Zeitung Heute : Sag doch bitte Döskopp

Hermann Rudolph

Heinrich Schliemann, der Troja-Ausgräber, gehört zu den Gestalten, in denen das deutsche 19.Jahrhunder noch immer an die Gegenwart heranreicht. Der Sohn eines verlotterten Pastors, der zum reichen Geschäftsmann wird, der mecklenburgischen Dorf-Junge, der das Land der Griechen mit der Seele und den Zinsen eines gewaltigen, rasch aufgehäuften Vermögens sucht - das ist ein Stoff für Biografien, auch heute noch. Auch für eine Liebesgeschichte? So nennt Danae Coulmas die Biografie, die sie über Schliemann und seine griechische Frau Sophia geshrieben hat, im Untertitel. Aber das Buch ist mehr: Es ist eine Geschichte von der Kraft des Enthusiasmus und seiner mühsamen Koexistenz mit dem Menschlich-Allzumenschlichen, von der Überforderung und dem Dennoch-Gelingen einer Beziehung - und ein ungemein farbiges Historiengemälde ist es auch.

Für Schliemann ist die junge 17-jährige Schönheit, die er als bald Fünfzigjähriger 1869 heiratet, vor allem ein Zubehör seiner archäologischen Leidenschaft. Gesucht hatte er eine "homerbegeisterte, schwarzhaarige Griechin", mit der er Troja finden und ausgraben will, gefunden hat er sie mit Hilfe von Fotografien junger Athenerinnen, die er sich hatte schicken lassen. Das Ganze ist wird ein glückhaftes Missverständnis, ein fortgesetztes Sich-Entzweien und Wieder-Versöhnen, zusammengehalten von dem noch ziemlich archaischen Komment der bürgerlichen Familie, der schwärmerischen Romantik des Zeitalters und, ja doch, einer merkwürdig ausdauernden Liebe. Und von Anfang ist es eine Gratwanderung: Sophia wird von Schliemann "auf das Piedestal seines - philhellenischen - deutschen Idealismus gestellt und erleidet augenblicklich die entsprechende Missachtung ihrer Identität als Wesen aus Fleisch und Blut".

Für die Autorin, als langjährige Presse- und Kulturrätin der griechischen Botschaft eine passionierte Vermittlerin ihres Landes, hat dieses Muster etwas Symbolisches. Es gehe Sophia so wie Griechenland selbst, "das, so geliebt und verehrt wie kaum ein Land, in seiner jeweiligen Wirklichkeit stets so wenig wahrgenommen wurde". Ob das nun zutrifft oder nicht: dem Leser verschafft diese Prämisse der Autorin lesenswerte Passagen über die Geschichte Griechenlands, Athens und das griechische Leben, die dem Buch eine ganz eigene Grundfärbung geben. Wie überhaupt seine ungewöhnliche Perspektive der Helden-Saga, auf die Schliemanns Geschichte beim deutschen Bildungsbürger abbonniert ist - zumindest in ihrer schlichten Fassung -, ein neues Gesicht verleiht.

Es gehört dazu, dass Schliemann, dieser hochfahrende Welt-Eroberer aus Ankershagen bei Penzlin, kräftig demystifiziert wird. Doch Danae Coulmas vermeidet gleichwohl die Küchen- und Schlafzimmer-Perspektiv: die Verkürzung Schliemanns auf den bürgerlichen Familien-Tyrannen von beeindruckender Unleidlichkeit und Unausgeglichenheit. Der rabiate Antiken-Mythologe, zu dessen fixen Ideen es gehörte, dass am häuslichen Tisch Altgriechisch gesprochen werden musste, der Milliardär, der jede Rechnung selber abzeichnet und seine endlosen Reisen zweiter Klasse absolviert, der rechthaberische, ewig belehrende Ehemann, der seine Frau mit seiner Überzeugung ihrer Hysterie verfolgt - er bleibt doch der Träger des grossen Traumes, in den die Athener Kaufmanns-Tochter hineingezogen wird, für den er sie erfindet. Das Duett seines Philhellenismus und ihres Patriotismus, das gelegentlich zum Duell wird, ergibt einen bewegenden, diese Beziehung über alle Brüche hinweg bewahrenden Ton. Auch wenn Schliemann der Griechin - als er ihr seine Heimat zeigt - unbedingt das Wort "Döskopp" beibringen will.

Danae Coulmas beschreibt dieses Lebensabenteuer mit Einfühlungsgabe, Wärme und jener Fähigkeit zur Vertiefung in die Beziehung von Mann und Frau, die vielleicht nur eine Autorin aufbringt. Sie erzählt lebendig und farbig, mit schönen Rhythmus-Wechseln, gelegentlich auch mit poetischer Kraft. So macht sie ein bizarres Schicksal lebendig, eine Ehegeschichte, die mehr Kampf gegen das Getrenntsein ist als Familienglück. Es ist auch ein Spiegel dieses merkwürdigen Jahrhunderts mit seinen Hierarchien und Hysterien, dem Europäertum seiner Oberschichten und seinen Nationalismen. Und ein bisschen macht es auch den Charme dieses Buches aus, dass in ihm etwas wie die Affäre seiner Autorin mit ihrer Landsmännin steckt, über so viele Generationen hinweg.

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