Zeitung Heute : Schattenbilder eines Lebens

Stephan Lebert

Den Beginn des Besuchs hatten wir uns anders vorgestellt. Im Notizblock stand ganz oben die Frage, wie er, André Heller, das Gespräch mit der Frau Junge begonnen hatte. Wie seine ersten Worte waren. Ob er, der Künstler, ein besonderes Konzept hatte, um die Sekretärin von Adolf Hitler vor der Kamera zum Reden zu bringen?

Wien, mitten im Zentrum, eine schmale Gasse. Hellers Name steht nicht am Klingelschild. Erster Stock in einem prachtvollen Palais. Eine kleine Asiatin in einem roten Kimono öffnet die Tür, nimmt den Mantel ab, fragt auf Englisch, ob man was trinken möchte. Vielleicht einen Tee? Die Wohnung ist noch prächtiger als das Palais. Riesige, hohe Räume. Es gibt unter anderem eine Bibliothek, ein Besprechungszimmer, ein Musikzimmer. Man fühlt sich wie in einem Museum: überall Bilder, zum Beispiel ein Orginal von Baselitz, eine Porträt von Heller, gezeichnet von Andy Warhol. Statuen, antike Möbel, asiatische Möbel. André Heller wird später sagen, er habe lange gesucht, bis er diese Wohnung gefunden hat, in der er Platz für seine Sammlung hat. Er wird später von der Geschichte dieser Jahrhunderte alten Wohnung erzählen, wer hier schon alles war, Premierminister, Widerständskämpfer, aber auch Künstler, Mozart zum Beispiel.

Das Diktat

Wir sitzen im Arbeitszimmer. André Heller trägt einen weiß-schwarz gestreiften Pullover, schwarze Hose. Er sitzt halb liegend auf der großen Couch. Er wirkt unruhig, aufgewühlt. Und er sagt das auch, als Erstes nach der Begrüßung, sofort. "Es ist mir nicht klar gewesen", sagt André Heller, "wie tief mich dieses Thema wieder trifft, wie sehr es mich hinunterzieht. Da packt einen was..." Er sucht nach Worten, "...eine Energie, die einen irgendwohin ziehen will". Dabei ist es eigentlich nur die Begegnung mit einer freundlichen Frau gewesen, Traudl Junge, die Hitlers Testament in die Schreibmaschine tippte und dabei fast keinen Fehler machte. Sie sagt in dem Film: "Sonst habe ich immer ein paar Fehler gemacht beim Diktieren, und das war lästig, man musste mit dem Radiergummi radieren, weil es ja noch kein Tippex gegeben hat. Aber bei diesem allerletzten Diktat tippte ich fast perfekt."

Alles komme jetzt wieder hoch, sagt AndrZeacute; Heller, "der ganze Dreck", ja, und auch die eigene Familiengeschichte. Dabei könnte er es sich, rein moralisch gesehen, einfach machen, er, mit seinem jüdischen Hintergrund, der einige Verwandte in Auschwitz verloren hat. Heller sagt, er habe hier irgendwo in einer Schublade einen Brief vom amerikanischen Präsidenten Truman, in dem der versichert, ohne die Tätigkeit des Vaters, des Widerstandskämpers Stephen Heller, wäre die Landung der Alliiertentruppen in der Normandie viel schwieriger gewesen. "Mein Vater", sagt Heller, "war als eine Art Kontaktmann zwischen de Gaulle und den USA ein wichtiger Mann im Widerstand." Andererseits, sagt André Heller, sei sein Vater zunächst ein klarer Austrofaschist gewesen, ein großer Mussolini-Verehrer, "hätten die Nazis nichts gegen die Juden gehabt, wäre er ein Nationalsozialist geworden. Aber so wurde er eben ein heftiger Widerstandskämpfer." Sein Vater, sagt er, sei nach dem Krieg ein physisch und psychisch gebrochener Mann gewesen, schwer drogensüchtig, "mit mir hat er vielleicht insgesamt zehn Sätze gewechselt". Er starb früh. Die Mutter lebt noch. Gestern Nacht erst habe er von ihr geträumt, erzählt Heller. "Sie weinte, hier an meiner Brust, brach irgendwie zusammen. Im Traum. Wissen Sie, normalerweise haben wir ein eher emotional distanziertes Verhältnis." Heute morgen habe er sie angerufen, davon erzählt, "sie hat nur gesagt, ach, was du immer träumst". André Heller, 54 Jahre alt, zuckt die Achseln und muss ein bisschen schmunzeln, "einmal im Jahr versuche ich meine Mutter emotional zu knacken, und jedes Mal scheitere ich".

