Zeitung Heute : Ruhestätten unter Myrtensträuchern und Wildrosen

Dietmar Telser

Der römische Volkstribun wollte auch nach seinem Tode noch hoch hinaus: Eine Pyramide wünschte sich Caius Cestius als Grabmal, 30 Meter hoch und mit Marmorplatten verkleidet. Heute, rund zwei Jahrtausende später, hat es das monumentale Grab schwer, sich in der Ewigen Stadt zu behaupten. Am Beginn der stark befahrenen Via Ostiense, in der Nähe des römischen Industrieviertels, zieht es nur wenige Besucher an. Vielen dient die Pyramide einzig als Orientierungshilfe auf dem Weg zu Roms vielleicht bekanntestem Friedhof, dem "Cimitero Acattolico per gli Stranieri al Testaccio".

Dort, in der ungeweihten Erde, im Schatten der Cestius-Pyramide, fanden vor allem Roms Protestanten und Atheisten ihre letzte Ruhe. "Resurrecturis" - denen, die auferstehen werden - steht eingemeißelt über dem Eingangstor zum Friedhof. Denen, die lediglich eintreten wollen, wird meist erst nach mehrmaligem Klingeln das Tor zur Ruhestätte geöffnet. Auf engstem Raum reihen sich die Gräber zwischen Myrtensträuchern und Wildrosen, so dass man sich an den schmalen Weg halten sollte, um nicht mühsam und pietätlos über die Grabplatten zu stolpern.

Goethe und Humboldt

Etwa 4000 Menschen fanden hier im Schatten von Pinien und Zypressen ihre letzte Ruhe. Oftmals sind es keine Unbekannten: die englischen Autoren Percy Bysshe Shelley und John Keats, der Italiener Carlo Emilio Gadda sowie der Mitgründer der italienischen kommunistischen Partei Antonio Gramsci fanden hier ihre letzte Ruhestätte. Auch der Heilbronner Schriftsteller Wilhelm Waiblinger sowie der Architekt Gottfried Semper wurden hier begraben. Selbst auf die Namen Goethe und Humboldt trifft man. Zwar sind es nur die Söhne Johann Wolfgang von Goethes und Wilhelm von Humboldts, aber dennoch bleiben die deutschen Touristen lange und ehrfurchtsvoll vor den schlichten Grabsteinen stehen.

Glaubt man den Berichten, so mussten die Nicht-Katholiken rasch und heimlich verscharrt werden. Nächtens bei Fackelschein und unter Polizeischutz habe man die Toten zu Grabe getragen. "Al fiume!" - "In den Fluss mit dem Toten" - sollen die Römer den Todeszügen nachgerufen haben. Fest steht, dass bis Ende des 19. Jahrhunderts Kreuze auf den Gräbern verpönt und Grabinschriften wie etwa "Hier ruht in Gott" nicht erlaubt waren.

20 000 Besucher zählt man jährlich auf dem Friedhof. Auf frische Gräber treffen die Touristen kaum. "Noch ein Jahr", schätzt Gianfranco Marcantonio, Direktor des Friedhofs, "vielleicht etwas länger." Dann ist der außergewöhnliche Gottesacker endgültig belegt.

Gelebter Unterschied

Wirklich Raum gibt es auch auf dem "Campo Santo Teutonico" im Vatikan nicht mehr. Links vom großen Portal zum Petersdom, dort, wo sich die beiden Schweizer Gardisten die Beine in den Bauch stehen und von Vatikan-Touristen aus sicherer Entfernung belagert werden, befindet sich der Eingang zum "teutonischen" Friedhof. Hier darf sich jeder deutsche Tourist auch als solcher zu erkennen geben. Während Italienern auf die Frage nach dem Friedhof etwas von speziellen Genehmigungen erklärt wird, die "sehr viel Geld" kosten, wird jeder Deutschsprachige prompt eingelassen. Der Friedhof ist im Besitz der um 1450 gegründeten katholischen "Erzbruderschaft zur schmerzhaften Muttergottes", die dort ihre deutsch-flämischsprachigen Brüder bestatten.

Als Friedhof der Einheimischen gilt der Campo Verano neben der Universität La Sapienza im Studentenviertel San Lorenzo. Hier zeigt sich der italienische Umgang mit dem Tod am deutlichsten. Wer eintritt, wird von klassischer Musik empfangen und kann auch jene morbide Inschrift auf einem Stein finden, die verkündet: "Quello che siete fummo, quello che siamo sarete" - "Was ihr seid, sind wir gewesen, was wir sind, werdet ihr sein."

"Nach dem Tod sind wir alle gleich" - auch so lässt sich dieser Spruch verstehen. Doch von Gleichheit ist auf dem Friedhof keine Spur: Auf dem Campo Verano werden die vermeintlichen Unterschiede gelebt. Wer etwas auf sich hielt, hat sich hier ein Denkmal gesetzt, prunkvolle Mausoleen oder monumentale Grabsteine mit grotesken Engelsfiguren etwa. Das einfache Volk hingegen ruht in schlicht geschmückten Grabhügeln oder in engen Grabnischen.

Aber auch in Rom wurden Begräbnisstätten aus dem Stadtzentrum mit seinen teurem Grund und Boden verbannt. Doch mit dem neuen Friedhof Flaminio im Norden der Stadt wollen sich die Römer partout nicht abfinden. Wer den Friedhof erreichen will, muss eine weite Strecke über den oft verstopften Racordo Annulare, die Umgehungsstraße, zurücklegen. Wütend schimpfen jene, die den Leichenwagen ihrer Lieben begleiten, und dabei Stunden lang in Hitze und Verkehrschaos stecken. Zu Allerseelen, dem "Giorno dei Morti", stauen sich hier die Wagen der Römer. Außerdem sei der Friedhof allzu groß und viel zu unübersichtlich, klagen sie.

In mehrstöckigen rostbraunen Reihenhäusern mit Reihen von Grabnischen, den so genannten Loculi, wird den Toten ein eigenartiges letztes Zuhause bereitet. Und auch hier klagt so manche Betagte, die sich die Treppen hinauf quält, über den langen Weg zum verblichenen Liebsten im dritten Stockwerk. "Aber andererseits", stellt eine alte Römerin fest, "die Blumen, die halten hier länger."

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben