Zeitung Heute : Schädel Schillers

1805 starb in Weimar ein großer Dichter. 21 Jahre lag er in aller Stille in seinem Grab. Doch der Ruhm ließ ihm keine Ruhe. Wie Friedrich Schiller in Goethes Hand kam

Michael Bienert

Es ist kurz vor Mitternacht, als Schatten über den alten Weimarer Jakobskirchhof huschen. An einem zierlichen Tempelbau sammeln sich sechs Männer. Lautlos dringen sie in das Mausoleum ein. Erst nachdem sie auf einer Leiter in die Stockfinsternis des Kellers hinabgestiegen sind, wagen sie, Laternen anzuzünden. Niemand in der Stadt soll ihr nächtliches Treiben bemerken.

Das fahle Licht fällt auf ein Chaos aus Moder und Fäulnis. An den feuchten Wänden lehnen Sargbretter. „Das Scheußliche des Aufenthalts in dieser lang nicht geöffneten, nur mit dem heftigsten Modergeruch angefüllten Totengruft unter herumliegenden Schädeln und Totengebeinen lässt sich nicht beschreiben, und nur das eifrigste Tabaksrauchen gab mir einige Erleichterung“, berichtet später einer der Schatzsucher. Da sie ihr Vorhaben jedes Mal vor dem ersten Hahnenschrei abbrechen, zieht sich die Suche im März 1826 über mehrere Nächte hin.

64 Särge wurden über die vergangenen Jahrzehnte in den Totenkeller hinabgelasssen. Das ehemalige Familiengrab wird schon lange von der Weimarer obersten Landesfinanzbehörde verwaltet und deshalb Kassengewölbe genannt. Bestimmt war es nur für wenige Leichen. Um Platz zu schaffen, hat der Totengräber ältere Überreste bereits beiseite schaufeln müssen.

23 Totenköpfe werden schließlich geborgen, in einen Sack gesteckt und heimlich ins Haus des Weimarer Bürgermeisters Karl Schwabe gebracht, der die Bergungsaktion dirigiert. Er gibt später zu Protokoll: „Nachts um drei in meiner Behausung angekommen, stellte ich alle 23 Schädel auf einer Tafel auf. Unter ihnen zeichnete sich einer vor allen anderen durch seine Größe aus und dass er mit schönen, wohl erhaltenen Zähnen versehen war.“

Das muss, schließt der Bürgermeister, der Schädelknochen eines großen Mannes sein, der früh starb und deshalb alle Zähne mit ins Grab nahm. In der folgenden Nacht steigt Schwabe nochmals in die Totengruft und findet eine Kinnlade, die zu dem Schädel passt. Danach lässt er ihn von Ärzten vermessen und mit einer tönernen Totenmaske vergleichen. Alle sind sicher: Es ist Schillers Schädel, den der Bürgermeister für die Nachwelt gerettet hat. Ein merkwürdiger Reliquienkult beginnt, mit der Totenruhe des Dichters ist es seit jenen Nächten vorbei.

Der war 21 Jahre zuvor, am 9. Mai 1805, in seinem Haus in Weimar verstorben, mit gerade 45 Jahren. Den Tod hatte Schiller schon lange vor Augen gehabt. Seit 1791 litt er unter den Folgen einer verschleppten Lungen- und Rippenfellentzündung. Der geschwächte Körper war anfällig für Infekte, oft quälten ihn Fieberkrämpfe, Koliken und Kopfschmerzen. Mehr als einmal gaben ihn Familie und Freunde verloren. Immer wieder raffte sich der Todkranke auf. Schiller war das beste Beispiel für das Lebensmotto, das er seinem Wallenstein in den Mund legte: „Es ist der Geist, der sich den Körper baut.“

Der Obduktionsbericht vom Mai 1805 berichtet von einer völlig zerstörten rechten Lunge, einem mit der Hand zerkrümelbaren Herzbeutel, brandiger Leber und grotesk verwachsenen Organen. „Urinblase und Magen waren allein natürlich. Bei diesen Umständen muß man sich wundern, wie der arme Mann so lange hat leben können“, so das Fazit der Ärzte. 54 Stunden nach Eintritt des Todes wurden die sterblichen Überreste beigesetzt. Die Familie Schiller konnte sich ein Erbbegräbnis nicht leisten. Doch der geadelte Hofrat und Dichter war bedeutend genug, um unter angesehenen Bürgern zu ruhen, für die sich das Kassengewölbe gegen einen Obulus öffnete. Es handelte sich also um ein standesgemäßes Begräbnis, Schiller war nicht, wie später oft behauptet, in einem Massengrab verscharrt worden.

