Zeitung Heute : Sauber gemacht
Die Ehrenurkunde der IHK würdigt „besondere unternehmerische Leistungen“. Aynur Özdemir Boldaz hat noch keine Zeit gefunden, die Urkunde, die sie zum zehnjährigen Bestehen ihres Reinigungsunternehmens Forever Clean bekommen hat, aufzuhängen. Die 41-jährige Unternehmerin trägt hohe Absätze und ein glänzendes grünes Jackett über einem schwarzen T-Shirt. Rund 150 Angestellte hat sie, die meisten Deutsche. Beim Rundblick entdeckt man weitere Urkunden und Auszeichnungen. Das Selbstbewusstsein, das sie ausstrahlt, ist hart erarbeitet, daraus macht sie keinen Hehl.
Sie erinnert sich noch gut, wie sie an einem dunklen Dezembertag 1987 in Berlin eintraf.
Sie war 19, sprach kein Wort Deutsch, kam aus einem Dorf in Ostanatolien, um in Berlin mit ihrem Ehemann zusammenzuleben. Die Welt der Großstadt war ihr vollkommen fremd. Anfangs konnte sie in der Großstadt keinen Weg allein machen, nicht zum Arzt gehen, nicht zu Behörden, nicht zum Einkaufen.
Ein Volkshochschulkurs war der erste Schritt in ein neues Leben. „Ich konnte neue Leute kennenlernen und endlich ohne Hilfe Termine wahrnehmen.“ Nach vier Jahren bekam sie eine Arbeitserlaubnis. Sie war 23 Jahre alt, die kleine Tochter schon im Kindergarten. Also suchte sie sich Arbeit. „Bis dahin war ich eine brave Hausfrau,“ lächelt sie. Sie begann als Putzfrau im Virchow-Klinikum, doch schon bald war klar, dass mehr in ihr steckt. „Ich erkannte, dass es mir wahnsinnig viel Spaß macht, Menschen zu führen.“ Das Talent blieb auch in der Firma nicht unentdeckt. Bald schon wurde sie als Objektleiterin zuständig für 150 Mitarbeiter. Es sei nicht leicht gewesen, sich durchzusetzen, sagt sie. „Als ich anfing, war ich die Jüngste im Team.“
Eine Mitarbeiterin serviert Wasser und Tee. Als sie den Raum wieder verlassen hat, erklärt Aynur Boldaz, dass diese Mitarbeiterin schwerbehindert sei, eine seltene Knochenkrankheit. Sie beschäftigt viele Behinderte, weil sie sich von Anfang an auch sozial engagieren wollte.
In der zweiten Hälfte der 90er Jahre reifte in ihr der Entschluss, den großen Schnitt zu machen. „Ich musste mein Leben ändern.“ Sie ließ sich von ihrem Ehemann scheiden und kündigte ihren zwar interessanten, aber schlecht bezahlten Job bei der Reinigungsfirma. Als sie im Jobcenter sagte, sie wolle sich selbstständig machen, ignorierte man das. „Keiner glaubte mir.“ Aber sie war fest entschlossen. Damals, erinnert sie sich, sei alles viel schwieriger gewesen als heute. „Jede Tür, die ich öffnen wollte, hat man mir wieder zugemacht.“ Sie hat sich nicht einschüchtern lassen. „In Ostanatolien lernt man, mit allem klarzukommen.“ Studenten halfen ihr, den Namen für die Firma zu finden. Er sollte lustig und einprägsam sein: Forever Clean.
Am Anfang hatte sie nur eine Mitarbeiterin, nach und nach wurden es mehr. Als sie einmal zwei Monate keine Gehälter zahlen konnte, weil ein Kunde in Insolvenz gegangen war, verstand sie, wofür man starke Nerven braucht. Ein gutes Klima war ihr immer wichtig, das hat sich in der Situation bezahlt gemacht. „Wir sind alle per Du, und die Leute haben gesehen, dass ich mir nicht zu schade war, die Toiletten zu machen, während sie die Tische abwischten.“ Konsequent pflegte sie unternehmerische Netzwerke, „weil man da sehr viel lernen kann“, engagierte sich in der CDU. Kunden kamen über Mund-zu-Mund-Propaganda.
Die Unternehmenszentrale hat sie vor einigen Jahren verlegt und ist von der Lietzenburger Straße im alten Westen nach Neukölln gezogen. Neben Büro-, Krankenhaus- und Hotelreinigung bietet sie auch Baureinigung und Hygieneseminare an. Außerdem hat sie in der Gastronomiezeile hinter dem Holocaust-Mahnmal ein Bistro namens „Zerne“ eröffnet. Das führt die inzwischen 22-jährige Tochter. Auch hier hat sie Arbeitsplätze für Behinderte geschaffen. Vor zwei Jahren kam ein alter Kollege aus Virchow-Zeiten in ihr Unternehmen. Er brachte einen Meisterbrief mit, nun wird auch ausgebildet.
Sie liebt das Deutsche, die Sprache, die Disziplin, die Pünktlichkeit, und findet dies perfekt ergänzt mit türkischen Stärken wie Flexibilität und menschlicher Wärme. Wenn ihre Mitarbeiter verzweifelt sind, sagt sie „Schaut auf mich, ich habe es doch auch geschafft.“ Dass sie Deutschland liebt, wiederholt sie öfter. „Hier habe ich mich verwirklicht als Frau und als Mensch. Hier genießen Menschen hundertprozentig Menschenrechte.“
www.foreverclean.de
Wir sind alle per Du, und die Leute haben gesehen, dass ich mir nicht zu schade war, die
Toiletten zu machen, während sie die Tische abwischten.“
Aynur Özdemir Boldaz, Geschäftsführerin Forever clean






