Zeitung Heute : Sauer auf die BVG

Umsatzeinbußen in der Wilhelmstadt, weil die wichtige Buslinie 134 nicht mehr über die „Pichelsdorfer“ fährt

Rainer W. During

Klaus-Peter Hartwich ist sauer auf die BVG. Der Verkehrsbetrieb verlangt von der Interessengemeinschaft Wilhelmstadt 1000 Euro, weil er während des Straßenfestes in der Pichelsdorfer Straße zwei Buslinien umleiten musste. „Die sollen erst einmal 100 000 Euro für die Einnahmeverluste seit der Fahrplanänderung im Dezember zahlen“, ereifert sich der stellvertretende Vorsitzende des Vereins der Handel- und Gewerbetreibenden im Kiez beiderseits der einst blühenden Einkaufsmeile.

Schon immer standen die „Pichelsdorfer“ und ihre Nebenstraßen im Schatten der Altstadt. Die nach der Wende hochgeschossenen Einkaufszentren brachten den Besitzern der vielen Fachgeschäfte zusätzliche Probleme. Firmenpleiten am laufenden Band, eine hohe Fluktuation an Geschäften und ein erheblicher Leerstand waren die Folge.

Gerade als man begann, sich wieder aufzurappeln, versetzte die BVG der Wilhelmstadt einen weiteren Tiefschlag. Seit Dezember fährt die Linie 134 als wichtige Nord-Süd-Verbindung nicht mehr durch die Pichelsdorfer Straße, sondern nimmt die Abkürzung am Kiez vorbei über die Wilhelmstraße. Viele Kunden, die jetzt umsteigen müssten, bleiben seitdem aus. Das sind ausgerechnet jene aus den gut situierten Ortsteilen Gatow und Kladow, hat die Interessengemeinschaft bei Umfragen festgestellt. Hartwich spricht von 15 bis 20 Prozent Umsatzrückgang, das geht vielen an die Substanz. Doch alle Proteste auch von Kommunalpolitikern und dem Bezirksparlament konnten den Verkehrsbetrieb bisher nicht erweichen. Auch Vorstöße bei der Industrie- und Handelskammer sowie beim Wirtschaftssenator brachten nicht den erhofften Erfolg.

Dennoch ist es gelungen, den Leerstand deutlich zu senken, freut sich der IG-Vize. Viele Hausbesitzer hätten inzwischen die Zeichen der Zeit erkannt und die Mieten für Gewerberäume gesenkt. Insbesondere ausländische Mitbürger haben Hartwich zufolge die Chance genutzt und neue Geschäfte eröffnet. Zu den jüngsten Neuansiedlungen gehören ein italienischer Imbiss und ein polnischer Supermarkt. Aber auch so manches der alteingesessenen Unternehmen hat es bisher geschafft, allen Anfechtungen zu trotzen.

Mit Veranstaltungen wie dem Straßenfest, dem Pfingstfrühkonzert an der Scharfen Lanke und dem Fischerfest, das am kommenden Wochenende wieder am Grimnitzsee stattfindet, versucht die IG Wilhelmstadt den Berlinern und Brandenburgern zu zeigen, dass Spandau nicht nur aus Altstadt und Zitadelle besteht.

Einen weiteren Anreiz soll in Kürze eine Neuauflage der erfolgreichen Kundenkarte bieten, von der weitere 10000 Exemplare in Arbeit sind. Gleichzeitig wird die Liste der Läden, die ihren Kunden gegen Vorlage dieser Karte drei Prozent Rabatt gewähren, aktualisiert. Klaus-Peter Hartwich rechnet damit, dass sich etwa 120 bis 130 der rund 200 Geschäfte beteiligen. Doppelt so viele wie beim Start dieser Aktion vor einigen Jahren.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar