Zeitung Heute : Rußland hat einen anderen Zeittakt

CHRISTOPH V.MARSCHALL

Den lange geplanten Moskau-Besuch hatte sich Bill Clinton anders vorgestellt - nicht nur wegen seiner eigenen innenpolitischen Bedrängnis.Die Visite sollte der Abrüstung neue Impulse geben, Rußland von einer aus wirtschaftlicher Not geborenen Kooperation mit potentiellen Terrorregimen wie Iran und Irak abhalten und Möglichkeiten einer NATO-Intervention im Kosovo ohne russisches Veto im UNO-Sicherheitsrat ausloten.Doch der US-Präsident trifft heute in Moskau auf einen fast führungslosen Partner: Der designierte Premier Tschernomyrdin ringt um die Zustimmung der Duma, Präsident Jelzin verwendet die letzten Kräfte, die ihm seine angeschlagene Gesundheit läßt, darauf, den Machtverlust an die kommunistische Mehrheitsfraktion in Grenzen zu halten.Die Berater beider Staatsoberhäupter werden wohl einen Überraschungserfolg inszenieren, der suggeriert, die russische Krise habe Clinton und Jelzin nicht davon abgehalten, sich den zentralen Problemen dieser Welt zuzuwenden.Tatsächlich aber dürfte sich die Begegnung in symbolischer Politik erschöpfen: Der Westen setzt weiter auf die Kräfte, die er Reformer nennt, nur will er neue Milliardenspritzen konsequenter an Bedingungen knüpfen.

Helfen kann freilich nur, wer die Mechanismen russischer Politik begreift.Doch selten hat sich so deutlich wie in den jüngsten Tagen gezeigt, wie virtuell das Rußland-Bild im Westen ist.Weit stärker als im Falle anderer "ferner" Länder wird es von überzogenen Hoffnungen und Ängsten geprägt und nicht von der Erfahrung.Am Sonntag war allgemeines Aufatmen zu spüren nach der angeblichen Einigung auf einen Stabilitätspakt.Das Vertrauensvotum der Duma für Viktor Tschernomyrdin schien als Formsache zu gelten.Dabei ist das Tauziehen um seinen Vorgänger Sergej Kirijenko gerade mal fünf Monate her.Der schaffte es erst im dritten und letzten Wahlgang.Warum sollte es Tschernomyrdin anders ergehen? Seither hat sich der Machtkampf zugespitzt.Doch ebenso wie der Wunsch ist auch die Furcht Vater westlicher Rußland-Gedanken.Ein Zurück zur Planwirtschaft, das als Schreckgespenst am Freitag durch die Medien geisterte, ehe Tschernomyrdin Kontinuität gelobte, ist nicht mehr durchsetzbar.Dafür sind die privatisierten Wirtschaftsimperien viel zu einflußreich.Sie lassen sich ihre exorbitanten Gewinnaussichten nicht nehmen.

Rußland hat einen anderen Zeittakt.Nach westlichen Vorstellungen kann es sich Moskau überhaupt nicht erlauben, die Reformen weiter zu verschleppen, wie das Jelzin seit sieben Jahren tut.Aber Rußland nimmt sich einfach die Zeit, die es nicht hat.Fortschritt hat dort ein anderes Tempo als im exkommunistischen Ostmitteleuropa.Nicht strategische Konzepte eines möglichst reibungsarmen Übergangs zur Marktwirtschaft bestimmen das Handeln, man wurschtelt sich durch.Erst unerträglicher Leidensdruck erzeugt die Bereitschaft zur Veränderung.Insofern sind alle Hoffnungen, ein Vertrauensvotum für Viktor Tschernomyrdin werde diese Krise beenden, vergeblich.Rußland steht erst am Anfang eines mehrjährigen Leidensweges.Dieses riesige Land läßt sich nicht per Ukas auf Demokratie und Marktwirtschaft umstellen.Eine Mehrheit muß von der Unumgänglichkeit harter Korrekturen überzeugt werden, auch die Kommunisten.Deshalb ist ihre Einbindung in die Mitverantwortung kein Rückschritt, sondern Bedingung für grundlegenden Wandel.Auch in ihren Reihen setzen sich die Pragmatiker gegen die Ideologen durch.Freilich, der Wandel wird sich weiter verzögern.Aber, die Jelzin-Jahre haben es gezeigt: Unter den sogenannten Reformern gibt es ebensowenig einen Express-Weg in die Zukunft.

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