Im frühen 20. Jahrhundert erschienen zahlreiche Schriften, in denen es hieß, der Dichter sei von dunklen Mächten vergiftet worden, was allein seinen frühen Tod erkläre. Mal wurde die Tat den Schergen Napoleons zugeschrieben, die den deutschen Dichterfürsten liquidiert hätten, ehe die französischen Truppen im Jahr 1806 bis nach Berlin marschierten. Mal waren Juden und Freimaurer schuld, die es nicht ertragen hätten, dass Schiller „der Verjudung unserer Kultur eine Festung des Deutschen Idealismus“ entgegen gestellt habe. So zu lesen in einem 1928 erschienenen Bestseller mit dem Titel „Der ungesühnte Frevel an Luther, Lessing, Mozart und Schiller im Dienste des allmächtigen Baumeisters aller Welten“.

Die Verfasserin Mathilde Ludendorff war die Gattin des gefeierten Feldherrn und Hitlerfreundes Erich Ludendorff. Sie schoss freilich weit über ihr Ziel hinaus, als sie Goethe eine Mitwisserschaft an Schillers Ermordung zuschrieb. Das ging selbst eingefleischten Nazis zu weit, denn damit geriet ein deutsches Nationaldenkmal, die vielfach kolportierte Dichterfreundschaft Goethes und Schillers, ins Wanken. Deshalb sorgte NS-Propagandaminister Joseph Goebbels dafür, dass dieses Pamphlet ab 1936 nicht weiter verbreitet wurde.

Was aber geschah mit Schillers Gebeinen oder dem, was die Nachwelt dafür hielt? Der nach seinem Tod wachsende Ruhm des Nationaldichters forderte in den Augen der Zeitgenossen eine repräsentativere Grab- und Gedächtnisstätte als das anonyme Kassengewölbe. Das war der Auslöser für die Suche nach den sterblichen Resten. Nachdem der angebliche Schädel gefunden war, klaubten die Helfer des Bürgermeisters Straube ein halbwegs vollständiges Skelett zusammen. Beides wurde zunächst in die Herzogliche Bibliothek gebracht, die heutige Anna-Amalia-Bibliothek, deren Rokokosaal im vergangenen Jahr ausbrannte.

Genau dort fand am 17. September 1826 eine Feierstunde statt, bei der Schillers mutmaßlicher Schädel im Sockel einer Büste des Dichters verstaut wurde. Die Familie war damit einverstanden, nachdem sich der Plan von Schillers Witwe für ein gemeinsames Grab zerschlagen hatte. Charlotte von Schiller war im Juli nach Bonn gereist, um sich einer Augenoperation zu unterziehen, kurz darauf gestorben und an Ort und Stelle beigesetzt worden.

Die feierliche Niederlegung von Schillers Schädel machte die Weimarer Bibliothek, längst eine Walhalla der großen Geister der Stadt, zum Schillermausoleum. Die Oberaufsicht lag beim Weimarer Kulturminister, dem Hofrat Goethe. Ihm händigte man die Schlüssel zu dem Reliquienschrein aus. Der Minister selbst war der Feierstunde fern geblieben. Goethe verabscheute Leichenbegängnisse, hatte sich am Morgen krank gemeldet und ließ sich durch seinen Sohn vertreten. Den eigenen Tod vor Augen – er starb sieben Jahre später – träumte der alte Goethe von einer gemeinsamen Grabstätte mit Schiller. Im Herbst 1826 ließ er vom Oberbaudirektor Coudray Entwürfe anfertigen und holte die Einwilligung von Schillers Erben ein.

Schon eine Woche nach der Bibliotheksfeier zog der Schädel in Goethes Haus am Frauenplan um. Goethe ließ ihn reinigen, auf ein blausamtenes Kissen unter einem schützenden Glassturz betten und vorerst nicht wieder in die Bibliothek zurückbringen. In dieser Zeit schrieb Goethe ein berühmtes Gedicht, dem spätere Herausgeber die Überschrift „Schillers Reliquien“ gaben: „Im ernsten Beinhaus war’s, wo ich beschaute / wie Schädel Schädeln angeordnet passten / Die alte Zeit gedacht ich, die ergraute.“ Das ist eine Fiktion, denn bei den Grabungen im Kassengewölbe war Goethe nicht zugegen. Auch fällt der Name Schiller in keiner der Terzinen, die davon erzählen, wie das kalte Gruseln vor der „dürren Schale“ des Lebens sich verflüchtigt: „Wie mich geheimnißvoll die Form entzückte! / Die gottgedachte Spur, die sich erhalten!“ Das Gedicht schließt mit dem naturphilosophischen Bekenntnis Goethes: „Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen / Als daß sich Gott=Natur ihm offenbare / Wie sie das Feste läßt zu Geist verrinnen / Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre."

