Zeitung Heute : Scharfe Geschütze

Am 20. Januar ist Inauguration: George W. Bush wird erneut ins Amt eingeführt. Viel Spaß mit diesem Trio, Mr. President!

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Von Sabine Reichel George W. Bush ein „Vollidiot“? John Kerry ein „Briekäse essender Dilettant“ und Dick Cheney ein „verkrusteter Nussriegel“? Darf man das in aller Öffentlichkeit sagen? In Amerika schon – dort schreiben drei Damen mit Eminemartigem Vokabular gegen Präsidenten und Minister, gegen Republikaner und Demokraten gleichermaßen. Maureen Dowd, Arianna Huffington und Molly Ivins sind deutlich schlanker als Michael Moore – und sie sind die drei bekanntesten und bösartigsten Kolumnistinnen der Vereinigten Staaten.

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MAUREEN DOWD

Maureen Dowd, die Gnadenlose, ist das Bad Girl der „New York Times“. Die irische Polizistentochter bekam 1999 den Pulitzer Preis für eine Geschichte über Bill Clinton und Monica Lewinsky, nachdem sie es in knapp zehn Jahren von der Washington-Korrespondentin zur wöchentlichen Polit-Kolumnistin gebracht hatte. Themen hatte sie in der Hauptstadt reichlich gesammelt – und mit Clinton und Bush zwei umstrittene Charaktere erwischt, die sie als Goldgrube für ihre präzisen Beobachtungen nutzte und mit beißendem Spott überzog. Die Clinton-Jahre waren für Dowd reicher an skandalösen Leckerbissen, ihre Kommentare sezierten „den eitlen, phallischen Präsidenten“. George W. Bush aber nennt sie einen „tumben Texaner mit Waldschratregierung“; er ist der liberalen Ostküstenfrau noch verhasster als Kryptonite Superman. Seit über vier Jahren frönt sie dem Bush-Bashing, und keiner der „Neocons“, der Neokonservativen, ist vor ihr sicher. In ihren Kolumnen lesen sich Bush und die anderen wie Figuren aus „Bonanza“ und „Denver Clan“, sie sind nur eben mächtiger und bösartig genug, um die Welt zu zerstören. Ende 2004 war es Dick Cheney, auf den sich ihre verächtlichsten Spitzen konzentrierten. Zu Halloween überschrieb Maureen Dowd eine Kolumne über das ihrer Meinung nach von Monstern bewohnte Weiße Haus in Anlehnung an Frankensteins Gruselkabinett mit „White House of Horror“. Darin verglich sie Cheney mit einem „wahnsinnigen Laborpanscher“ und Bush mit einem „derangierten Teenager aus dem Splatter-Film ’Freitag, der 13.’“. Dazu verpasste sie dem knarzigen Vize, der ihrer Meinung nach unter Demenz leidet, den Namen „Dr. Cheneystein“. Sie erfand auch den Namen „Rummy“ für den von ihr ebenso gehassten Donald Rumsfeld.

Dowd, typisch irisch mit roten Haaren und weißer Haut, hält ihr Privatleben streng geheim. Ab und zu lässt sie sich bei Talk-Shows sehen, in denen sie süffisant eine Augenbraue hochzieht, amüsiert die Lippen spitzt und ihre knappen Kommentare hervorstößt wie ein genervter Teenager. Doch für viele ist sie das arrogante Cosmo-Girl, mager und modisch zwar, aber ohne Sinnlichkeit und Wärme, die harte Frau von der Ostküste eben. Wer so viel Gift versprüht wie Maureen Dowd, der kriegt oft ein paar Spritzer ab, und es ist sicher nicht nur Neid, mit dem sie konfrontiert wird. Einer der Vorwürfe von Kritikern ist, dass sie sich in den letzten vier Jahren in unverständlichen, narzisstischen und modischen Plappereien in einer Pop-Sprache, die nur auf Show-Effekte bedacht ist, verfangen hat. Besonders Frauen scheinen Dowds Stil über zu haben. Eine „Washington Post“-Reporterin nannte bereits vor Jahren Dowds Art zu schreiben „schleichenden Dowdismus“. Eine andere Kolumnistin beanstandet die Ziellosigkeit in Dowds Kolumnen, die so lahm wirke als ob „ein kleines Schulmädchen versuchen würde, Bush anzuspucken“. Und ein Washingtoner Wochenmagazin enthüllte die fünf Regeln einer jeden Dowd-Kolumne, die zusammengefasst in etwa so klingen: „Reduziere alle politischen Phänomene auf Karrikaturen. Sei lustig, dann brauchst du keine Lösungsvorschläge zu machen. Sei süß. Schreibe über dein Leben, als sei es von universellem Interesse. Europäer haben immer Recht.“ Maureen Dowd wird sich sicher zu rächen wissen.

