Zeitung Heute : Säure – ein böses Wort

In Deutschlands Bibliotheken sind nach Expertenschätzungen etwa 80 Millionen Bände vom Zerfall bedroht. Der Grund ist das früher verwendete säurehaltige Papier. Was müsste geschehen, um die Bücher zu retten?

Paul Janositz

Die Rettung von Millionen von Büchern ist möglich, wenn es gelingt, den Verursacher des Verfalls zu entfernen. Es ist die Säure, die im Papier steckt. „Bedroht sind vor allem Bücher, die etwa zwischen 1840 und 1985 hergestellt wurden“, sagt Manfred Anders, Geschäftsführer des Leipziger Zentrums für Bucherhaltung (ZFB). In dem genannten Zeitraum führte die industrielle Herstellung zu Papier, das nach und nach Säure freisetzt. Die Säure baut Zellulose zu Zucker ab, das Papier wird braun und brüchig.

Allein in den Bibliotheken des Bundes und der Länder seien rund 80 Millionen Bände gefährdet, sagt der Chemiker. Bei jedem vierten Buch, insgesamt also bei 20 Millionen Bänden, handele es sich um ein Unikat. Davon seien zehn Prozent schon so sehr geschädigt, dass sie nicht mehr verliehen werden könnten.

Um den Papierfraß zu stoppen, wird bei kostbaren Werken jede Seite einzeln entsäuert, getrocknet und geglättet. Effektiver und kostengünstigster ist die Massenentsäuerung. „Papersave“ heißt das in einer geschlossenen Kammer ablaufende Verfahren des ZFB, bei dem den Büchern zunächst die Feuchtigkeit entzogen wird. Dann beseitigen in Silikonöl gelöste Chemikalien den sauren Charakter des Papiers. Das Lösungsmittel wird durch Trocknung entfernt, zurück bleiben Magnesium- und Titanverbindungen, die das Papier alkalisch machen.

Die erste Papersave-Anlage wurde in der Deutschen Bücherei in Leipzig installiert. 80 Tonnen, das sind 160 000 Bücher, können dort pro Jahr entsäuert werden. Mit einer weiteren Anlage im hessischen Eschborn könnten die 25 ZFB-Mitarbeiter jährlich insgesamt 300 000 Bücher retten.

Etwa 20 Euro kostet die Entsäuerung eines Buchs, doch die öffentliche Hand zögert mit der zügigen Konservierung. So befürchtet auch die Direktorin der Staats- und Unibibliothek Hamburg, Gabriele Beger, dass die Zeit für die 800 000 Bücher, die in der Hansestadt dringend behandlungsbedürftig sind, langsam abläuft. Beger ist dennoch zuversichtlich, dass das Geld bald bewilligt wird. Schließlich drohen auch Originalwerke von Gotthold Ephraim Lessing, Johannes Brahms, Georg Friedrich Händel und Heinrich Heine zu zerbröseln. So sensibilisiert seit einiger Zeit die Kampagne „Hamburg ohne Worte“ die Öffentlichkeit. Über Spenden können Interessierte zum „Buchretter“ werden.

Doch auch Akten oder Zeitungen sind vom Säurefraß bedroht. „In der Berliner Staatsbibliothek benötigen rund 40 000 Zeitungsbände dringend eine Restaurierung“, sagt Joachim Zeller, Leiter der dortigen Zeitungsabteilung. Sie drohten bei Gebrauch zu zerfallen und könnten dann nicht mehr wissenschaftlich ausgewertet werden. Keinen Ausweg bietet die Speicherung auf modernen Medien. Filme, Fotos und Magnetbänder sind nur begrenzt haltbar. Digitale Träger wie Disketten oder CD verlieren Daten durch Umwelteinflüsse, wie zum Beispiel Magnetfelder. Und chemische oder physikalische Einwirkungen können sie so stark verändern, dass nicht mehr auslesbar sind.

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