Zeitung Heute : Sand in der Satansmühle

Constanze von Bullion

Wenn ein Dinosaurier abtritt von der Bühne seiner Zeit, dann tut er das schwerfällig und mit gewichtigem Schritt. So jedenfalls hat man sich das immer vorgestellt. Als Elmar Altvater aber abtritt vom Podium seiner Uni, da ist es, als würde dieser Urzeitriese die Flügel ausbreiten wie ein Archäopteryx, einfach abheben und einen letzten Rundflug absolvieren, hoch über den Köpfen seiner Bewunderer.

Die sitzen am Mittwochabend im Hörsaal des Otto-Suhr-Instituts der Freien Universität, hocken auf dem Boden und stehen bis in den Flur dieses Instituts, das Abschied nimmt von einem seiner besten Köpfe und auch ein bisschen von sich selbst. Das „OSI“ war Denkzentrale der Berliner Studentenbewegung, hier sollte die Politikwissenschaft neu erfunden werden, und hier ist Elmar Altvater geworden, was er ist: Professor für Politische Ökonomie, Kapitalismuskritiker und ein Marxist, der bis heute als Ikone gilt.

Dabei sieht er fast scheu aus und auf eine verborgene Art auch gerührt, wie er sich so vor zum Rednerpult schiebt, vorbei an weißen Häuptern und Leuten wie Leon Dunkhase, der 20 ist und zu seinen schwarzen Partyklamotten die dicke Strickmütze trägt. Er studiert „noch Jura“, hat aber „eher Richtung Entwicklungshilfe überlegt“, sein Vater hat ihn zu dieser Abschiedsvorlesung geschickt. Altvater ist okay, sagt Leon, „weil er zeigt, dass es verschiedene Richtungen gibt, in die man gehen kann“.

Guten Abend und „bitte keine Vorschusslorbeeren“, sagt Altvater leise und hebt an zu einem zitatreichen Rundflug, der bei Schiller beginnt und mit der Aufforderung endet, nicht aufzuhören mit dem kritischen Denken, mit dem Lesen und dem guten Essen. Kapitalismuskritik zu betreiben, das bedeutet für ihn, Freiräume zu schaffen in einer Zeit, in der das „Mahlwerk“ der Globalisierung menschliche Arbeitskraft und Ressourcen zerschreddert. „Den Satansmühlen Sand ins Getriebe zu werfen“, das bleibt nun seinen Nachfolgern überlassen, sagt Altvater. Er guckt kurz, tritt etwas verlegen zur Seite, als ein warmer Applaus losbricht. „War ja sehr schnell gesprochen, vielleicht nochmal nachlesen“, murmelt Leon mit der Mütze. Dann gibt es Brezeln und Rotwein, und die klugen Gedanken flattern hinaus in die kalte Nacht.

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