Zeitung Heute : Russische Festwochen

Kyrillische Karten, Stretchlimousinen im Schnee: Österreichs exklusive Skigebiete leben jetzt sehr gut von einer neuen Klientel. Sie hat Geld, Glamour und widerlegt alte Klischees. In Sölden kann man das besonders gut beobachten

Ingrid Müller[Sölden]

Die Bürgersteige sind in diesen Tagen etwas zu schmal. In großen Gruppen schieben sich Menschen in edelstem Outfit vorbei an Juwelieren und Sportgeschäften. Der Pelzfaktor erreicht Spitzenwerte. Im schmelzenden Schnee wartet eine weiße Stretchlimousine auf Kunden. Die Speisekarten im Ort preisen Tirolerisches in kyrillischer Schrift, und auf der Straße wird fast nur Russisch gesprochen. Willkommen in Mini-Moskau. Nichts anderes ist der österreichische Nobelskiort Sölden in den ersten beiden Januarwochen.

Eine Blondierte, mit verspiegelter Sonnenbrille auf die schwarze Baseballkappe gesteckt und mit großen Ringen an den Fingern, gerät ins Schwärmen. „Ist das nicht toll?“ Inna Mosers russische Heimat ist Tausende Kilometer weit weg, seit die Liebe sie nach Österreich gezogen hat, aber in diesen Tagen ist ihr Russland sehr nah. Ein Fest für die 39-Jährige.

Und für Sölden ein Segen. Für die Russen hat der 3300 Einwohner zählende Ort mit seinen drei Dreitausendern und Gletschern einen guten Klang. Und Namen sind wichtig für diese Kundschaft, die viel Geld hat und es gern im Ausland ausgibt. Besonders hier. In Sölden mit seinen 11 000 Gästebetten belegen die russischen Gäste inzwischen nach Deutschen und Holländern Platz drei der Urlaubernationen. Sie retten das Jännergeschäft. Für die Söldener Gastronomen trifft es sich also gut, dass die zwei Wochen später Weihnachten feiern als die Europäer. Und dass das Geschäftsleben in Moskau in den ersten beiden Wochen des Jahres per Dekret quasi stillsteht.

Ein rasante Entwicklung, nicht allein damit zu erklären, dass man selbst in viel zu warmen Wintern wie diesem in Sölden noch ganz gut Ski laufen kann.

Es gäbe andere Orte. Und noch vor sechs Jahren wurde nicht einmal eine von hundert Übernachtungen in den Söldener Hotels von einem russischen Gast gebucht. Für diesen Winter aber rechnet der Tourismusverband mit acht Prozent. Das entspricht rund 10 000 Russen. Tendenz: weiter steigend.

Nicht ganz zufällig. Denn die Söldener werben schon seit Jahren um die neuen Kunden aus dem Osten. Nach Wien ist Sölden inzwischen bei den Russen der beliebteste Urlaubsort in Österreich, noch vor Ischgl.

„Als wir merkten, dass die Deutschen weniger werden, haben wir eine Menge Geld in die Hand genommen. Wir fahren jedes Jahr in mehrere russische Städte“, sagt Tourismus-Obmann Bernhard Riml, der mehrere Sportgeschäfte im Ort betreibt. Eine Direktverbindung Moskau – Innsbruck bringt die Urlauber schnell in den westlichen Schnee. Und nun kommt das Geld zurück.

Denn wer sich einen Skiurlaub im nicht eben billigen Sölden leisten kann, muss gut verdienen. Die neue Kundschaft lebt nach der Devise: Hast du Geld, lebe heute, du weißt nicht, was morgen kommt. Darauf haben sich die Söldener Geschäfte inzwischen eingestellt. Seit Jahresbeginn gibt es extra für sie donnerstags Nightshopping bis 22 Uhr, eine Ausnahmegenehmigung macht’s möglich. In den Vorjahren hatten sich die Gäste aus dem Osten gewundert – die Läden seien ja öfter geschlossen als offen.

Die Geschäftsleute haben es nicht bereut. „Die Russen kaufen schon mal rasch für 2500 Euro ein“, sagt die Kassierin in der „Sport-Hütte“ an der Gaislachkoglbahn. Nur hochwertige Markenware soll es sein. Wenn sie Ski leihen, verlangen sie nach den Spitzenmarken, die die Topstars im alpinen Weltcup fahren. Andere Hersteller kommen nicht infrage, selbst wenn auch die gute Ski bauen. „Wenn es nicht gibt, was sie wollen, drehen sie sich auf dem Absatz um“, sagt einer der Verkäufer.