Das Projekt Traudl Junge begann für ihn eher zufällig. Eine Bekannte erzählte ihm von ihr, auch davon, dass sie außer einigen kürzeren Statements noch nie umfassend ihre Lebensgeschichte erzählt hat. Heller ließ ihr ausrichten, er würde sie gerne mal kennen lernen. Frau Junge ist geehrt, ach, der Heller, der mit dem Zirkus, der Geschichtenerzähler, der Liedermacher, sie kennt ihn, sie mag, was er macht. Es kam zu einem Treffen, man versteht sich, verabredet sich für ein nächstes Mal, mit Kamera und Aufnahmegerät. Dieses erste Gespräch fand dann im Januar 2001 statt, in ihrer kleinen Münchner Einzimmerwohnung. Heller reiste einen Tag vorher an und bekam einen Anruf von ihr, es tue ihr leid, sie sei krank, sie müsse absagen. Heller antwortete, oh, das mache nichts, er bleibe in seinem Hotel und warte, bis sie wieder gesund ist, "und wenn das drei Monate dauert". Am nächsten Tag rief sie an, er könne kommen.

André Heller nahm sich den Dokumentarfilmer Othmar Schmiderer zur Seite, der in der kleinen Wohnung nur eine winzige Kamera aufbaut, ohne jeden Scheinwerfer. Jetzt sitzt Schmiderer neben Heller, und auch er sagt, dass er vorher unterschätzt habe, wie nahe ihm die Geschichte dieser Frau gehen würde. "Ich bin aus Salzburg", sagt Schmiderer, "rein familiär war ich mein ganzes Leben lang umgeben von der nationalsozialistischen Problematik. Ich habe gedacht, irgendwann muss es mal vorbei sein mit dieser Vergangenheit. Ist es aber nicht." André Heller sagt, er frage sich jetzt, was es eigentlich bedeute, dass diese Frau "ausgerechnet mir zum ersten Mal das erzählt". Er macht eine Pause und fügt hinzu: "Was das für mich bedeutet."

Wir klettern eine schmale, sehr steile Wendeltreppe hinunter in einen kleinen Raum, in dem vor allem ein großer Videobildschirm steht. Heller drückt auf eine Taste, der Film beginnt. "Er dauert 90 Minuten, ich lasse Sie damit alleine, ich ertrage ihn nicht mehr." Während unten Frau Junge auf dem Bildschirm erzählt von Adolf Hitler und seinem Schatten, der bis heute auf ihr liegt, telefoniert Heller oben mit ihr. Sie liegt im Krankenhaus, schwer an Krebs erkrankt. Es geht ihr sehr schlecht, sagt er.