„Bushworld“, Viking Verlag, 23,90 Euro

ARIANNA HUFFINGTON

Wenn Arianna Huffington das Wort ergreift, hören die Kalifornier gebannt zu. Das liegt allerdings nicht nur an ihren klugen politischen Kommentaren, sondern auch an ihrem starken Akzent. Damit dürfte die gebürtige Griechin (ihr Mädchenname ist Stanniopulous) nach Kauderwelsch-König Arnold Schwarzenegger die einzige Ausländerin in Kalifornien sein, die sich öfter in den Medien zu Wort melden darf.

Als engagierte Kolumnistin, Autorin, Kommentatorin und Talkshow-Gast hat sich die 54-jährige Immigrantin inzwischen eine riesige Fan-Gemeinde herangezüchtet. Wer in Bush-Zeiten Bücher mit Titeln wie „Schweine am Trog – Wie Geldgier und Korruption Amerika unterwandern“ oder „Wie man die Regierung stürzt – Über die Korruption unseres politischen Systems und die nötigen Reformen“ und „Fanatiker und Narren – Wie man Amerika zurückgewinnen kann“ schreibt, der macht sich zumindest bei den enttäuschten Kerry-Wählern äußerst beliebt. Dabei wurde die schreibfreudige Aktivistin noch vor zehn Jahren nicht so ganz ernst genommen. Denn während ihrer ersten Karriere hatte die Tochter aus reichem Hause zwar ein Cambridge-Examen absolviert und Biografie-Bestseller über Picasso und Maria Callas veröffentlicht, aber von der großen Politik lieber die manikürten Finger gelassen. Die Politisierung von Arianna Huffington und damit die Entdeckung ihrer Berufung passierte erst relativ spät, nach einer gescheiterten Ehe mit einem republikanischen Gouverneur im kalifornischen Santa Barbara, der ihr eröffnete, dass er homosexuell war. Als Frau vielleicht eine Demütigung, aber als Bürgerin verstand Huffington das Outing ihres Gatten als eine Aufforderung, die republikanischen Grundideen unter die Lupe zu nehmen. Vorher ganz brave Mutter und sprachlose Hintergrundfrau mit Seidenschal, Kelly Bag und Helmfrisur, entdeckte Huffington für sich, dass nicht nur ihre Ehe, sondern auch ihr Gastland eine riesige Enttäuschung war. Sie nahm ihre beiden Töchter, entdeckte eine gewisse spirituelle Seite – man lebt ja in Los Angeles – sowie die parteilose Demokratin in sich und machte sich auf dem Weg, ein ähnlich umtriebiger Medienstar wie Michael Moore zu werden. Nur im Twinset und kalifornisch-cool.

Was sie darüber hinaus mit Moore teilt, ist die Liebe zur recherchierten Fakten: Auf ihrer Website gibt es keine nachlässig zusammengestrickten Wahrheitsfädchen oder Kommentare, die lediglich den Sinn haben, zu provozieren. Arianna Huffingtons Stil ist ultrakritisch, ernsthaft, logisch und durchtränkt von der Empörung einer enttäuschten Idealistin. Sie kämpft für ein gutes, gerechtes Amerika, das durch „die Fanatiker“, also die Republikaner, und „die Narren“, das wären die Demokraten, komplett korrumpiert und in den moralischen Morast heruntergewirtschaftet wurde. Auf Veranstaltungen referiert sie über Themen wie „Können Konservative ein soziales Gewissen haben“ – und sie ist Mitbegründerin des „Detroit Project“, das den Bau von protzigen SUV-Benzinschluckern unterbinden will, Mitglied in mehreren Organisationen, die gefährdeten Jugendlichen helfen, sie organisiert Benefiz-Partys und öffnet ihr Haus für einen monatlichen Salon, zu dem sie Persönlichkeiten aus Politik, Presse und Entertainment einlädt.

