz gut wiedergefunden.“ Aber wo ist das „potenzierte Hochgefühl“? Selbst zwei Stunden nach dem Schlusspfiff wirkt er noch immer beherrscht.

Wahrscheinlich ist Fröhlich einfach ein eher sachlicher Mensch. Vielleicht muss man als guter Schiedsrichter so sein. Schon am Tag zuvor, im Berliner Sender SFB, wo er in der Intendanz arbeitet, wirkte er freundlich, aber nüchtern. „Dort hinten“, er zeigt aus dem Fenster im 13. Stock, „liegt das Mommsen-Stadion.“ Dort laufe er in den Mittagspausen oft seine 10 000 Meter. Bundesliga-Schiedsrichter, erklärt er, bräuchten nämlich eine hervorragende Kondition. Er hält der Reporterin eine Schale Bonbons hin: „Red Ginseng – die habe ich aus Korea mitgebracht. Schmeckt nach alter Wurzel, soll wahnsinnig gesund sein.“ Am Montagabend erst ist er zurückgekommen aus Korea. Der Deutsche Fußballbund (DFB) hatte ihn an die koreanische Liga ausgeliehen. Vom Schiedsrichter-Streit hat er also gar nicht viel mitbekommen. Vielleicht hat ihn der DFB deshalb für die heikle Partie eingeteilt. Aber was denkt er über den Streit? Lutz Fröhlich sagt: „Wir Schiedsrichter haben nur in manchen Fällen Ermessensspielraum. Unser Maßstab sind die Regeln. Wir müssen ja für die Mannschaften berechenbar sein.“

Die Fußball-Regeln reichen von Nummer 1: „Das Spielfeld ist rechtwinklig“ bis Nummer 17: „Beim Eckstoß darf die Eckfahne nicht entfernt werden.“ Und manchmal klingen sie reichlich unsinnig wie Nummer 4: „Ein Trikot ist ein Kleidungsstück mit zwei Ärmeln dran.“ Aber auch der Lehrwart des Berliner Fußballverbandes, Carsten Voss, dringt bei seinen Schulungen auf korrekte Einhaltung. „Ich sage meinen Schülern: Dann seid ihr auf der sicheren Seite.“ Und was ist mit dem Fingerspitzengefühl? Voss zitiert einen Kollegen, der immer gesagt habe: „Fingerspitzengefühl habe ich bei meiner Frau zu Hause.“

So lernen die Jugendlichen vom Leistungskader-Treffen – also die Talente, die später mal in der Bundesliga pfeifen sollen – Regeln und Unterregeln. Diese Woche ging es um die Unterhosen-Frage. Radlerhose nennen sie die Schiedsrichter. Wenn die nicht dieselbe Farbe wie die Sporthose hat, darf ein Spieler nicht auf den Platz. Außer, es ist eine orthopädische Hose – zu erkennen an ihrer rosaroten Farbe. „Was ist, wenn eine orthopädische Hose ausnahmsweise grün ist?“, fragt einer. „Interessante Frage“, meint ein anderer, „was ist die Lehrmeinung?“ Dann müsse dem Schiedsrichter vor dem Spiel ein Attest gezeigt werden. „Wer sich in der Verbandsliga keine farblich passenden Radler-Hosen leisten kann, der hat es nicht verdient, mitzuspielen“, sagt der Ausbilder. Und wer in der Unterhosenfrage mal ein Auge zudrückt, bekommt eine schlechte Note. Bei den meisten Spielen sitzt nämlich ein Schiedsrichter-Beobachter auf der Tribüne und schreibt anschließend Bewertungen. Nur wer immer gute Noten hat, steigt in eine höhere Spielklasse auf. Unter Schiedsrichtern herrscht ein Leistungsdruck wie unter Fußballern.

Lutz Fröhlich hat sich durch die Berliner Ligen hochgearbeitet bis in die Bundesliga, in der sich der Nebenjob erstmals richtig lohnt: 3000 Euro gibt es pro Partie. Sein Erfolgsrezept? Vielleicht die Fähigkeit zur schnellen Entscheidung. Wer zögert, ist verloren. In Holland hat sich letztens ein Schiedsrichter an der Seitenlinie Rat geholt. Nicht von seinem Assistenten, sondern von seiner Frau. Seine Karriere war damit zu Ende. Und selbst mögliche Fehlentscheidungen, sagt Fröhlich, müsse man im Spiel erst einmal einfach wegstecken. „Wenn man über einen Fehler lange nachdenkt, verliert man die Konzentration und macht neue.“ Denn das wirklich Schlimme sind nicht die pfeifenden Fans. „Man ist so konzentriert, die hört man sowieso nicht.“ Es sind auch nicht so sehr Spieler, die einen im Rudel bedrängen, wie es seit dieser Saison verboten ist. „Das ist unangenehm, schon.“ Schlimm aber ist, wenn man das Gefühl fürs Spiel verloren hat. Natürlich ist es auch nicht gerade angenehm, dass heute alle Fehler aufgedeckt werden. Der Schiedsrichter findet sich in einem Wettlauf mit etwa 20 Kameras wieder, die die Stadien Zentimenter für Zentimeter vermessen. Da kann er nur verlieren.

15 Uhr 30. Das Spiel beginnt. Auf der Pressetribüne des Fritz-Walter-Stadions hat Günter Linn die Stoppuhr und eine so genannte Beobachtungskarte vor sich gelegt. Linn ist Fröhlichs Beobachter. Er ist sogar der Chef aller Bundesliga-Beobachter. Linn ist um die 70, er kommt aus einer Generation, in der ein Schiedsrichter 72 Mark pro Spiel verdient hat – plus Erbsensuppe danach. Er trägt eine goldene Brille und ist mit seiner großen schwarzen Adidas-Jacke und der Krawatte drunter ein bisschen wie Berti Vogts gekleidet. „Ich werde auf meinem Bogen vermerken, dass es ein schwer zu leitendes Spiel ist – wegen der Stimmung“, sagt er. Doch auch er liegt falsch. Fröhlich muss den einen oder anderen Spieler zur Seite nehmen, er zeigt nur vier gelbe Karten. Pfiffe? Zu vernachlässigen. Und Fröhlich liefert den Medien instinktiv ein symbolisches Bild. Er fasst Mario Basler jovial am Arm. Text des „Sport-Studios“ dazu: „Schiedsrichter Fröhlich hatte die Partie immer im Griff.“ Linn sagt beim Rausgehen: „Spiel war nicht berauschend, gell?“ Und die Schiedsrichter? „In Ordnung, doch.“

Der Schiedsrichter, die beiden Linienrichter und Linn essen zufrieden ihren Braten, bevor sie aufbrechen. Plötzlich schauen sie zum Fernseher hoch. Da fuchtelt ein Stuttgarter Spieler übermütig mit einer Eckfahne über seinem Kopf herum. Er muss ein Tor geschossen haben. Geht der Schiedsrichterstreit nun doch in seine nächste Runde – und zwar nicht, wie alle erwartet hatten, in Kaiserslautern, sondern in Stuttgart? Bekommt der Spieler jetzt die gelbe Karte? Oder die rote? Nein, nein, sagt ein Linienrichter beruhigend. Eckfahnenschwenken gehört nicht zum „provokativen Feiern“. „Mit Eckfahnen kann man machen, was man will.“

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