Auch Bernhard Riml weiß um das Markenbewusstsein. Riml, grau meliert, Ende fünfzig, ist Tourismus-Obmann. Unter anderem. Sein Familienclan bewirtschaftet den halben Ort. Und Riml führt einen Sportladen, neu wie die Läden der Konkurrenz im Ort. Ein funkelnder Glaspalast mit 700 Quadratmetern Verkaufsfläche auf drei Etagen – und einer Bar. Riml trägt Pulli und Poloshirt, farblich abgestimmt in Braun- und Beige-Tönen. Doch in seinem Sportgeschäft wirkt er damit fast ein wenig underdressed. An den Kleiderstangen hängen weiß, rot und oliv schimmernde Jacken mit Pailettenstickerei und dicken Pelzkragen, das Stück für rund 900 Euro. Für die einkaufsfreudigen russischen Damen hat sich Riml extra eingedeckt. Sie mögen Pelz auch auf der Piste. Echten versteht sich. „Und Glitzer ist wichtig“, sagt Riml. Wenn die Jacke gefalle, spiele der Preis keine Rolle. Natürlich hat er auch gleich eine Erklärung parat: Daheim, in Russland, seien Skisachen oft viel teurer. Einer seiner Kunden hatte kürzlich einen Ski verloren, brauchte einen neuen. „Ich hab die Rechnung gesehen. Der hatte 1000 Euro bezahlt. Das Gerät gibt es bei uns für 600.“

Die gerne gesehene Kundschaft hat bisweilen auch eine Art an sich, die nicht bei allen so gut ankommt. „Die reißen erstmal alles aus den Regalen raus.“ Das allerdings kommt in Sölden immer seltener vor. Denn das Publikum hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert. Anfangs habe das Klischee vom protzenden Russen ohne Manieren noch gestimmt, berichten einheimische Geschäftsleute. „Die ersten Gäste waren schon sehr fremd. Neureiche Typen, die nur so mit dem Geld gewedelt haben. Die sind nicht mehr da. Jetzt kommen Familien, gehobene Beamtenkreise“, sagt einer.

Das entspricht in etwa dem, was Angelika Falkner in ihrem Alltag erlebt. Die 47-jährige, tiefbraune Augen und dezente Stiftel-Perlenkette zur weich fließenden grauen Strickjacke, sitzt entspannt rauchend in der Lobby des Central. Falkner ist die Chefin des einzigen Fünf- Sterne-Hotels im Ort mit 220 Betten. Viele ihrer russischen Gäste hätten ihr Geld in Ölfirmen gemacht oder arbeiteten in Banken, sagt sie. „Als die ersten kamen, haben sie geglaubt, wenn sie nur Dollars herlegen, ist alles möglich. Früher haben sie alles genommen, was teuer ist. Heute wissen sie, was gut ist.“ Sie zieht an ihrer Marlboro und lächelt. 30 000 Flaschen Wein lagern in ihrem Felsenkeller. Die Zeiten, in denen die Russen die teuersten Weine gekauft und sie dann mit Cola gemischt haben, sind vorbei.

Doch bei manchem Gast sitzt das Bild von saufenden, unzivilisierter Russenhorden offenbar tief. Bei Buchungsanfragen weist Angelika Falkner darauf hin, wenn viele Russen im Haus sind. Es gibt durchaus einige Gäste, die daraufhin ihren Urlaub verschieben.

Für die Hotels dagegen sind die russischen Gäste ein Geldquell, denn sie quartieren sich gerne in Vier- und Fünf- Sterne-Hotels ein, wo sie die hochwertigen Zimmer bevorzugen. Preise zwischen 150 und 350 Euro die Nacht? Kein Problem. Und während die Skifahrer aus anderen Ländern selten länger als eine Woche bleiben, buchen die Russen zehn bis zwölf Tage. Das Hotel Central hat gerade zwei Ehepaare in den Kreis der 500 Freunde seines Hauses aufgenommen. Eine Anerkennung für Besucher, die mindestens 70 Nächte dort verbracht haben. Gern buchen Falkners Gäste für Mutter, Vater und Kinder je einen eigenen Skilehrer, vier Stunden für 190 Euro pro Person. Am liebsten russische, obwohl viele perfekt Englisch sprechen. Oder Deutsch. Die Skischule Sölden-Hochsölden hat reagiert: Dort unterrichten fünf russisch sprechende Skitrainer. Mehr haben die Behörden bisher nicht genehmigt.

Zuverlässig ist die Klientel auch. Weil sie ein Visum benötigen, buchen viele Russen schon im August, spätestens im Oktober in einem Reisebüro. Aber die ersten ärgern sich über die Agenturen, die am Boom kräftig mitverdienen.

Igor aus Nowgorod zum Beispiel guckt etwas grimmig, wenn man ihn auf dieses Thema anspricht. Trotzdem kommt er nach Sölden. Er ist 33, er hat sein Geld im Handygeschäft gemacht und fuhr früher in die Schweiz oder nach Italien zum Skilaufen. Jetzt hierher. Mit seinen Freunden zusammen genießt er das Nachtskispektakel mit Feuerwerk, „einfach spitze“ sei Sölden. Er küsst seine Fingerspitzen, um das zu unterstreichen. Schnee gibt es derzeit nicht einmal in der zweitkältesten Stadt der Welt, in Moskau.

