Zeitung Heute : Schatztruhe, randvoll mit Kultur

Volker Kipke

Im Land an der Unstrut in Sachsen-Anhalt/Kaiserpfalz, Turnvater Jahn und Courths-MahlerVon Volker Kipke

Den Leuten in Freyburg ist es ein bißchen peinlich, daß ihre Stadt, der größte unter den kleinen Orten am Unterlauf der Unstrut, so ein jugendliches Alter hat: erstmals im Jahre 1203 erwähnt.Damals war der Weinbau an den Talhängen schon über 200 Jahre im Schwange; in Memleben hatten deutsche Könige bereits gegen 930 ihre Lieblingspfalz; Dörfer in der Freyburger Nachbarschaft stammen aus dem 8.Jahrhundert; vor 17 000 Jahren wurden in Nebra drei Frauenfiguren aus Rengeweih gefertigt; gar 350 000 Jahre ist es her, daß in Kleinwangen Homo erectus Lager machte und Gerätschaften liegenließ.In Freyburg habe sich in den wenigen Jahren seiner Existenz aber auch viel ereignet, tröstet die Stadtführerin sich selbst und ihre Gruppe.Wohl wahr. Eine außen allerdings einigermaßen abgewetzte Schatztruhe randvoll mit Kultur und Geschichte ist das Land an der unteren Unstrut in Sachsen-Anhalt; und Naturpark obendrein.In großen Schleifen brach sich der kleine Fluß durch Muschelkalk und Buntsandstein.Oft weitet sich das Tal zu einer breiten Ebene; zuweilen stehen die Felsen dicht an beiden Flußufern und bilden fast eine Schlucht, mit Burgen oder Schlössern auf den Höhen.Daß die senkrechten Felswände nahe der Burgruine von Nebra etwas zurücktreten, ist Menschenwerk: Die Steine direkt am Ufer hat man abgebrochen, um den Reichstag in Berlin daraus zu bauen.Natürlich besitzt auch der Steinbruch längere Tradition: seit 1182.Auf den Hängen bei Freyburg drehen sich über Rebstöcken die Kräne."Die Mönche würden glauben, der leibhaftige Teufel wäre gekommen", kommentiert die Stadtführerin das Baustellengetöse.Mönche hatten einst diese Weinberge angelegt, jetzt werden die Stützmauern und Geräteschuppen, alle unter Denkmalschutz, wieder hergerichtet.Auch neue Reben werden gesetzt; aber bloß nicht mehr als früher, das würde den EU-Agrarpolitikern übel aufstoßen! Meist sind die Rebgärten flußaufwärts nur vereinzelt hingekleckert.Manche Winzer können ihre ganze Ernte im Bollerwagen wegfahren.Zur DDR-Zeit waren Unstrut-Weine sogar an der Unstrut "Bückware", unterm Tresen.Seit der Wende habe er aber auch, erzählt der Wirt vom "Weißen Roß" in Nebra, insgesamt nur drei Flaschen an Einheimische verkauft.Anders als an Rhein oder Mosel bemächtigte sich die Folklore nicht gefühlsduselig des Weines beziehungsweise umgekehrt; selbst in besseren Lokalen wollen tiefschürfende Disputationen über Süffig- und Erdigkeit partout nicht in Gang kommen.Dabei wird Wein hier, das bezeugt eine Memlebener Urkunde, seit exakt 999 Jahren angebaut.Für die Abstinenz der Volksseele hat der Wirt vom "Weißen Roß" eine nüchterne Erklärung: "Unser Wein ist zu teuer." Im Tal staut sich die Wärme, der Harz lenkt die Regenwolken ab: Weinklima.Aber aus Frankreich, Spanien, Rumänien hauptsächlich kommen die Weine, die in Freyburg zu Sekt verarbeitet werden."Rotkäppchen" war ein DDR-Erzeugnis "von Weltniveau", ist jedoch "keine Tochter des Sozialismus: Rotkäppchen wurde 1894 geboren mit der Eintragung ins Handelsregister" diese Botschaft gehört zum ständigen Repertoire des Werbemannes Wolfgang Wiegand, der mit flotten PR-Methoden dem blassen Wein- und Fremdenverkehrsmarketing die Schau stiehlt und die Touristen busladungsweise zur Besichtigung in die Sektkellerei lenkt, gleich hinterm dem edlen Blubbertrank so recht angemessenen Kontor-Schnörkelbau aus wilhelminischen Tagen.Vor einem anderen Bau jener Epoche steht ein Denkmalsherr mit Wallebart, den der Besucher dieser geschichtsträchtigen Gegend sogleich verdächtigt, Barbarossa zu sein.Aber es ist Friedrich Ludwig Jahn.27 Jahre verbrachte der Turnvater in Freyburg.Turn- und Ehrenhalle sind an die mittelalterliche Mauer gerückt, die großenteils immer noch die Altstadt mit der Kirche, der "kleinen Schwester des Naumburger Doms", umfängt. Die "große Schwester der Wartburg" thront hoch über Freyburg: die mächtige Neuenburg, die um einiges älter als die Stadt ist.1989, zwei Wochen nach dem Fall der Berliner Mauer, stürmten Bürger die Burg; sie war 20 Jahre mit Brettern vernagelt gewesen.Der erste Blick ins Innere "war ein Schock", berichteten die Revoluzzer später: "Kein Raum war mehr nutzbar, 50 000 Stücke Museumsgut lagerten unter maroden Dächern." Ein Förderverein machte sich ans Geldsammeln und teils eigenhändiges Reparieren.Inzwischen ist wieder ein umfangreiches Museum daraus geworden.Als wertvollster Bauteil gilt die romanische Doppelkapelle; im Untergeschoß hatte sich das einfache Volk zu versammeln und durfte durch eine Luke in der Decke