Zeitung Heute : Russland bei Olympia: Goldene Worte statt Medaillen

Robert Ide

Am Ende musste geistlicher Beistand her, um die russische Seele zu beruhigen. Kein Geringerer als Patriarch Alexi II., Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, griff die Schiedsrichter der Olympischen Spiele in Salt Lake City an. "Die russischen Skilangläuferinnen zu disqualifizieren, war ungerecht", sagte Alexi II. am Freitag. "Der Sport darf nicht mit Politik und privaten Interessen vermischt werden." Vor dem Patriarchen hatte sich bereits Präsident Wladimir Putin eingeschaltet. "Unsere Sportler werden einer voreingenommenen Richterschaft unterworfen", sagte Putin. Die Russen - schlechte Verlierer im Kampf um Gold?

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Im Gegensatz zu seinen öffentlichen Äußerungen versuchte Putin intern, die Wogen der Aufregung zu glätten. Mehrmals intervenierte er bei den russischen Sportfunktionären in Salt Lake City. Die wollten nach umstrittenen Entscheidungen der Schiedsrichter kurzerhand abreisen, die Spiele boykottieren. Einer der größten Olympia-Skandale deutete sich an - und blieb aus.

Was war passiert? Die russischen Ski-Langläuferinnen fehlten beim Staffelrennen. Vorzeigeläuferin Larissa Lasutina, die in Salt Lake City bereits zweimal Silber gewonnen hatte, war unter Dopingverdacht geraten. Bei einem Dopingtest kurz vor dem Start wurden bei ihr erhöhte Hämoglobinwerte gemessen, ein Anzeichen von Blutdoping. Lasutina wurde vorläufig gesperrt, Zeit zum Nachnominieren einer Ersatzläuferin blieb nicht mehr. Die favorisierten Russen fehlten, die Ukrainer auch. Und plötzlich gewannen die deutschen Außenseiterinnen.

Auch beim Eiskunstlaufen fühlen sich die Russen benachteiligt. Irina Slutskaja, die Silber hinter der Amerkanerin Sarah Hughes gewann, klagte über die Preisrichter. "Als ich meine Noten gesehen habe, war ich geschockt: Sie sind eine Schande."

So geht das jetzt jeden Tag in Salt Lake City. Seit das Internationale Olympische Komitee die Wertung im Eiskunstlaufen der Paare nachträglich geändert hat und nicht nur dem russischen Paar eine Goldmedaille zuerkannte, sondern auch den zweitplatzierten Kanadiern, werden viele Entscheidungen angefochten. Litauen protestierte gegen die Wertung im Eistanzen, Südkorea gegen eine Disqualifikation im Short Track. Und auch deutsche Eishockeyspieler beschwerten sich über häufige Strafzeiten beim Viertelfinale gegen die USA. Bundestrainer Hans Zach schloss sich der Schelte aber nicht an: "Wir haben nicht wegen des Schiedsrichters verloren." Das Ergebnis dieses Spiels: Deutschland - Amerika 0 : 5.

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