Zeitung Heute : Sakrale Fenster

GREGOR SCHMITZ-STEVENS

Berliner Karg-Elert-Tage ehren einen Komponisten des Fin de siècleGREGOR SCHMITZ-STEVENSDie Jahrtausendwende rückt näher.Der Blick des Musikbetriebes jedoch richtet sich rückwärts, auf das vergangene Fin de siècle und den Beginn unseres Jahrhunderts: von Zemlinsky bis Koechlin, von Schreker bis Reger.Eine der schillerndsten Gestalten dieser Zeit ist Sigfrid Karg-Elert, geboren 1877 in Oberndorf am Neckar, gestorben 1933 in Leipzig.An ihn erinnert nun ein Festival, das in acht Konzerten einige seiner fast vergessenen Werke vorstellt. Den Auftakt bildete ein Konzert in der Wilmersdorfer Auenkirche.Die hier zu hörenden Werke ließen aufhorchen: Die Passionskanzone "Die Grablegung Christi" Opus 84 aus dem Jahre 1912 zog mit ungewöhnlichen Klangfarbenmischungen und einer originellen, rhapsodischen Gestaltung in Bann.Fließend wanderten die Linien vom Sopran-Solo (Judith Hoff) über die Klarinette (Alain Wozniak) zu Chor und Orgel.Jörg Strodthoff, der rührige Gemeindeorganist, und Oliver Hilmes, Geschäftsführer der Karg-Elert-Gesellschaft, hatten den hervorragenden Niederrheinischen Kammerchor eingeladen; und die Chormitglieder griffen in die eigene Tasche, um ihr Berliner Gastspiel zu finanzieren.Spannungsvoll stehen in der Kanzone protestantisches Gottvertrauen und expressionistischer, gattungs- und formsprengender Ausdruckswille nebeneinander das brachten die Sänger unter Leitung von Udo Witt sehr gut zur Geltung.Stilistisch ähnlich wirkte der erste Psalm "Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen" für Sopran und Orgel (W 63): ein eigentümliches Amalgam, irgendwo zwischen frühem Schönberg, Richard Strauss und Skrjabin."Karg-Elert wäre heute wohl bekannter, hätte er mehr Opern, Symphonien und Instrumentalkonzerte geschrieben", sagt Jörg Strodthoff.Zwar finden sich auch solche Kompositionen in seinem umfangreichen Werkverzeichnis, doch liegt der Schwerpunkt bei Orgelwerken, Chören, Liedern und Kammermusik. Sein besonderes Interesse galt dem Kunstharmonium, einem instrumentalen Unikum jener Zeit, für das er eine umfangreiche Literatur schuf.Mit dem Niedergang des Modeinstruments jedoch verging auch der Ruf Karg-Elerts.Nach seinem Tode wurde der Komponist zudem von den Nationalsozialisten aus dem Konzertleben verbannt: sein "kosmopolitischer" und "artifizieller" Stil wurde als "entartet" diffamiert, Ressentiments gegenüber seiner skurrilen Erscheinung und seinem exzentrischen Lebensstil taten ein übriges. Auch die "Orgelbewegung" der 20er Jahre mit ihrer Rückkehr zur Barockorgel schadete der Verbreitung seines Werkes: es setzt die große symphonische Orgel der Zeit um 1900 mit ihren mannigfaltigen Klangabstufungen voraus.Diesem Ideal entspricht die Sauer-Orgel im Berliner Dom.Hier spielte Johannes Michel, Vorsitzender der Karg-Elert-Gesellschaft, die "Kathedral-Fenster" Opus 106.Die sechs Stücke über gregorianische Hymnen wirken wie meditative Improvisationen über farbig schimmernde Kirchenfenster und ihre Motive: überwiegend zart, sanft und fast ein bißchen süßlich; doch auch prachtvoll und mit großen Steigerungen wie im ersten ("Kyrie eleison") und letzten Stück ("Lauda Sion").Johannes Michel präsentierte die schwierigen Stücke in sehr reizvollen, doch vielleicht zu ähnlichen Registrierungen. Auf dem Programm der Berliner Karg-Elert-Tage stehen noch vier Orgelkonzerte sowie ein Lieder- und ein Klavierabend in der Schwartzschen Villa.Beim nächsten Orgelkonzert am kommenden Sonnabend spielt Jörg Strodthoff ein Spätwerk Karg-Elerts, die Symphonie fis-Moll Opus 143, und konfrontiert es mit Werken der Zeitgenossen Max Reger und Karl Hoyer. Noch 1931/32 machte Karg-Elert als Organist eine Amerika-Tournee, auf der er neue musikalische Eindrücke empfing.Bereits erkrankt, konnte er damals als Interpret nicht recht überzeugen, doch als Komponist feierte er dort sowie in England und Australien seine größten Erfolge.Bis heute ist er dort bekannter als hier.Man darf gespannt sein, ob sein Werk auch bei uns wieder stärker ins Blickfeld rücken wird. Weitere Konzerte: Schwartzsche Villa (20./27.2., 20 Uhr), Auenkirche (21.2.18 Uhr), St.Matthias am Winterfeldtplatz (22.2., 17 Uhr), Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (28.2., 18 Uhr), St.Marien am Bergheimer Platz (1.3., 19 Uhr).Infos unter Tel.399 62 18.

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