Zeitung Heute : Sabotierter Friede

MARTIN ALLIOTH

Schauplatz und Zeitpunkt des tödlichen Anschlags auf zwei Streifenpolizisten legen den Verdacht nahe, daß es der IRA darum ging, jegliche Verständigung im Keim zu erstiêkenVON MARTIN ALLIOTHDie Irisch-Republikanische Armee hat diese Woche zwei nordirische Streifenpolizisten ermordet.Fünf Kinder unter zehn Jahren haben ihre Väter verloren.Warum? Es gibt in Nordirland keine strukturellen Ungerechtigkeiten mehr, die ein Blutvergießen zu rechtfertigen vermöchten.Schauplatz und Zeitpunkt der Tat legen den Verdacht nahe, daß es den Tätern darum ging, jegliche Verständigung im Keim zu erstiêken.Diabolisch schlugen sie in einer Gegend zu, in der eine unkontrollierte Splittergruppe von protestantischen Mördern im letzten Jahr mit allen Mitteln erfolgreich versuchte, die nordirische Polizei zur Kapitulation zu zwingen.Dieselbe Parade, die damals zum Flächenbrand führte, steht in gut zwei Wochen wieder bevor.Dabei haben sich die nordirischen Rahmenbedingungen in den letzten zwei Monaten sehr zum Vorteil der IRA und ihrer politischen Zwillingsschwester Sinn Fein verändert: In London regiert nun Tony Blair, der ein echtes Interesse für Nordirland an den Tag legt.Seine Statthalterin in Nordirland, Mo Mowlam, erweist sich als energische Schlichterin ohne Berührungsängste und ohne die Neigung ihrer Vorgänger zu Haarspaltereien.In Dublin kommt nächste Woche eine neue Regierungsmannschaft ans Ruder, die im Gegensatz zur bisherigen Koalition keine instinktive Abscheu gegen Sinn Fein hegt.Und in Washington hält Bill Clinton seine schützende Hand über das geschundene Nordirland.Sinn Fein hat zwei britische Unterhaussitze und ein Mandat im irischen Parlament errungen.In den nordirischen Kommunalwahlen erreichte die Partei einen Stimmenanteil von 17 Prozent.Wenn es also darum gegangen wäre zu beweisen, daß der politische Weg Früchte tragen kann - Sinn Fein-Präsident Gerry Adams hätte handfeste Argumente.Aber Adams bleibt Diener zweier Herren.Der kleinste gemeinsame Nenner dominiert sein Verhalten, er beugt sich den mörderischen Neigungen der rabiatesten IRA-Zelle.Denn Adams will um jeden Preis eine Spaltung seiner janusköpfigen Bewegung verhindern.Diesem Ziel hat er nun seine Glaubwürdigkeit geopfert.Wie soll man seinen Friedensschalmeien noch glauben? Kein einziger Sinn Fein-Politiker hat den Doppelmord in Lurgan verurteilt.Der frischgebackene irische Abgeordnete der Partei riet kühl von einer emotionalen Reaktion ab.Seit wann dürfen vaterlose Kinder keine Emotionen wecken? Das Verständnis für die Flügelkämpfe in der IRA ist erschöpft.Aus London dringen Gerüchte, daß Tony Blair einen Richtungswechsel erwägt.Dasselbe ohne Sinn Fein, lautet offenbar das Rezept, dessen frühere Anwendung allerdings keine Verbesserung im Gesundheitszustand des nordirischen Patienten brachte.Die grandiosen Strategien allerdings sind zur Zeit weitgehend akademischer Natur.Denn Nordirland zittert spürbar in Erwartung der bevorstehenden Paraden.Kirchen brannten, Messgänger wurden schikaniert, Menschen allein ihres Glaubensbekenntnisses wegen zu Tode getreten.Die Mitgliederzahlen des Oranje-Ordens - der diese Umzüge organisiert - sind sprunghaft angestiegen, alle Vermittlungsversuche auf lokaler Ebene verliefen im Sand.Die Protestanten wollen noch einmal ein Exempel statuieren, der ungehinderte Durchmarsch durch katholische Wohngebiete gilt als letztes Symbol ihrer erlöschenden Dominanz.Die britische Regierung steht vor der Wahl, eine katholische oder eine protestantische Massenrevolte einzudämmen.Wenn es Tony Blair gelingt, den Rechtsstaat unversehrt über die nächsten sechs Wochen bewahrt, ohne einen protestantischen Flächenbrand auszulösen, dann hätten Verhandlungen im Herbst eine solide Grundlage.Doch es ist zu befürchten, daß der Teufelskreis nur eine neue Umdrehung beginnt.

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