Zeitung Heute : Sängerische Zaubereien

E.S.

Montserrat Caballé mit Nachwuchs in der WuhlheideE.S.Die Konzertsäle in der Natur locken derzeit die Berliner zu Tausenden.Montserrat Caballé zog scharenweise Fans in die Parkbühne Wuhlheide.Die weite Arena mit Zeltdach à la Waldbühne bedient sich auch der Übertragungstechnik, um im Freien den musizierenden Menschen Gehör zu verschaffen.Doch die Übertragung wirkte wenig befriedigend.Was der musikalischen Atmosphäre abträglich war. Montserrat Caballé hatte zwei junge, glänzend veranlagte Nachwuchssänger mitgebracht, die ihre strahlenden Stimmen vogelleicht in den Berliner Abendhimmel schweben ließen: ihre 24jährige, hochgewachsene Tochter Montserrat Marti.Mit ihrer jugendfrischen, schlanken Stimme eroberte sie sich schnell die Herzen der Zuhörer im weiten Rund wie der ebenfalls hellfunkelnde, biegsame Tenor von Javier Palacios, der Lieblingsschüler von Montserrat Caballé.Nicht nur Bizets "Blumenarie" sang er mit ungeschminkter Stimmschönheit und eindrucksvoller Steigerung.Sie selbst, die Primadonna assoluta aus Spanien hatte zwar im volkstümlichen zweiten Teil einige Probleme, da sprudelte die immer vibratoreicher, schwerer werdende Stimme bei Schmonzetten von Vangelis und Stolz nicht mehr ganz bruchlos, waren kleine Verschleißerscheinungen nicht zu überhören. Aber vor allem im ersten Teil bei Bizet und Puccini hatte die mit wogender Würde und Humor die Bühne im wallenden Grün beherrschende Künstlerin ihre großen Momente.Da triumphierte sie sogar über die leidige Übertragungstechnik mit ihrer urgewaltigen Musikalität, ihren noch immer fesselnden sängerischen Zaubereien.Carmens "Habanera" und Mimis "Addio" sang sie mit starker Ausstrahlung.Die zum Schaubaren drängende Ausnahmestimme ließ auch in der Wuhlheide niemanden unberührt. Mit Bernsteins "Tonight" begann der volkstümlich einschmeichelnde beziehungsweise schmissige Teil.Da war wieder jeder dran bei einzelnen "Nummern" von Léhar, Caballero, Penella und Barbieri.Und da reihte sich ein Hit an den anderen, aber nicht unbedingt ein Höhepunkt an den anderen.Der war längst erreicht, als Mutter und Tochter einen wunderschönen Zwiegesang aus "Lakmé" von Delibes in exzellenter Abstimmung und Schmiegsamkeit präsentierten.An alldem war mit farbintensivem Spiel die Brandenburgische Philharmonie Potsdam wesentlich beteiligt unter José Collado, ein mit Agilität und Schwungkraft in Aktion tretender Kapellmeister.Mit einem gepfefferten Orchesterintermezzo von Gimènez erzielte er mit den Potsdamern sogar eine der mitreißendsten und meistbeklatschten Interpretationen dieses mit Glanzpunkten nicht allzusehr verwöhnenden Sommerabends in der Wuhlheide.

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