Zeitung Heute : Schaufenster der Kolonien

Ein kluger, prächtiger Bildband zeichnet die Geschichte der botanischen Gärten in den Tropen nach

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Auch Mitte des 19. Jahrhunderts ließen sich Reisende nicht einfach treiben durch die Welt. Sie hatten Bücher wie den Baedeker im Gepäck, die ihnen zuverlässig die Wege zu wichtigen Sehenswürdigkeiten wiesen. Paläste, Kirchen und Baudenkmäler waren das und immer auch botanische Gärten. Um 1900 existierten bereits 200 entsprechende Pflanzensammlungen außerhalb Europas. Wie sind sie entstanden? Dieser Frage ist Catherine Donzel nachgegangen und schildert die Historie anhand von beeindruckenden Beispielen. Ein spannender, klug erzählter Prachtband liegt vor, mit vielen Fotos, die auch mal über eine Doppelseite gezogen sind.

So spaziert man gleichsam durch den Pamplemousses Botanical Garden, der 1770 auf Mauritius angelegt wurde. Zahlreiche Gewürzpflanzen wachsen dort, gigantische Seerosen und 85 verschiedene Palmenarten. „Mon Plaisir“, meine Freude, hatte der Gründer Pierre Poivre seine Anlage einst genannt. Sein Herrenhaus im Kolonialstil ist noch da und steht unter Denkmalschutz.

Prächtig ist auch der Botanische Garten von Kalkutta, dessen Hauptattraktion ein Banyanbaum ist, der im Guinnessbuch der Rekorde steht. Mit 24,5 Metern Höhe und einem Umfang von 420 Metern ist er der größte der Welt. Im Grunde formt er einen Wald für sich. Der Baum bildet Luftwurzeln aus, die zu Boden sinken und sich dort als Pfeiler verankern. Rund 2800 solcher neuen Stämme besitzt der Banyan von Kalkutta inzwischen.

Dass die Gärten in den Kolonien entstanden, lag zunächst am wirtschaftlichen Interesse der Europäer. Mit Pflanzen konnte man heilen, und man konnte sie für die Warenproduktion in der Industrie verwenden. Waren im 17. Jahrhundert erst 6000 Blütenpflanzen beschrieben, so kannte man Ende des 19. Jahrhunderts schon 100 000. Die Europäer experimentierten mit Samen und Setzlingen, und zwischen den Kolonien setzte ein reger Handel ein. Eine Postkarte von 1929 zeigt angehende französische Agraringenieure, in Anzug und Krawatte unter weißen Kitteln, wie sie tropische Pflanzen verpacken. Es ging um Kautschuk für die Reifenproduktion, um Chinin, das Fieber senken konnte, um Muskat, Pfeffer oder Nelken. Aber es ging auch um schön anzusehende Pflanzen wie den Rhododendron, der königliche Parks, etwa in Flandern und Schottland, verschönern sollte.

Die botanischen Gärten in Brasilien, Indien oder Afrika, einst bewusst auch als Parks zum Flanieren angelegt, verloren in der Mitte des 20. Jahrhunderts ihre Bedeutung. Die jungen Staaten, die sich nach der Entkolonialisierung bildeten, hatten wenig Interesse an dem blühenden Erbe. Der Unterhalt der Gärten war teuer – und brachte wenig ein. Längst aber hat sich eine Wandlung vollzogen. Im Rahmen des Tourismus sind die erstaunlichen Schutzräume der Arten gut zu vermarkten. Und: Sie passen hervorragend in eine Zeit, in der sensibler Umgang mit der Umwelt notwendiger erscheint denn je. So ist der opulente Bildband Dokumentation und Mahnung zugleich. Hella Kaiser





— Catherine Donzel:
Tropische Paradiese. Botanische Gärten in den Kolonien, Gerstenberg Verlag, Hildesheim, 224 Seiten, zahlreiche farbige Abbildungen, 39,90 Euro

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