Bei Waleri sitzt das Geld nicht ganz so locker. Der Mittvierziger ist ein Skiverrückter, wie er sagt. Er gehört zur russischen Mittelschicht, die nun auch öfter nach Sölden kommt. Zusammen mit sechs Freunden hat er sich in einer Pension eingemietet. Weil er seinen Urlaub nicht über eine Agentur gebucht hat, musste er für das Visum den Reisepreis vorab bezahlen und eine Bestätigung des Vermieters und der eigenen Bank vorlegen. „Ich war viermal auf der Botschaft.“ Um zu fragen, was sie wollen, um den Antrag zu stellen, zum Nachbessern und endlich zum Abholen. Darüber vergehen schon mal zwei bis drei Monate.

Bei so viel Aufwand springt selbst in schlechten Wintern so schnell niemand ab. Deutsche und Holländer haben das getan, nachdem der Ski-Weltcup-Auftakt im Oktober abgesagt wurde. Kein Wunder, dass Sölden jene umso besser umsorgt, die dennoch gekommen sind.

In den Bergrestaurants der Liftgesellschaft etwa. Dort werden die Gerichte nun in Deutsch und Englisch und in Russisch angepriesen. Rund 25 Prozent mehr als andere gäben die russischen Gäste aus, sagt Manfred Wurzer, der für die Gastronomie zuständig ist. „Die laden sich nach den Augen aufs Tablett, was ihnen gefällt, nicht nach der Brieftasche.“ Wie in vielen Hotels und Pensionen hat auch sein Personal „in einem Schnellsiedekurs“ etwas Russisch gelernt. An der Mittelstation der Gaislachkoglbahn steht außerdem der slowakische Koch Robert Krzak „an der Front“. Krzak, ein 38-jähriger Mann mit harten slawischen Akzent und Lachfältchenum die Augen kann, sehr zur Freude seines Chefs, gut mit den Russen.

Deren Vorliebe für Sölden ist vielleicht auch eine Chance für Claudia Böhme, Restaurantfachfrau aus Ostdeutschland, 20 Jahre alt. Zu Hause in Herzberg fand die junge blonde Frau keine Arbeit, seit zwei Wochen arbeitet sie in Wurzers Restaurant, sie könnte sich vorstellen, ihr Russisch aufzumöbeln. Der Chef wird in diesem Moment aufmerksam, er hört das mit sichtlichem Vergnügen. Er würde gern mehr über die kulinarischen Vorlieben seiner Gäste erfahren. „Wir kennen doch nur die Klassiker: Blinis, Borschtsch.“ Aber er ahnt, dass die gehobenen unter seinen Gästen vielleicht gerne mehr Abwechslung hätten. Nur sind die mit Auskünften über private Dinge eher zurückhaltend.

Gut, wenn man um ihre Bedürfnisse weiß. Wie die gebürtige Russin Anastasia Kirjanowa. Sie hat in dieser Saison eine Informationsstelle für die russischsprachigen Besucher eröffnet. In dem kleinen Büro an der Hauptstraße, eingeklemmt zwischen Juwelier und Sportgeschäft, ist von frühmorgens bis abends um zehn die Hölle los. Die Chefin fährt täglich auf Tour. Ihre Landsleute lieben Ausflüge und den Umstand, dass sie hier problemlos verstanden werden. Sie stürmen russisch sprechend in die Geschäftsstelle. Wie lade ich die Handykarte auf? Können wir mit dem Komfortvan zur Swarovski-Kristallwelt fahren? Sie zahlen, und sie verlangen Leistung. Kirjanowas Mann telefoniert, er bellt einen Tourservice an. Auf der Route nach Venedig ist etwas schiefgegangen. Der Fahrer ist etwas durch die Berge gekurvt, ein Riesenumweg. „Der ist das letzte Mal für uns gefahren. Die Leute wollen ihr Geld zurück.“ Erschöpft versucht er ein Lächeln. Der Laden brummt, womöglich war das Büro die Geschäftsidee der Saison.

Söldener wie Urlauber stellen allmählich fest, dass die Russen nicht dem gängigen Klischee entsprechen. Viele der Gäste bringen ihren Vermietern Schokolade, Wodka oder Kaviar mit. Sie trinken Tee in großen Mengen. „Dafür rüsten wir uns extra, sonst reicht unser Vorrat nicht“, sagt Central-Chefin Angelika Falkner. Im Tyroler Hof schwärmt eine Angestellte: Es sei eine Wohltat, wenn die Russen anreisen. So wenig Beschwerden gebe es bei sonst keinen anderen Gästen. Bloß dass die Russen in Sölden alle Abstinenzler seien, behauptet niemand. Frantischek Bozik, Reiseleiter für russische Gäste, weist mit einer eindeutigen Handbewegung auf deren Trinkfestigkeit hin. Nur meiden viele den klassischen Après Ski an der Schirmbar. Abends kaufen sie im Supermarkt am Ortseingang Hochprozentiges für die traute Runde im Hotel. Waleri, der Skiverrückte, und seine sechs Freunde decken sich mit zwei Flaschen Whisky ein, für die Vesper in der Pension am Abend.

Ein Stammgast aus Frankfurt am Main, der seit Jahren nach Sölden kommt, weiß noch nicht recht, was er von all dem halten soll. „Für uns haben sie hier nicht so einen Aufwand getrieben.“

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