Russische Solidarität : Rettung in Alaska

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Nun kommt der Winter auch zu uns. Oder das, was wir darunter verstehen. Echter Winter ist anders. In Alaska zum Beispiel hat es derzeit minus 35 Grad Celsius. Und draußen auf dem Packeis in der Beringstraße sogar minus 50 Grad. Der russische Frachter „Renda“ quält sich gerade mithilfe eines amerikanischen Eisbrechers durchs Eis. Er ist auf dem Weg nach Nome, einem kleinen Hafenstädtchen, das derzeit von der Außenwelt abgeschnitten ist. Vor dem Winter hatte Nome die übliche Heizöllieferung wegen eines fürchterlichen Sturms nicht erhalten. Nun soll die „Renda“ dringend benötigte Hilfe bringen, sie hat 3,8 Millionen Liter Heizöl an Bord. Starke Winde und wechselnde Strömungen behindern ein zügiges Vorwärtskommen. Dass der Frachter sich überhaupt auf den Weg machen konnte, benötigte eine Sondergenehmigung der US-Behörden, ansonsten dürfen nur amerikanische Schiffe Öl liefern. „Renda“ und der Eisbrecher werden nicht vor dem heutigen Freitag in Nome ankommen, eher wird es Samstag. Die Menschen von Nome, überwiegend Inuit und ohnehin arg gebeutelt, werden noch etwas frieren müssen.

Nome war schon einmal Ziel einer dramatischen Rettungsaktion. Das war 1925 und Nome eine kleine Goldgräbersiedlung. In dem strengen Winter des Jahres wurden die Goldgräber von einer Diphterieepidemie heimgesucht. Ein Serum sollte helfen, aber die Medizin lag in Anchorage, und das liegt 1770 Kilometer entfernt. Dazwischen verläuft der Iditarod Trail, das war und ist der härteste und gefährlichste Trail Alaskas. 20 Hundeschlittenführer fanden sich, die die Medizin in einem Staffellauf mit über hundert Hunden durch Eis, Schnee und die bittere Kälte nach Nome bringen wollten. Nach drei Wochen erreichten der Norweger Gunnar Kaasen und sein Leithund Balto am 2. Februar um 5.30 Uhr die Front Street in Nome. Weil das so eine tolle Geschichte voller Heldentum und Wagemut ist, findet seit 1973 zu weiten Teilen auf der historischen Strecke das „Iditarod“, das längste und anspruchvollste Hundeschlittenrennen der Welt statt. Heute sind die Fahrer, Musher genannt, nur noch acht bis 15 Tage unterwegs. Sie sind mit ihren Hunden auf sich allein gestellt, in arktischer Kälte, Tag und Nacht, der gefühlte Windchill kann bis zu minus 80 Grad fallen. Und dann sind sie in Nome, so wie die Helfer von damals in Nome waren und die Helfer des Frachters „Renda“ in Nome sein werden. Es gibt sie noch, die schönen Geschichten der Solidarität unter den Menschen.Helmut Schümann

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