Zeitung Heute : Ruhmreiches Berlin

Harald Martenstein

Ich mache mich nicht darüber lustig. Ich habe auch ein schlechtes Gedächtnis, ich vergesse dauernd irgendwas. Mir hätte das auch passieren können.

Fest steht, dass unsere Berliner Stadtregierung, um die kulturelle Weltgeltung der Metropole Berlin ein weiteres Mal zu unterstreichen, einen Walk of Fame bauen will, genau wie ihn Hollywood in Amerika hat. Hollywood ist ein Bezirk von Los Angeles. Der Walk of Fame soll berühmte Filmschaffende mit Hilfe von Sternen ehren, die man in den Boden einlässt. Er soll auf dem Mittelstreifen der Potsdamer Straße gebaut werden, genau gegenüber vom Filmmuseum. Bei der Berlinale 2010 soll der Walk of Fame feierlich eröffnet werden. Das ist beschlossene Sache.

Das erste Problem besteht darin, dass der Walk of Fame gar nicht Walk of Fame heißen darf, dieser Name gehört offenbar dem Bezirk Hollywood. Amerikanische Anwälte verstehen keinen Spaß. Deswegen heißt er, wenn er kommt, „Boulevard der Stars“. Das zweite Problem ist, dass die gleiche Stadt, die im Jahre 2010 den Boulevard der Stars eröffnen will, im Jahre 2007 beschlossen hatte, dass an genau der gleichen Stelle, nämlich auf dem Mittelstreifen der Potsdamer Straße, eine Straßenbahn gebaut wird. Diese Straßenbahn soll täglich 40 000 Menschen vom Alexanderplatz zum Potsdamer Platz und weiter nach Steglitz transportieren. Wegen des Konjunkturprogramms gibt es vielleicht sogar schon nächstes Jahr Geld dafür. Das heißt, weil die Stadt aus Schussligkeit 2008 vergessen hat, was sie 2007 wollte, werden womöglich 2009 an genau der gleichen Stelle, parallel, eine Straßenbahnlinie und ein Boulevard der Stars gebaut. Das gibt ganz sicher Streit zwischen den beiden Bautrupps.

Jetzt ist die Lage noch komplizierter geworden. Historiker haben herausgefunden, dass Berlin längst einen Walk of Fame besitzt! Er befindet sich in der Friedrichstraße, am Friedrichstadtpalast, und wurde 2003 eröffnet. Das ist natürlich sehr lange her. Nun, eine Stadt, die zwei Zoos hat, die wird sicher auch zwei Walks of Fame verkraften. Der erste Walk of Fame enthält unter anderem Liza Minnelli und heißt „Berliner Pflaster“, das klingt nicht gut, finde ich, er wurde unter anderem gesponsort von der Autofabrik Opel. Da weiß man sowieso nicht, was daraus wird. Opel geht es schlecht. Noch komplizierter wird es dadurch, dass die berühmteste Berliner Filmschaffende ausgerechnet Marlene Dietrich heißt. Deren Familie hat verbieten lassen, dass Marlene Dietrich auf irgendeinem Berliner Pflaster oder Boulevard mittels Stern geehrt wird, sie sind, warum auch immer, völlig dagegen.

Mein Gott! So viel Trouble. Es ist doch nur ein kleiner Walk of Fame. Berlin – ewig werden, niemals sein.

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