Zeitung Heute : Schau mir in die Augen

Die Biometrie steht vor einem Boom: Schon bald wird sie alle Bereiche des Alltags durchdringen

Fred Winter

Teenager Constantin hat Ärger in der Schule, besonderen Ärger: Er narrte die biometrische Zugangskontrolle zum Schulcafé. Die Schulleitung hat am falschen Ende gespart, diese billigen Gesichtsdetektoren – da kommt jeder halbwegs gewiefte Teenager vorbei. Dennoch wird Constantins Mutter einbestellt zum klärenden Gespräch. Immerhin hat ihr Sprössling auf bedenkliche Weise gegen die Sicherheitsbestimmungen verstoßen. Mamas Auto hat einen Scanner für ihren Fingerabdruck, anders lässt sich der Motor nicht starten. Die Großmutter soll den jüngeren Bruder vom Kindergarten abholen, aber das multimodale Erkennungssystem an der Kita-Pforte spielt verrückt. Nur ein Techniker kann Abhilfe schaffen. Der Bus, den sie später benutzt, um den Filius glücklich heimzubringen, lässt nur Fahrgäste an Bord, die sich per automatischer Gesichtskontrolle anmelden. Als die Familie leidlich erschöpft zu Haus am Tisch sitzt, holt der Vater das Abendbrot aus einem Kühlschrank, der ihn an der Iris erkennt. Der Kühlschrank mutiert zum elektronisch gesicherten Safe.

Noch sind die Szenen erfunden. Doch für die Autoren der Studie „Biometrie an den Grenzen: Abschätzung ihres Einflusses auf die Gesellschaft“ ist es ein Blick ins Jahr 2015. Die Studie wurde im Auftrag des EU-Parlamentsausschusses für Bürgerrechte verfasst und soll die Trends in der computergestützten Erfassung von Persönlichkeitsmerkmalen aufzeigen. Darum geht es in einem der jüngsten und umstrittensten Felder der Informatik: der Biometrie.

Nach Schätzungen der Beratungsagentur Frost & Sullivan wird der weltweite Markt für biometrische Produkte und Lösungen bis 2010 auf rund sechs Milliarden Euro wachsen. 2002 waren es noch 150 Millionen Euro. Schrittmacher ist die Europäische Union, die seit diesem Jahr biometrische Pässe mit elektronischen Speicherchips einführt. Darin ist das Foto des Inhabers digital abgelegt, von Maschinen lesbar, um die Identifikation automatisch durchzuführen. Denn die Erkennung von Gesichtern ist technisch schon weit fortgeschritten. „Sie ist sicher und unproblematisch“, sagt Marcel Yon, Experte für Biometrie aus Bochum. „Damit kann man am wenigsten Missbrauch betreiben. Zur Überprüfung braucht man keine zentrale Datenbank. Um den Ausweis sicher zu machen, reicht es, dass jeder ein Bild von sich hat.“ Was bisher der Grenzbeamte durch Kontrollblick erledigte, übernimmt nun ein Computer. Sogar besser: „Wenn eine Mutter ihr Kind wieder erkennt, dann kann der Computer das auch“, bekräftigt Yon. „Zum Beispiel bei Zwillingen. Zwillinge sind meist schwer zu unterscheiden. Die Mutter aber kann das.“

Technisch gesehen ist es lediglich eine Frage der Rechenleistung und der mathematische Algorithmen, die das Bild verarbeiten, wie schnell und genau die Gesichtskontrolle abläuft. Die Ankündigung der EU hat umfangreiche Forschungen auf diesem Gebiet ausgelöst, so dass preiswerte technische Systeme schon bald auf den Markt drängen: für Hauseigentümer, Banken, Flughäfen oder Kraftwerke.

Ähnliches geschieht bei der Erfassung von Fingerabdrücken. Schätzungen besagen, dass fast 70 Prozent des Marktes für biometrische Lösungen auf diese Technologie entfallen könnten. Ein Scanner zerlegt den Abdruck in Linien und Rillen. Acht bis 16 Linien genügen meist zur Identifikation. Mehr als hundert werden benötigt, um eine besonders hohe Sicherheit in der Erkennung zu erreichen. Auch dies ist eher eine Frage des Aufwandes, den man treibt. Die Großhandelskette Aldi brachte kürzlich die ersten Laptops mit solchen biometrischen Scannern auf den Markt. Daumen drauf – damit sollen die Nutzer ihre Daten „absolut sicher“ verschlüsseln. Allerdings schläft die Gegenseite nicht: Davide Maltoni von der Universität in Bologna überprüft im Auftrag der EU die Sicherheitslücken solcher Systeme. In seinem Labor hat er etliche falsche Finger gesammelt, täuschend ähnliche Duplikate aus Latex oder Silikon. Er meint: „Professionelle Fälscher können die gängigen Scanner fast immer hinters Licht führen.“

Je mehr Geschäfte im Cyberspace ablaufen und je mehr Menschen über die Grenzen von Ländern und Kontinenten hinweg mobil sind, desto größer ist die Gefahr des Betrugs, des unerlaubten Zugriffs oder der Fälschung. Um die Scanner für die Fingerabdrücke zu verfeinern, sollen sie bald zusätzliche Merkmale erfassen: den Geruch, die Wärme der Hand oder Schweißtröpfchen. Der Chiphersteller Infineon hat sich unlängst ein Verfahren patentieren lassen, das die elektrischen Eigenschaften der Haut mit Hilfe zusätzlicher Elektroden checkt.

Denkbar wäre auch, die Iris aufzunehmen, durch hoch auflösende digitale Kameras. Das Muster der Iris wird schon im Mutterleib ausgeprägt, es ist für jeden Menschen einzigartig. Die Computersoftware teilt das Bild aus der biometrischen Spezialkamera in Ringe auf und erstellt aus diesem Raster einen Iriscode. Oder man nutzt die Eigenheiten der menschlichen Stimme. Dass die CIA mit automatischer Spracherkennung arbeitet, um weltweit die Telefonnetze zu überwachen, ist längst bekannt. Offen ist lediglich, wann diese Technologie in zivilere Bereiche der Gesellschaft vordringt.

Nach Aussage der Autoren der EU-Studie wird die Biometrie gemeinsam mit anderen Überwachungstechniken wie den intelligenten Etiketten (RFID) ein immer engeres Netz über die Gesellschaft legen. Sie prophezeien: Die automatisierte Überprüfung der Identität wird innerhalb weniger Jahrzehnte zur Routine geraten. Europa habe nun die einmalige Chance, einen florierenden Binnenmarkt für die biometrische Industrie zu entwickeln. Der elektronische Pass sei das Pilotprojekt, um einheitliche Standards zu definieren, den Wettbewerb zu fördern und neue Arbeitsplätze zu schaffen. „In der sich herausbildenden vernetzten Informationsgesellschaft werde die physische Identität zunehmend durch ihr digitales Äquivalent ersetzt oder ergänzt.

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