Zeitung Heute : Saddam lebt

Seine Feinde zeigen sich Filme von der Hinrichtung, seine Freunde machen das Grab zum Wallfahrtsort, und dann stellt sich heraus: Es gab verhängnisvolle Pannen bei der Exekution. Der Irak nach dem Tod seines Diktators

Christoph von Marschall[Washington]

Zwei Tage nach seinem Tod ist das Grab schon Pilgerstätte. Sicherheitskräfte haben Straßensperren aufstellen müssen, um den Strom der Trauernden einzudämmen. Hunderte knien nieder in der Moschee von Audscha, Saddams Heimatdorf bei Tikrit, im Nordwesten des Irak. Sie sitzen um das Grab herum, sie halten Bilder von ihm, preisen ihn und schwören Rache an seinen Mördern. Noch ist die Moschee ein schmuckloses Haus. Aber bald sollen hier eine Bibliothek und eine Religionsschule gegründet werden: das Grab des Massenmörders als Wallfahrtsort der Sunniten.

Keine hundert Kilometer südwestlich, in den Schiitenvierteln der Hauptstadt Bagdad und im Südosten des Landes jubeln die Menschen dagegen, sie fallen sich um den Hals, immer wieder schießen sie vor Freude in die Luft. Wie eine Trophäe zeigen sie einander wieder und wieder auf ihren Handys ein zittriges Video, genau zwei Minuten und 38 Sekunden lang. Es ist nicht die offizielle, nüchtern nachrichtliche Aufnahme, die nach Saddams Hinrichtung über die staatlichen Sender verbreitet wurde. Die hatte allzu grausame Szenen ausgespart, sie hatte Saddam gezeigt, wie er zum Galgen ging, gefasst offenbar, und wie die Schlinge um seinen Hals gelegt wurde, nicht aber den Moment, als sich die Falltür unter ihm öffnete und die Wucht des Sturzes ihm das Genick brach. Das offizielle Video setzt erst wieder mit einer kurzen Aufnahme der Leiche ein, in helles Tuch gehüllt.

Das andere Video dagegen, das sich schiitische Jugendliche unter Hohngelächter vorführen, dokumentiert nicht nur die Exekution selbst, sondern auch die wüsten Beschimpfungen zwischen dem Ex-Diktator und seinen Wächtern. Offenbar hat einer die Szenen mit einem Handy gefilmt. „Fahr zur Hölle!“ und „Möge Gott dich verdammen!“, fluchen zwei Stimmen, Saddam Hussein antwortet mit derselben Verwünschung. Vizeankläger Munkith al Farun und Richter Munir Haddad, beide Zeugen der Vollstreckung, haben Mühe, die aufgebrachten Parteien zu beschwichtigen. „Ich bitte euch! Dieser Mann wird gleich sterben!“

Entzündet hatte sich der Wortwechsel am Gebet, das Saddam mit einem sunnitischen Geistlichen sprach: „Friede sei mit Mohammed und seiner heiligen Familie!“ Ein – offenbar schiitischer – Wächter fügte an: „Und mit seinem Sohn Muktada! Muktada! Muktada!“ Saddam wandte den Kopf und fragte, halb erstaunt, halb sarkastisch: „Muktada?“

Die Szene betrifft den Kern des Glaubensstreits zwischen Sunniten und Schiiten, der den Krieg im Land immer wieder anfacht. Die Schiiten glauben, dass ihr hoch angesehener Imam Mohammed al Sadr – unter Saddam ermordet – ein direkter Nachfolger des Propheten war; sein Sohn Muktada, radikaler Prediger und Anführer schiitischer Milizen, die im Verdacht stehen, systematisch Sunniten in Bagdad zu ermorden, genießt daher entsprechend Ansehen.

Saddams geringschätzige Reaktion auf den Namen zog den Zornausbruch eines Wächters nach sich. „Du hast unser Land zerstört, uns ermordet und ins Elend gestürzt!“ Saddam entgegnete verächtlich: „Ich habe euch aus Elend und Ehrlosigkeit gerettet und eure Gegner vernichtet, die Perser und die Amerikaner.“

Diese zunächst verheimlichten Entgleisungen während der Hinrichtung haben die Gefühle vieler Sunniten und Schiiten offenbar stärker aufgewühlt als der mehrmonatige Strafprozess. Sie haben aber auch die Spannungen zwischen den USA und der schiitisch dominierten Regierung al Maliki in Bagdad verstärkt. Die USA haben zwar Saddams Sturz erzwungen, waren aber, in einer paradoxen Wendung, in den jüngsten Tagen einsame Verteidiger der Rechte des Diktators – so wie sie auch stets einsam für die Rechte der Sunniten in der neuen Verfassung eintreten. Es war die US-Armee, die Saddams Sarg am Sonnabend nach der Hinrichtung mit einem Kampfhubschrauber nach Tikrit geflogen und dort an Vertreter der Familie übergeben hatte. Das Kabinett Maliki dagegen hatte den Diktator zunächst anonym bestatten wollen, um zu verhindern, dass sein Grab zur Pilgerstätte wird. Außerdem sollte er ursprünglich möglichst rasch hingerichtet werden, nachdem das Urteil am Dienstag bestätigt wurde. Tagelang war die Bush-Regierung verärgert über Malikis Pläne.

Und nun also diese Art der Exekution. Sie als Racheakt schiitischer Schergen am sunnitischen Diktator zu inszenieren, das werde, so hatten die Amerikaner befürchtet, den Bürgerkrieg anheizen. Doch ihre Argumente verhallten. Und nicht einmal die Gesetze wurden voll eingehalten: Es fehlte die Unterschrift von Präsident Talibani auf dem Hinrichtungsbefehl, immerhin ein Gegner der Todesstrafe. Auch das Exekutionsverbot während des Opferfests wurde verletzt, jedenfalls für Sunniten. Für sie begann es bereits es am Sonnabend, für Schiiten erst am Sonntag.

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