Fast ein Jahr verwahrte Goethe die Reliquie, dann erreichte ihn ein Eilbillett seines Herzogs Karl August: Der in Weimar weilende König Ludwig von Bayern habe gebeten, Schillers Schädel in der Bibliothek zu sehen! Eilig wurde er zurückgeschafft. Ein paar Tage später dichtete der bayrische König tief beeindruckt: „Nicht berühren durft’ ich deine Lippe, / Knüpfen nicht der Freundschaft ew’gen Ring / Sehen konnt nur ich das Gerippe, / Das die schönste Seele einst umfing.“

Wenig angetan vom aufblühenden Reliquienkult um Schiller war die protestantische Landeskirche. Sie lehnte sowohl Bestattungen in Bibliotheken wie auch Goethes Pläne für ein gemeinsames Dichtergrab ab. Um dem Gerede über das Treiben der Weimarer ein Ende zu machen, ordnete der Herzog die Überführung sämtlicher Gebeine Schillers in die neu erbaute Fürstengruft an. Am 16. Dezember 1827 wurde sie in aller Stille vollzogen. Fünf Jahre später folgte der Sarkophag mit Goethes sterblichen Überresten.

Bis heute ist die Gruft eine gut besuchte Gedenkstätte. Doch blieben Zweifel an der Authentizität der Gebeine. 1883 erklärte der angesehene Anatom Hermann Welcker Schillers Schädel für unecht. Daraufhin wurde 1911 noch einmal am Ort des inzwischen abgerissenen Kassengewölbes gegraben. Dabei kamen 63 Schädel zutage, von denen einer nach Meinung der Gutachter Schiller zuzuschreiben war. Dieser Schädel und die dazu passenden Knochen stehen seit 1914 in einem unbeschrifteten Sarg neben dem großen Eichensarkophag in der Fürstengruft. Als der Sarg wegen Fäulnisschäden 1959 geöffnet wurde, fertigte ein russischer Anthropologe Kunststoffabgüsse beider Schädel an und modellierte darüber ein Gesicht. Er kam zu dem Schluss, der zuerst gefundene Schädel sei wegen der größeren Ähnlichkeit wohl doch der echte. Allerdings sind schon die bildlichen Darstellungen Schillers aus seiner Lebenszeit wenig zuverlässig.

Sicher ist nichts. Deshalb ist in jüngster Zeit immer mal wieder eine DNA-Analyse im Gespäch, aber davon hält man bei der für das Goethe- und Schillererbe zuständigen Stiftung Weimarer Klassik nicht viel. Die hat auch Wichtigeres zu tun, zumal nach dem Bibliotheksbrand des vergangenen Jahres. Beim Versuch, Kunstschätze vor den Flammen zu retten, ging auch eine Totenmaske Schillers zu Bruch. Sie wurde in jenem Schrein im Sockel der Schillerbüste aufbewahrt, der einst für den Schädel vorgesehen war.

Selbst wenn sich Echtheit oder Unechtheit der Reliquien zweifelsfrei klären ließe, würde das an ihrer kulturhistorischen Bedeutung nichts ändern. Der Kult um den Dichter folgte bis ins Detail den Mustern katholischer Heiligenverehrung, wie der Göttinger Germanist Albrecht Schöne nachwies. Der Schauplatz aber war nicht Altötting, sondern das protestantische, aufgeklärte Weimar. Schillers Idealismus, aus einem leidenden Körper entsprungen, verwandelte sich im 19. Jahrhundert in eine Volksreligion mit allem was dazu gehört: Reliquien, Standbilder, Kirchenmusik, geweihte Orte, regelmäßige Schillerfeiern mit Schillerwein und Festprozessionen zu runden Jubiläen.

Bis heute zehren Schillers Geburtsort Marbach und der Sterbeort Weimar von ihrem Status als zentrale Wallfahrtsstätten des Dichterkults. Dessen Breitenwirkung hat zwar nachgelassen, aber überwunden ist er noch lange nicht. Spätestens am 9. Mai 2005 wird man es sehen, wenn Schillers Todestag mit der Liturgie eines Festaktes im Weimarer Nationaltheater begangen wird. Der Bundesfinanzminister gibt eine Zehn-EuroMünze heraus, und für die Jugend gibt es einen Comic über Schillers Räuberjahre. Auf Reliquien mit Echtheitszertifikat ist die Schillerverehrung nicht angewiesen. Jede Zeit schafft sich die Kultobjekte, die sie braucht.

Der Autor hat im vergangenen Jahr das Buch „Schiller in Berlin“ (Marbacher Magazin 106) veröffentlicht.

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