hören, wie für die Herrschaften, Gott um ein Stockwerk näher, die Messe zelebriert wurde.Diese Herrschaften waren die Thüringer Landgrafen; die Neuenburg sicherte ihr Gebiet gegen Osten wie die später gebaute Wartburg die Grenze gen Westen überwachte.Die Freyburger versäumen nicht, darauf hinzuweisen, daß ihre Neuenburg "drei- bis viermal größer als die Wartburg ist". Die Thüringer Landgrafen waren allerdings gar keine Thüringer.Denn im Jahre 531 hatten sich Franken und Sachsen, die einander eigentlich nicht grün waren, zusammengetan, um das Königreich der Thüringer zu vernichten.Die "Schlacht an der Unstrut" rüttelte die politischen Verhältnisse in Mitteleuropa durcheinander.Fränkische und sächsische Siedler kamen, Sachsen wurden Herrscher (später, per Mordkomplott, Franken; noch später wettinische Sachsen, dann Preußen eine bei Blaublütigen hochgeschätzte Gegend!).Bei "Scithingi" fand jene Entscheidungsschlacht statt.War es das heutige Burgscheidungen, wo jetzt ein schmuckes Barockschloß steht? Oder warÕs unterhalb der prächtigen Vitzenburg? Da hat man Knochen und Waffen aus jener Zeit gefunden.Die Suche nach dem wahren Kampfplatz ist ein Lieblingsspiel der Historiker; ihren Anspruch melden auch Orte flußauf, im heutigen Thüringen, an. In der zweiten "Schlacht an der Unstrut" von weitreichender Wirkung warf Heinrich I.933 die Ungarn zurück; und wiederum weiß niemand, wo genau es geschah.Dieser "Herr Heinrich am Vogelherd", der erste Sachse auf dem ostfränkischen, mithin deutschen Thron, weilte gern in der Gegend: In Memleben richtete er sich eine Pfalz ein; er und auch sein noch bedeutenderer Sohn, Kaiser Otto der Große, starben dort.Die Pfalz ist zwar verschwunden, aber Reste des Klosters, das bald nach Ottos Tod (973) entstand, sind erhalten.Zur Besichtigung läßt sichÕs vorzüglich radeln, nämlich auf dem neuen Unstrutradwanderweg, der den Fluß von seiner Mündung in die Saale bei Naumburg 40 Kilometer aufwärts begleitet und an der thüringischen Grenze hinter Memleben bei wiederum einer Burg, Wendelstein, vorläufig endet. Die Unstrut-"Weinstraße" aber endet kurz vorher, beim letzten kleinen Weinberg flußauf in Nebra.Dort wird einer Persönlichkeit gedacht, die des Weines nicht bedurfte, um sich und das Volk mit kaiserlich-königlichen Träumen zu berauschen, und die hierorts unter dem Kürzel HCM fortlebt."Ich habe schwer arbeitenden Menschen das Leben gezeigt, nach dem immer ihre Sehnsucht ging, das sie aber nie kennenlernen würden", so wertete sie selbst ihr literarisches Schaffen, Hedwig Courths-Mahler.Das HCM-Archiv ist untergebracht in der Stadtbibliothek gegenüber ihrem Geburtshaus, einem dieser schmutziggrauen Gebäude, aus deren Dächern manchmal Birken wachsen Nebra träumt heute nicht von königlichem Glitzern, sondern vom simplen bundesrepublikanischen Wohlergehen, das wie überhaupt im Unstruttal noch weiter weg ist als sonst zumeist in den neuen Ländern. HCM verbrachte nur wenige Tage in ihrem Geburtsort.Sie war ein "Bastard", Mutter und Kind wurden verjagt (1867).Sie stammte aus einer Seilerfamilie.Heute arbeitet eine Drahtseilfabrik in neuer Werkshalle gleich unter dem Nebraer Steilhang an der Unstrut.Wohl ein guter Arbeitgeber, bestimmt ein schlimmer Anblick.Optisch eine ausgesprochene Scheußlichkeit ist die gigantische Zementfabrik mitten im Zentrum des Unterunstruttales.Früher "schüttete sie aus ihren Schornsteinen Asche wie Schnee über die Gegend", erzählen die Leute.Früher waren dort 3000 Menschen beschäftigt, heute sind es 400.Joachim Säckl vom Naturpark Saale-Unstrut-Triasland formuliert eine Grundthese: "Was der Mensch in diese schöne Landschaft einbringt, fügt sich gut hinein." Aber das ist teils bloße Vision. Die Naturparkverwaltung kümmert sich nicht nur um orchideenbestandene Trockenrasenhänge und die übrige abwechslungsreiche Natur; auch die Pflege kulturgeschichtlicher Zeugnisse sowie das Anlegen von Wanderwegen gehören zu ihren Aufgaben (so wurde sie mit 200 ABM-Kräften einer der größten Arbeitgeber der Region).Bei Zscheiplitz hat man das alles einmal unter einen Hut gebracht: mit dem "Natur- und Geschichtslehrpfad".Durch Gelände, wo Adonisröschen gedeihen und Rotrückenwürger Schmetterlinge jagen, führt er unter anderem zu einem romanischen Kloster, einem historischen Kalkbrennofen und dem Gedenkkreuz an der Stelle, wo der fränkische den sächsischen Grafen umbrachte.Als Futter fürs Sinnieren gibt die Parkverwaltung dem Wanderer einen Prospekt mit auf den Weg, in dem es heißt, daß die traditionsreiche Kulturlandschaft an der Unstrut ein "Miniaturbild der gelungenen Schöpfung" sei. © 1997 Verlag DER TAGESSPIEGEL

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