Zeitung Heute : Schaufenster des Westens

Demonstrationen und Militärparade  – der Boulevard als politische Bühne

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Seine politisch heißeste Zeit erlebte der Kurfürstendamm mit den Achtundsechzigern. Beim „weihnachtspolitischen Happening“ im Dezember 1966 prangte neben den brennenden Pappköpfen von SED-Chef Walter Ulbricht und US-Präsident Lyndon B. Johnson auf dem Ku'damm die Spaßparole „Spießer aller Länder, vereinigt euch“. Bei „Spaziergänger-Demonstrationen“ mischten sich Aktivisten des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds, der am Kurfürstendamm 140 sein Berliner Büro unterhielt, unter das vorweihnachtlich gestimmte Shoppingvolk. Am 17. und 18. Dezember 1966 nahm die Berliner Polizei nicht nur Demonstranten, sondern auch 90 unbeteiligte Passanten in Haft. Trauriger Höhepunkt der Studentenbewegung: der 11. April 1968, als der Rechtsextremist Josef Bachmann vor dem SDS-Büro drei Schüsse auf Rudi Dutschke abfeuerte.

Zum Feindbild war der Kurfürstendamm lange zuvor mit seinem zur Schau getragenen Luxus und Laissez-faire geworden: in der Weimarer Republik und beginnenden Nazizeit als Symbol liberaler Gesinnungen, nach 1945 als „Schaufenster des Westens“. Die Straße mit ihren intellektuellen Freigeistern, aber auch den sprichwörtlichen Wilmersdorfer Witwen provozierte viele: Nazis und Kommunisten, die Studentenbewegung, Schwule und Lesben, Anhänger verschiedenster Jugendkulturen und soziale Randgruppen. „Das Glitzerding“ Kurfürstendamm, wie der „Spiegel“ 1966 titelte, schrieb sich auch durch Proteste und Gewalt ins kollektive Gedächtnis der Stadt ein.

Vorauszusehen war dies nicht, obwohl der Kurfürstendamm als Herzenswunsch von Reichskanzler Bismarck eine Gründung „von oben“ gewesen ist. Nach 1918 entdeckten politische Gruppen die Schlagader des Westens als öffentlichen Raum. 1927 und 1931 zogen hunderte SA-Männer über den Boulevard, um Caféhausgäste, Synagogenbesucher und Passanten zu verprügeln. Joseph Goebbels, seit 1926 Berliner Gauleiter der NSDAP, hetzte gegen das Kurfürstendamm-Milieu: „Sie sitzen im ‚Romanischen Kaffee' und brüten dort ihre finsteren Umsturzpläne aus; und abends bevölkern sie bis tief in die Nacht hinein die Amüsierlokale des Kurfürstendamms, lassen sich von Negerkapellen zum Tanz aufspielen und schreiten lachend über die Not der Zeit hinweg.“

Zwischen 1949 und 1990 ist Berlin Dreh- und Angelpunkt aller Deutschland-Debatten gewesen. Stadträumliche Sinnbilder der Teilung waren das Brandenburger Tor und die Mauer – nicht der Kurfürstendamm. Betrachtet man Demonstrationsfotos der Nachkriegsjahrzehnte, gewinnt man den Eindruck, dass es vor dem Mauerbau ruhig zuging am Kurfürstendamm. Nur ein paar Studenten protestierten regelmäßig vor dem Maison de France gegen französische Atombombentests.

Nach dem 13. August 1961 wurde der Ku'damm zum Schauplatz offizieller politischer Willensbekundungen. Bereits am 20. August bekräftigten die Amerikaner mit einer Militärparade ihre Rolle als Schutzmacht. Im Juni 1963 fuhr John F. Kennedy an der Seite von Konrad Adenauer und Willy Brandt im offenen Lincoln über den Boulevard. Seither gaben Staatsgäste wie Queen Elizabeth II. und die US-Präsidenten Nixon, Carter und Reagan dem Kurfürstendamm die Ehre. War Kennedy noch auf ungeteilte Begeisterung gestoßen, gehörten zum Begleitritual späterer Präsidentenbesuche lautstarke Gegendemonstrationen.

Es ist nicht ohne Ironie, dass die staatstragende Ära des Boulevards mit dem Kalten Krieg endet. Noch in der Nacht des Mauerfalls trafen sich Ost- und Westdeutsche, die den Kurfürstendamm spontan zur Bühne ihrer Feierlaune machten. Seine breiten Fahrbahnen und Trottoirs bieten genügend Raum zur Demonstration von Werten, Normen, Lebensstilen. So wurde die Loveparade auf der Shoppingmeile erfunden. Von 1989 bis 1995 verlief die Strecke der – stets als politische Demonstration angemeldeten – Technoparade über den Ku'damm. Immer wieder fand und findet auch der Christopher Street Day dort statt. Beim deutschlandweit ersten CSD 1979 zogen 400 Schwule und Lesben vom Savignyplatz nach Halensee. 2009 kamen 250000 Menschen. Auch König Fußball hat den Kurfürstendamm entdeckt: Zur Europameisterschaft 2008 fuhren türkischstämmige Berliner Fans jubelnd und Fahnen schwenkend im Autocorso über den Boulevard. Ein politisches Grundrecht: Die Straße gehört dem Volk. Michael Zajonz

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