Zeitung Heute : S-Bahn fahren

Brigitte Grunert

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Zugegeben, am liebsten fahre ich mit dem Auto durch die Stadt. Man sitzt bequem, warm und trocken, hört Radio und muss sich mit nichts buckeln. Unsereiner kommt in die Jahre und weiß das zu schätzen. Nur manchmal könnte ich stundenlang S-Bahn fahren, hin und her zwischen den Stationen Bellevue und Friedrichstraße oder auch Alexanderplatz. Ich finde das die interessanteste, aufregendste S-Bahn-Strecke Berlins.

Im Bogen rattert die Bahn durch die neue Mitte, die einmal die alte und dann die geschundene Mitte war. Erst verwirrt die ziegelrote Bundesschlange der Wohnbauten für Zugereiste, dann staunt man über das helle Band des Bundes mit den Bundestagsbauten und dem Kanzleramt. Man kann gar nicht so schnell gucken, wie der Lehrter Bahnhof die Sicht versperrt, aber nur für einen Moment, gleich ist sie wieder da. Nun tauchen weit hinten der grüne Daimler-Benz-Würfel und das schräge Zeltdach von Sony auf, vorn ist die lichte Reichstagskuppel zu sehen. Wie das alles blinkt und flirrt und gleißt und glänzt. Ein paar Minuten hüpft das Herz. Man hat direkt ein Glücksgefühl. Leicht ernüchtert entdeckt man ein paar Plattenbauten der weiland DDR. Vorbei, schon fällt der Blick auf ehrwürdige historische Türme – Nikolaikirche, Marienkirche, Rotes Rathaus und so fort.

Wenn ich 50, 60 Jahre Revue passieren lasse, fällt mir ein, dass ich diese Fahrt von Kindheit an aufregend fand und dass ich sie in einem Wechselbad der Gefühle erlebte. Das hat mit der Geschichte zu tun. Altberliner haben noch die Ansage der Rotbemützten mit der Kelle im Ohr: „Lehrter Bahnhof, letzter Bahnhof im Westsektor!“ Zu Mauerzeiten sind wir auf diesem Wege in den Osten gefahren. Da kamen nach der goldenen Siegessäule bloß noch Tristesse, Speditionsgelände, Ödland, Mauer, Todesstreifen. Düster und schwer stand der Reichstag in der Gegend. Am Bahnhof Friedrichstraße war Endstation, die Welt durch Bretter vernagelt, oder, nüchtern gesagt, durch Sichtblenden. In den neunziger Jahren war alles phantastisch unübersichtliche Baustelle. Nun ist die neue Mitte fast fertig, die geschundene Mitte längst Geschichte. Na ja, man weiß es. Aber von der S-Bahn aus erfasst man mit einem Blick, wie Berlin sein Gesicht verändert hat – einfach märchenhaft.

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