Zeitung Heute : Savoir-vivre und ganz viel Praxis

Von Lille bis Marseille gibt es in Frankreich viele spannende Studienmöglichkeiten. In Berlin stellen sich 30 Hochschulen vor

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Erst büffeln, dann bummeln.
Erst büffeln, dann bummeln.Foto: picture-alliance / Chad Ehlers

Nicht nur Vertreter des diesjährigen Abi-Doppeljahrgangs werden sich derzeit überlegen: Was soll ich studieren und wo kriege ich einen Studienplatz? Antworten auf diese und viele andere Fragen rund um Studium, Praktikum und akademische Weiterbildung bekommt man auf der Messe Studyworld, die am 20. und 21. Mai in Berlin stattfindet. Über 170 Aussteller aus mehr als 25 Ländern werden erwartet. Neben Hochschulen sind das zum Beispiel Förderinstitutionen, Praktikumsvermittler, Studieninformationsdienste und Austauschorganisationen.

Auch 30 französische Hochschulen werden im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur in der Friedrichstraße vertreten sein. Der Grund: Dieses Jahr ist das Studieren im Land des Savoir-vivre ein Schwerpunkt der Messe. Frankreich ist populär bei deutschen Schulabgängern. Jedes Jahr zieht es rund 10 000 angehende Akademiker von der rechten Seite des Rheins auf die linke Seite .Mindestvoraussetzung für ein Studium in Frankreich ist das Abitur oder Fachabitur. Einige Unis, Grande Ecoles und Ecoles fordern auch das sogenannte Doppelabitur für beide Länder, das „AbiBac“ (in Frankreich heißt die Reifeprüfung Baccalaureat). Wer das an einer der französischen oder internationalen Schulen in Deutschland abgelegt hat, dem stehen viele Hochschultüren offen. Auch finanziell lohne es sich, in Frankreich zu studieren, „weil die Studiengebühren an den staatlichen Universitäten zum Beispiel mit 174 Euro pro Studienjahr für einen Bachelor vergleichsweise gering sind“, sagt Thibaut Triqueneaux, Hochschulbeauftragter beim Institut Français in Berlin.

An den meisten französischen Unis wird für die Zulassung zu einem Bachelor das Französisch-Niveau „B2“ des GER (Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen) verlangt. Viele haben sich auf den Ansturm der ausländischen Studenten eingestellt und bieten Sprachkurse an – allerdings kostenpflichtig. „Die beliebteste Universitätsstadt ist und bleibt bei den Deutschen Paris“, konstatiert Triqueneaux. „Viele zieht es auch nach Montpellier und Strasbourg. Dabei haben auch weniger bekannte Städte wie Lille, Nantes, Lyon, Grenoble oder Clermont- Ferrand sehr gute Universitäten.“

Der Bologna-Prozess habe dafür gesorgt, dass es inzwischen viel einfacher geworden sei, zum Beispiel an einen deutschen Bachelor-Studiengang einen französischen Master anzuschließen, erklärt Triqueneaux. „Beide Seiten erkennen die größtenteils angeglichenen akademischen Abschlüsse und Zwischenprüfungen an.“ Jeder Bereich habe dabei allerdings seine Eigenheiten. So bestehe etwa das Lehrerstudium in Frankreich aus einem Fach, während in Deutschland mindestens zwei Spezialisierungen gefordert würden.

Der Hochschulbeauftragte nennt auch noch einen weiteren Pluspunkt beim Büffeln unterm Eiffelturm: „Fast alle Studiengänge in Frankreich beinhalten mindestens ein Praktikum. Das hat zur Folge, dass viele Unis Kooperationsvereinbarungen mit großen Unternehmen abschließen und die Studierenden oft ohne viel Aufwand und Wartezeit Praktikumsplätze oder sogar den heiß ersehnten ersten Job über diese Zusammenarbeit finden.“

Von dieser „professionalisation“ erzählt auch Elsa-Claire Elisée von der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH). „Zwar sind Schul- und Hochschulsystem in Paris und Lille anders als in Berlin und Heidelberg. Trotzdem haben wir seit nunmehr zwölf Jahren immer mehr Anfragen nach Studiengängen, die in beiden Ländern stattfinden.“ Die DFH in Saarbrücken hat keinen Hörsaal und keine Mensa, sie ist eine „Internationalisierungsagentur“ erklärt Elisée. „Bei uns sind insgesamt 180 deutsche und französische Unis vertreten, die binationale Studiengänge anbieten.“ So kann man zum Beispiel einen Bachelor-Studiengang in Politischen Wissenschaften in Deutschland anfangen und in Paris an einer der begehrten Grandes Ecoles abschließen. In Saarbrücken werden alle Infos gesammelt. Wer über die DFH an einer französischen Uni einen Studienplatz in Frankreich bekommen hat, wird auch finanziell unterstützt. Die monatliche Mobilitätsbeihilfe beträgt 270 Euro.

Sprachbarrieren und viel Bürokratie – das sind die meistgenannten Hürden für deutsche Abiturienten auf dem Weg zur akademischen Laufbahn in Frankreich. „Wir helfen dabei und stehen beratend zur Seite“, sagt Elisée. Und warum betreiben so viele Studenten diesen Aufwand? Deutsche, die in Frankreich studiert haben, hätten einen internationalen Hintergrund, der bei vielen Konzernen vorausgesetzt werde, meint die Studienexpertin. Frankreich und Deutschland seien die wirtschaftlich wichtigsten Kräfte in der Europäischen Union. Und: „Auch Länder im nicht-europäischen Ausland sind Märkte, die gut ausgebildete Akademiker aus Deutschland und Frankreich mit internationalem Hintergrund händeringend suchen.“

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