Zeitung Heute : Sammler in der dritten Dimension

Ein virtuelles Museum zeigt die Geschichte unserer heutigen medialen Wirklichkeit. Besucher werden zu Ingenieuren

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Technikmuseen haben ihren besonderen Reiz. Im Angesicht alter, zum Teil gewaltiger Apparate lassen sich Wunder der Forschung quer durch die Geschichte nachvollziehen. Hier wird Elektrizität spürbar, Mechanik begreifbar oder die Übertragung akustischer Wellen anschaulich. Doch Museum ist nicht gleich Museum. Christian Kassung, wissenschaftlicher Assistent am Kulturwissenschaftlichen Seminar der HumboldtUniversität, erarbeitet gemeinsam mit den Medienwissenschaftlern Albert Kümmel (Konstanz) und Daniel Ríha (Prag) die Grundlagen für den Aufbau des „Interaktiven Virtuellen Museums der Bildtelegraphie“. Neben den drei Projektleitern sind Ausstellungsdesigner, Maschinenbauer und Programmierer von Computerspielen sowie Medientheoretiker und -historiker beteiligt. Die Anschubfinanzierung kommt vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und der Tschechischen Akademie der Wissenschaften (AWTR).

Herr Kassung, wie muss man sich ein virtuelles Museum vorstellen?

In diesem Museum sollen die Besucher von ihrem heimischen PC aus die „ausgestellten“ Exponate nicht nur ansehen, sondern auch bewegen, benutzen, auseinander bauen und wieder zusammensetzen können. Zusätzlich kann per E-Mail, Foren und Chat eine soziale Interaktion der Museumsbesucher angeregt werden. Ein solches virtuelles Museum stellt einen innovativen Weg der Wissensvermittlung dar.

Welche Vorzüge sehen Sie?

Es macht für ein virtuelles Museum im Prinzip keinen Unterschied, ob ein Exponat real existiert oder nicht – etwa weil es zerstört ist oder zwar geplant, aber niemals gebaut wurde. Das Sammeln und Ausstellen, wie wir es im herkömmlichen Museum kennen, geht hier über die realen Gegenstände hinaus, denn wir beziehen auch Patentzeichnungen von Apparaten mit ein. Wir stellen nicht nur die Gegenstände aus, sondern auch das Wissen über diese Gegenstände.

Ich kann also per Mausklick einen Apparat bis in die kleinste Schraube zerlegen, wieder zusammensetzen und in Konstruktionsplänen blättern?

Ganz genau. Die Apparate werden mithilfe einer Software rekonstruiert, die auch von heutigen Maschinenbauern verwendet wird. Jedes einzelne Teil muss also digital hergestellt werden und unter Berücksichtigung der physikalischen Gesetze mit anderen Teilen verbunden werden. Der Museumsbesucher kann diese Arbeit der Ingenieure und Erfinder dann via Internet nachvollziehen.

Läuten virtuelle Museen das Ende des traditionellen sonntäglichen Museumsbesuchs ein?

Nein. Die neuen Medien haben ihre Vorgänger nie ganz verdrängt. Wir lesen heute immer noch Bücher, hören immer noch Radio und gehen immer noch ins Kino – obwohl der Computer alle diese alten Medien simulieren kann. Deshalb stellt ein internetbasiertes, virtuelles Museum keine Bedrohung, sondern eine sinnvolle Ergänzung zu traditionellen Sammlungen und Ausstellungen dar. Zudem muss der PC ja auch nicht zwingend zu Hause stehen, sondern kann als „media station“ in eine entsprechende Ausstellung integriert werden.

Ihr Ausstellungsthema ist die Bildtelegraphie. Was ist darunter zu verstehen?

Bildtelegraphie ist ein Vorläufer unserer heutigen Fax-Technologie. Sie ist um 1850 entstanden und dient der elektromagnetischen oder -chemischen Übertragung von Bildern. Dabei werden die Bilder zwar in Spalten, nicht aber in Zeilen zerlegt. Es handelt sich sozusagen um halbdigitales Scannen.

Also ein Museum für Spezialisten?

Keinesfalls. In einer Monographie kommt das historische Wissen der Bildtelegraphie eher für ein Fachpublikum zur Sprache. Aber das virtuelle Museum soll die Geschichte unserer heutigen, medialen Wirklichkeit am Beispiel der Übertragung von Bildern für ein breites Publikum aufarbeiten.

Auf welche Fragen erhoffen sich die beteiligten Wissenschaftler Antworten?

Anhand der Bildtelegraphie lässt sich der Übergang von analogen zu digitalen Medien besonders gut erkennen und beleuchten. Für eine historisch ausgerichtete Kultur- und Medienwissenschaft sind solche Übergangsprozesse von größtem Interesse. Die Frage, was ein Bild ist, kann unter den Bedingungen seiner technischen Übertragbarkeit vollkommen neu gestellt und beantwortet werden.

Sie stehen noch am Anfang Ihrer Arbeit. Auf welches Material können Sie sich schon stützen?

Wir können auf ein digitales Bildarchiv zurückgreifen, das Texte, Skizzen, Patentschriften und Artefakte der Bildtelegraphie enthält. Von den ersten Bildtelegraphen wurden dreidimensionale Modelle erstellt. Auch eine vollständige Bibliographie fließt als Dokumentation in das virtuelle Museum ein.

Das Gespräch führte Heike Zappe.

Die Entstehung des virtuellen Museums kann verfolgt werden unter:

www.culture.hu-berlin.de/projekte/bildtelegraphie/

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