Zeitung Heute : Rund um die kleinsten Teilchen

Beste Zukunftsaussichten für Nanotechnologen – gefragt sind Spezialisten der Naturwissenschaften

Verena Wolff[dpa]

Die Technologie der kleinsten Teilchen gilt als Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts. Und sie bewegt wieder mehr Studierende dazu, sich in die klassischen Natur- und Ingenieurwissenschaften zu vertiefen: „Die Berufsbilder scheinen durch die Anwendungsorientierung in der Nanotechnologie näher“, sagt Beatrix Kohnke, Leiterin der Geschäftsstelle des Nano Netzwerk Hessen in Kassel. Die Zukunftsaussichten für Nanotechnologen sind bestens, ergänzt Andreas Leson vom Fraunhofer Institut für Werkstoff- und Strahltechnik in Dresden.

Zahnpasta gegen ein schmerzendes Gebiss, Duschwände ohne Kalkränder und Lippenstifte, die an den Lippen und nicht am Mittagessen haften – all dies sind Anwendungsgebiete der Nanotechnologie. Und es sind Betätigungsfelder für Absolventen aus den klassischen Naturwissenschaften, Medizin, Pharmazie und den Ingenieurwissenschaften. „Meist beschäftigen sich die Studierenden nach dem Vordiplom mit einem Feld der Nanotechnologie“, sagt der Physiker Leson. Spezialisierungen können dabei in der Materialtechnik liegen oder in der Elektronik. „Die Nanowissenschaft ist so breit, dass wir uns kaum Konkurrenz machen können“, sagt die Biochemikerin Kohnke. Und Nanowissenschaftler werden in den kommenden Jahren immer mehr gebraucht, meint Leson: „Nach den Marktprognosen ist die Nanotechnologie unbestritten eine Wachstumsbranche.“ Die Materie, um die es den Absolventen dabei geht, ist so klein, dass sie mit bloßem Auge nicht zu erahnen ist. „Ein Nanometer ist der milliardste Teil eines Meters – darin haben nur ein paar Moleküle Platz“, erläutert Kohnke. Aber das Wissen um die kleinsten Teilchen – „Nano“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet Zwerg – und die immer stärkere Forschung darüber machen sie zu einem wichtigen Stoff für die Zukunft. Länder haben Netzwerke gegründet, um schnell marktreife Produkte aus den Forschungsergebnissen zu bekommen.

Studierende profitieren davon, weil sie in den Firmen Praktika machen oder Abschlussarbeiten schreiben können. Wichtig ist nach Expertenmeinung, dass Hochschulen und Unternehmen nicht nur lokal vernetzt sind, sondern sich an internationalen Standards orientieren. „Wir betreiben weltweit konkurrenzfähige Grundlagenforschung“, sagt Kohnke. An zahlreichen Hochschulen gibt es Ausgründungen kleiner Firmen, die sich auf eine Nische in der Nanotechnologie spezialisieren und ausgefeilte Produkte und Lösungen anbieten.

„Rund 500 Unternehmen, so schätzt man, haben in Deutschland mit Nanotechnologie zu tun“, sagt Leson. Ganz große seien das und viele kleine. Etwa 80 davon sitzen in Dresden und Umgebung. In Sachsen ist nach Lesons Worten vor allem die Halbleiterindustrie an den nanotechnologischen Entwicklungen interessiert. Karlsruhe hingegen gilt als deutsche Wiege der Grundlagenforschung. „Und dann gibt es noch ein paar weitere Zentren wie Darmstadt, Münster oder München.“ Angehende Studenten müssen nach der Meinung der Experten zweierlei mitbringen: Interesse und fundierte Kenntnisse an und in den Naturwissenschaften und die Offenheit, mit Kollegen aus anderen Disziplinen zusammenzuarbeiten. Notwendig sind außerdem gute englische Sprachkenntnisse. „Ohne Englisch geht nichts – es gibt kaum Publikationen dazu auf Deutsch“, so Leson.

Später im Job sind die alt bekannten „Soft Skills“ wie Kommunikations- und Teamfähigkeit gefragt. „Die beste Innovation nutzt schließlich nichts, wenn sie nicht an den Mann gebracht wird“, sagt Kohnke. Zwar sind Nanotechnologen derzeit meist Hochschulabsolventen und arbeiten in den Bereichen „Forschung und Entwicklung“ oder in der Produktion. Wer allerdings eine Firma gegründet hat, muss sich auch betriebswirtschaftlich auskennen und den Vertrieb seines Produktes in die Hand nehmen. Zudem, da sind sich die Experten sicher, werden in der wachsenden Branche neue Berufsbilder entstehen. Während die Nanotechnologie heute noch sehr akademikerlastig sei, müsse es in Zukunft auch gut ausgebildete Assistenten geben, die die praktische Arbeit vorantreiben. Dies können laut Leson Fachhochschul-Ingenieure ebenso sein wie ausgebildete Techniker– die Hochschulabsolventen übernehmen dann eher die Grundlagenforschung.

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