Zeitung Heute : Santa Claus kommt immer öfter online

THOMAS STRATMANN

Roberta Hayes hat wenig freie Zeit, und das bedeutet gerade jetzt viel Streß für die alleinstehende Mutter aus Seattle.Ihr Sohn Josh ist zwar erst fünf Jahre alt, aber er hat sich bei der Auswahl seines wichtigsten Weihnachtsgeschenks gut informiert - in den Werbepausen seiner TV-Lieblingsserie am Sonnabend morgen wird derzeit für ein Phantasiewesen geworben, daß zottelig und gesprächig ist und mit seinen großen Glotzaugen amerikanische Kinder begeistert.Furby heißt das Viech, es ist der große Hit der diesjährigen Weihnachtssaison und verschwindet in den Spielzeuggeschäften rasend schnell aus den Regalen.Aber Josh wird kriegen, was er will.Denn seine Mutter nutzte ihren Computer, um erstmals im Internet einzukaufen.



"Ich habe wirklich keine Lust, mich morgens ums sechs in die Schlange zu stellen, um mich dann mit anderen Vätern und Müttern um neun Uhr bei der Ladenöffnung um die wenigen Furbys zu streiten, die dort verkauft werden," sagt Roberta Hayes.Sie arbeitet an sechs Tagen pro Woche in einem Juweliergeschäft in der Seattler Innenstadt.Als sie in den Fernsehnachrichten die Berichte über die allgemeine Furby-Knappheit in den Spielzeugläden sah, war ihr klar, daß der sehnlichste Weihnachtswunsch ihres Sohnes unerfüllt bleiben könnte.



Der Online-Anbieter egift.com machte der Mutter das Leben leichter, ihr Portemonnaie allerdings leider auch, denn egift.com lieferte zwar pünktlich, aber dort kostete der rare Furby 131 Dollar, einen ganzen Hunderter mehr als der offizielle Ladenpreis.Cyber-Shop, ein Unternehmen, das neben egift.com noch weitere Websites betreibt, rechtfertigt den hohen Preis mit der großen Nachfrage, und Kunden wie Roberta Hayes nehmen zähneknirschend in Kauf, daß die bequeme und minutenschnelle Bestellung aus dem Wohnzimmer manchmal eben doch mit Tücken verbunden ist.



Die aktuelle Furby-Hysterie in den USA hat vielen Skeptikern endgültig bewiesen, daß der Einkauf via Internet ganz handfeste Vorteile haben kann - vorausgesetzt, die Kunden sind bereit, nicht nur für das Produkt, sondern in Ausnahmefällen zusätzlich auch für den digitalen Service zu bezahlen.Meistens ist der Ladenpreis mit dem Online-Preis außerdem identisch, der wichtigste Nachteil des Cybereinkaufs bleibt dann die mehrtägige Lieferzeit der Bestellungen.In der diesjährigen Saison erwarten Marktbeobachter eine Verdopplung der Internet-Weihnachtsumsätze im Vergleich zum letzten Jahr, in dem US-Käufer rund 1, 1 Milliarden Dollar für online bestellte Geschenke ausgaben.



Ein Viertel aller US-Händler, die aus Läden oder per Katalog verkaufen, bieten ihre Waren nun auch im Internet an, vor zwei Jahren waren es nur acht Prozent.Reisen und Computerprodukte stellen mit je 30 Prozent die wichtigsten Einzelbranchen, gefolgt von Büchern mit einem Anteil von zehn Prozent.Amazon.com, der führende Internet-Buchhändler, bietet seit Ende November auch einen Geschenkladen an, in dem die Kunden in einem Sortiment von Puppen bis zu tragbaren Radios stöbern können.



Gezahlt wird hier, wie überall, per Kreditkarte, und nicht nur die Händler, sondern auch US-Zeitungen und Zeitschriften bemühen sich darum, mißtrauischen Einkäufern die Angst vor der Herausgabe der Kartennummer zu nehmen.Die drei großen Nachrichtenmagazine Time, Newsweek und U.S.News & World Report widmeten dem Thema "Shopping On The Web" Titelgeschichten, und alle beschreiben die Kreditkartennutzung als unbedenklich oder gar besonders empfehlenswert - schließlich können Kunden zum Beispiel die Zahlung der Kreditkartenrechnung verweigern, wenn sie bei Betrügern einkauften, die die Online-Bestellung nie liefern.



Die diesjährige Weihnachtssaison ist für viele US-Anbieter eine willkommene Gelegenheit, auf den schon angefahrenen Cybershopping-Zug aufzuspringen.Wer jetzt keine Kunden in den virtuellen Laden lockt, wird eventuell den Anschluß an den aktuellen Trend endgültig verpassen, und deshalb plazierten US-Händler neuerdings im Web unter anderem sowohl eine Weinstube als auch eine Parfümerie - für jene Kunden, die nicht schmecken oder schnuppern möchten, bevor sie kaufen.



Das Profil des durchschnittlichen Online-Einkäufers ist ein Traum für Händler.Sie können sich digital an eine Kundenschicht wenden, die im Schnitt 33 Jahre alt ist und mit rund 60 000 Dollar jährlich überdurchschnittlich gut verdient.Diese relativ jungen Konsumenten, denen die Kreditkarte locker in der Tasche sitzt, sind nach aktuellen Schätzungen die treibende Kraft eines Booms: Die Zahl der derzeit etwa 15 Millionen Online-Shopper in den USA wird sich voraussichtlich innerhalb der nächsten vier Jahre auf rund 60 Millionen vervierfachen.Der Onlinedienst AOL könnte bei diesem Boom gigantischen Profit machen.Er bietet schon jetzt mit rund 400 Cyberläden das größte Online-Einkaufszentrum der Welt - und jeder neue Mieter ermöglicht AOL Einnahmen in Millionenhöhe.



Schon innerhalb der nächsten zwei Jahre könnte der Weihnachts-Umsatz aus Internet-Verkäufen den Umsatz traditioneller Laden- oder Katalogverkäufe vor dem Fest übersteigen, vermuten besonders optimistische US-Marktbeobachter.Und sie prophezeien, daß die Zahl der Kunden auch außerhalb der Hauptsaison stabil bleibt, weil anfangs skeptische Konsumenten nach einem ersten komplikationslosen Online-Einkauf zur Weihnachtszeit der neuen Technologie grundsätzlich vertrauen.



Auch Roberta Hayes wird nach ihrer ersten Einkaufs-Erfahrung im Internet weiterhin das Online-Angebot im Auge behalten, allein schon aus beruflichen Gründen.Bei der Furby-Suche für ihren Sohn stieß sie zufällig auf digitale Konkurrenz ihres eigenen Arbeitgebers, und der Online-Juwelier fortunoff.com bot bessere Preise.Das sind die Argumente, die zählen.

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