Der Film heißt "Im toten Winkel" und feiert Premiere auf der am Mittwoch beginnenden Berlinale. Man sieht in dem Film niemanden außer Traudl Junge. Es gibt keine Bilder von Adolf Hitler, keine Kriegsszenen, keine Bilder vom KZ-Horror. Die Kamera ist auf sie gerichtet, sie redet. Nur ihre Pulloverfarbe wechselt, erst leuchtend orange, dann weiß, dann schwarz. Sie sieht gut aus, die 82-Jährige mit ihren grauen Haaren. Ab und zu zündet sie sich eine Zigarette an. Sie sitzt vor einer Bücherwand, der Brockhaus ist zu erkennen. Sie erzählt, wie es angefangen hat. Über ihren Schwager, einen Verwandten von Martin Bormann, erfuhr sie, dass im Führerhauptquartier, der so genannten Wolfsschanze, Sekretärinnen gesucht werden. Die 22-Jährige nimmt an dem Schreibmaschinenwettbewerb teil. Vorher hatte sie sich für eine Tanzschule beworben, das hatte nicht geklappt. Sie kam in die engere Auswahl. Mit zehn anderen wurde sie im Herbst 1942 in die Wolfsschanze gebracht. Sie warteten. Ein paar Tage. Hitler hatte nie Zeit. Dann, eines Abends, war es so weit. Hitler kam herein. Sie sagt, er sei ganz anders gewesen, als sie ihn erwartet hatte, "er hatte gar nichts Zackiges, gar nichts Scharfes. Kein Hitlergruß, nichts. Er wirkte wie ein netter, älterer Herr." Traudl Junge sagt das öfter, "ich muss das sagen, ich kann das einfach nicht leugnen", Hitler sei ihr damals sehr sympathisch gewesen. Zum Beispiel sein netter österreichischer Slang. Man konnte mit ihm gut reden, über private Sachen. Ja, sagt sie, "ich mochte ihn damals. Leider ist das so". Eine alte Geschichte: Eine Sekretärin schwärmt für ihren Chef.

Als Anfang 1943 die Schlacht um Stalingrad verloren war und auch anderswo die Nachrichten für Deutschland schlecht und schlechter wurden, legte Hitler Wert darauf, dass er seine Mahlzeiten nur noch mit seinen Sekretärinnen einnahm. "Es durfte nichts Geschäftliches geredet werden", sagt sie, nur mehr Small talk. Es wurde genau eingeteilt: Mittagessen mit zwei Sekretä rinnen, Abendessen mit den anderen beiden, später am Abend noch mal Tee mit den Sekretärinnen vom Mittag. Traudl Junge weiß also eine Menge von Adolf Hitler. Sein Frauenbild: Er habe Frauen in erster Linie nach dem Aussehen beurteilt, "hat zum Beispiel überhaupt nicht verstanden, dass ein Mann seine wunderschöne Frau mit einer nicht ganz so schönen betrügt". Man habe ihm nicht erklären können, dass eine Frau auch andere Qualitäten habe. Sein Hundebild: Er liebte seinen Schäferhund "Blondi", Hitler war ganz stolz, dass sein Bellen fast wie ein Gesang klang, "komm, hat er immer zur Blondi gesagt, sing wie die Zarah Leander". André Heller und Othmar Schmiderer verwenden einen einzigen Trick in diesem Film. Man sieht in ein paar Momenten, wie sich Frau Junge ihre Interviews noch einmal ansieht, wie sie sie kommentiert, wie sie beim Zuschauen manchmal nur still ihren Mund bewegt, als würde sie alles noch einmal sprechen. Dies ist ein ziemlich genialer Schachzug der Filmer, weil man als Zuschauer der sich Zuschauenden plötzlich das Gefühl hat, dass es hier nicht nur um die Geschichte dieser Frau geht, sondern darum, dass einen die Schrecken der deutschen Vergangenheit niemals loslassen werden. Frau Junge beendet manchmal einen Satz und schweigt dann. Und man kann es nicht anders formulieren: Ihre Augen versinken in einer tiefen, verzweifelten Leere.

Immer unpolitisch

Traudl Junge sagt in dem Film, wenn sie sich so betrachte, frage sie sich, ob man einfach Anekdoten über diesen Mann erzählen dürfe, der so grauenhafte Verbechen begangen habe. Sie sagt, sie sei immer unpolitisch gewesen, auch nie Mitglied der NSDAP, trotzdem habe sie mit den Jahren eine immer drückendere Schuld gespürt, weil sie so unkritisch ihren Job damals gemacht habe, "ich kann das diesem jungen Ding, was ich gewesen bin, von Jahr zu Jahr weniger verzeihen". Früher habe sie sich getröstet, dass es ja vielen Deutschen so gegangen ist, "aber irgendwann hat das nicht mehr funktioniert". Heller und Schmiderer erzählen, die härtesten Selbstanklagen hätten sie am Ende rausgeschnitten.

