Zeitung Heute : "Schatz, ich bin im Nebenzimmer"

GUNTER GÖCKENJAN

"Es ist wie eine großartige Masturbation, die du nicht unterbrechen kannst", entgegnete der italienische Designer Ettore Sottsass auf die Frage, wie man sich fühlt, wenn man sein Leben dem Design widmet.Und wie muß dann erst eine Konferenz der Designer aussehen? "Fuse98", die große Tagung der Grafikdesigner, die gerade in San Francisco stattgefunden hat, bestätigt die schlimmsten Befürchtungen keineswegs.

Dionysische und andere Selbstversuche waren hier nur selten zu sehen.Die Darbietungen auf dem Kongreß gaben sich ein eher akademisches Design.Neville Brody, der britische Super-Star unter den visuellen Gestaltern gab mit seiner Eröffnungsrede den Ton an."Information ist nicht Information, Information ist eine Form der Zensur", tönte er krypisch.Ohne sein Publikum mit weiteren Erklärungen zu langweilen, türmte er weitere Merksätze aus dem Sprachbaukasten des radikalen Schicks übereinander.Den deutschen Einfluß repräsentierte gelassen, eloquent und ironisch der Berliner Star-Designer Erik Spiekermann (Foto: Mike Wolff).Zur Form/ Inhalt Debatte etwa bemerkte er lakonisch: "Der Klient kommt mit dem Inhalt und ICH designe die Box".

Die Konferenz stand unter dem Motto "Beyond Typography" (Jenseits der Typographie) und bot glücklicherweise nicht nur Leuten wie Wozencroft Gelegenheit zu demonstrieren, daß ihnen eine Horizonterweiterung gut täte, eine Reihe von Teilnehmern trugen auch dazu bei.Jeffrey Keedy etwa wies auf den Leerlauf der Technikbegeisterung dieses computerbezogenen Berufs hin: "Grafik-Designer lieben neue Dinge und neue Dinge lieben Grafik-Designer.Jetzt lieben sie das Internet." Mit Michael Sorkin, Neville Brody und anderen war man sich einig, daß das Net eine Straße ins Nichts sein kann.Die Beobachtungen von Karrie Jacobs bestätigen dies: Sie hat die Beeper-Messages durchgesehen, die ein Abhörspezialist illegal gespeichert hat.Dabei stellte sie fest, daß extrem häufig die allerneusten Hightech-Medien nur banalste Botschaften transportieren, zum Beispiel: "Schatz, ich bin im Nebenzimmer." Um diese Signale zu empfangen brauchen wir nicht nur zwei Beeper sondern auch einen 23 000 Meilen von der Erde entfernten Satelliten, der diese dann weiterleitet."Die NASA hat des Home-Shopping möglich gemacht", meint Jacobs und und empfiehlt, man möge sich nicht um die Geschwindigkeit der Kommunikation kümmern.Schließlich gibt es wirklich keinen Grund immer auf dem neuesten Stand zu sein, denn: "Das Medium ist nicht die Message, sondern nur das Medium." Wer aber die Kommunikation durch Kommunikationsmedien ersetzen will, lebt bald sein Leben wie eine einzige Masturbation.Da hilft dann nur noch eine Konferenz, auf der dann kollektiv nach einem Inhalt gesucht wird.

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