„Fanatics and Fools. The Game Plan for Winning Back America“, Miramax Books, 20 Euro; ariannaonline.com

MOLLY IVINS

Molly Ivins fängt ihre Kolumnen, die sie „Live from Mason County“ – das Nest liegt in Texas und hat 2148 Einwohner – nennt, ohne große Schnörkel an: „Präsident Bush mag nicht dumm sein, aber er denkt ganz eindeutig, dass wir es sind. Man muss schon glauben, dass sein Publikum aus einem Haufen begrenzter Vollidioten besteht, um ihm so viele Hämmer zu erzählen wie er es tut. Klar, viele von uns werden allmählich vergesslich, aber selbst ich erinnere mich genau daran, warum Bush fand, dass wir den Irak besetzen sollen.“ Das ist nur der Einstand zu einer Kolumne, in der Molly Ivins Bushs lange Lügenliste aufzählt, mit Zahlen und Fakten belegt und ihn dabei mit leichter Hand und dickflüssiger Ironie als „kleinen, dummen Betrüger“ entlarvt. Molly darf das, auch wenn sie in Bush’s Own Country und unter Republikanern lebt, auch wenn eines ihrer erfolgreichsten Bücher „Das kann Molly Ivins aber nun wirklich nicht sagen, oder?“ heißt. Denn Molly ist eine heiß geliebte amerikanische Institution, die seit fast 40 Jahren politische Kommentare schreibt und deren Kolumnen in fast 300 amerikanischen Zeitungen abgedruckt werden.

Zwar in Kalifornien geboren, ist die 60-jährige Ivins ein weißhaariges, sehr liberales Texas Girl, eigentlich immer noch ein überzeugter Lefty mit starker 60er-Jahre-Prägung, und das trotz des strikt republikanischen Elternhauses. Und vor diesem Hintergrund berichtet sie ausgerechnet aus einem durch und durch republikanischen Dorf, in dem Männer wie selbstverständlich Cowboystiefel und Waffen tragen, einander mit einem schmissigen „Howdy“ grüßen und George W. Bush für einen außergewöhnlich begabten Macher halten. Man merkt Molly an, wie viel Spaß sie beim Beobachten der Texaner hat. Politik in Texas, behauptet sie, sei großartige Unterhaltung, besser als im Zoo oder im Zirkus, dazu rauer als Football, und ästhetisch anspruchsvoller als Baseball. Ihr neuestes Werk heißt „Bushwhacked. Life in George W. Bush’s America“. Übersetzen kann man „Bushwhacked“ mit „geschlagen durch Bush“ übersetzen.

Arianna Huffingtons kühler Kopf amüsiert einen, über Maureen Dowds Biestigkeiten kann man schadenfroh grinsen, aber über Mollys Kolumnen herzlich lachen. Ihr Trick ist, dass sie kleine, alltägliche Geschichten von Durchschnittstexanern erzählt, alles fast so beiläufig und trocken wie Mark Twain, und Ironie nicht als Selbstzweck, sondern lediglich als Stilmittel benutzt, um zu verdeutlichen, was sie wirklich meint. Ein Beispiel: „Ich hörte wie zwei Cowboys über Osama bin Laden diskutierten. Sie nannten ihn immer Osama bin, weil sie wohl glaubten, das sei sein Vorname, so wie Billy Bob oder Jerry Jeff.“

Als versierte Journalistin, die beim „Houston Chronicle“ in der Beschwerde-Abteilung angefangen, dann 35 Jahre bei verschiedenen Zeitungen gearbeitet hat und das geschriebene Wort noch mehr liebt als Spare Ribs, bezeichnet sie die Medien heute als Gefahrenquelle: „Es sind die Geschichten, die wir verpassen, übergehen und nicht mitkriegen, die uns in die Hölle schicken werden“, schrieb Ivins 1990. Manche behaupten, Amerika habe die Türklinke zur Hölle schon längst in der Hand.

„Bushwhacked. Life in George W. Bush’s America“, Vintage Books USA, 9,99 Euro

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