Fast 25 Minuten dauert ihr ungeschnittener Monolog, in dem sie die letzten Tage im Führerbunker in Berlin beschreibt. Wie Himmler die Zyankalikapseln brachte, und Hitler ihr eine mit den Worten überreichte, "ich hätten ihne gerne zum Abschied etwas anderes geschenkt". Wie Hitler "Blondi" vergiftete, gewissermaßen als Test, weil er auf einmal glaubte, Himmler habe kein echtes Zyankali gebracht. Wie sie sich abends immer darüber unterhalten haben, wie man sich am besten umbringt. Wie Hitler die Sekretärinnen aufforderte, den Bunker zu verlassen, und sie alle ablehnten, nein, wir bleiben bei Ihnen, und er gerührt sagte, ach, wären nur alle so tapfer. Wie Frau Goebbels mit den Kindern kam und eine Zofe Frau Goebbels überreden wollte, die Kinder doch bitte nicht alle zu töten. Wie Hitler sich von ihr verabschiedete und sie seine letzten Worte nicht verstand. Wie Eva Braun kurz vor ihrem Tod zu ihr sagte: "Und grüßen Sie mir Bayern." Wie sie Hitlers Todesschuss hörte.

Traudl Junge konnte dann doch aus dem Bunker fliehen, auch aus Berlin. Einen Teil der Flucht wurde sie von einem KZ-Überlebenden begleitet. Sie sagte ihm nicht, woher sie kam. Später wurde sie problemlos entnazifiziert, als "jugendliche Mitläuferin". Sie wurde Wissenschaftsjournalistin, arbeitete für die "Quick", später für eine Drogeriezeitschrift. Sie ist bis heute SPD-Mitglied, hat in ihrer Freizeit lange Jahre blinden Menschen vorgelesen. Sie hat lange gebraucht, um zu begreifen, dass ihre schweren Depressionen mit den Ereignissen der Jahre 43 bis 45 etwas zu tun haben.

Ein hoffnungsloser Ausgang

Irgendwann ist der Film "Im toten Winkel" zu Ende. Man sitzt alleine in dem Wiener Kellerzimmer und hat kurz so etwas wie Mitleid mit der Frau. Weil sie versucht hat sich ihrer Geschichte zu stellen, mit ziemlich hoffnungslosem Ausgang. Und man fragt sich für einen Moment, ob in diesem Land, Deutschland, mit all seinen Tätern und Verstrickten, eigentlich auch noch bis heute etwas von den Folgen der verdrängten Depressionen zu spüren ist?

Oben trinkt André Heller Tee. "Schauen Sie doch Österreich an", sagt er. Man könne spüren, wie grob, wie kulturlos der Umgang in diesem Land sei, wie schmerzlich der Verlust der jüdischen Kultur sei. Stattdessen ein Mann wie Haider, der immer den Anstand seiner Elterngeneration predigt, gerade er, dessen Vater ein brutaler Täter gewesen sei. Heller sagt auch noch, grausig sei doch auch, "neben allem Furchtbaren", wenn man der Frau Junge so zuhöre, wie "klein, eng und spießig" die Welt dieser Herren war, Goebbels, Himmler, Hitler.

Der Film war mal drei Stunden lang. 90 Minuten wurden daraus, weil es sonst keine Chance für eine Ausstrahlung im Fernsehen gibt. Aber auch diese 90 Minuten scheinen zu lang zu sein. Bislang haben alle Sender abgelehnt, mit dem Hinweis, man solle auf 45 Minuten kürzen und nach dem Schema von Guido Knopp verändern: historische Aufnahmen einblenden, unterbrochen von Häppchen-Statements. Anders sei es dem deutschen Fernsehpublikum nicht zuzumuten.

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