Schaufensterfiguren : Die Puppenspieler

Das Kreuzberger Atelier Mohr kümmert sich im Jahr um rund 5000 Schaufensterfiguren – stocksteif ist lange out.

von

Zwei Schaufensterpuppen zu siamesischen Zwillingen zusammenzubauen, gehört nicht zu den alltäglichen Aufgaben von Jan Wegener. Aber er macht das gern, genau wie den „Carfucker“. Dafür musste eine Puppe mit einem so monströsen Geschlechtsteil versehen werden, dass ein XXL-Dildo vonnöten war. Diese Puppe steht jetzt nicht etwa in einem Sexshop, sondern im Groninger Museum.

So was kann passieren, wenn Kunst und Mode zusammenkommen. Der Designer Bernhard Willhelm hat den „Carfucker“ und andere sich seltsam verrenkende Schaufensterpuppen beim Berliner Atelier Mohr für seine Ausstellung in Groningen in Auftrag gegeben, weil ihm dessen Website gefiel. Nun ist eine Auswahl dieser Sonderanfertigungen auf der Denimmesse Jam in den Rathenauhallen in Oberschöneweide zu sehen.

Wer im Atelier Mohr in Kreuzberg zu Besuch ist, muss sich erst daran gewöhnen, über Arme und Beine zu steigen und sich nicht vom stieren Blick der nackten Puppen ablenken zu lassen, wenn Jan Wegener seine Modelle erläutert. Und dann macht er das Licht aus und lässt seine Puppen leuchten. Ein spezieller Lack aus dem Flugzeugbau verleiht ihnen die Aura von Glühwürmchen.

Jan Wegner macht etwas, das schon fast ausgestorben ist in Deutschland: Er kümmert sich um alte und neue Schaufensterpuppen. In mehreren Fabriketagen werden Körper erst abgeschliffen, dann neu modelliert und lackiert.

Mehr als 5000 Puppen bearbeitet das Atelier Mohr jedes Jahr. Mal werden Köpfe abgesägt und Hälse mit Platten abgedeckt, mal werden sie schwarz lackiert, mal bekommen sie Poimplantate. In den vergangenen Jahren waren die abstrakten Puppen in deutschen Schaufenstern stark in der Überzahl. Jetzt kommen langsam die mit den richtigen Gesichtern und Haaren zurück, und auch die Posen werden immer naturalistischer. Die Zeiten sind lange vorbei, in denen Puppen stocksteif im Schaufenster nebeneinander standen. Im Showroom des Ateliers Mohr gibt es Männer und Frauen mit angewinkelten Beinen und richtigen Bauchfalten.

Noch macht Jan Wegener den meisten Umsatz mit dem Bearbeiten und Verkaufen gebrauchter Puppen. Aber noch in diesem Jahr will er seine eigenen Puppen bauen. Damit würde er eine uralte Kreuzberger Tradition wieder aufleben lassen. Heute werden die Figuren fast ausschließlich in China produziert. „Dort wird viel abgekupfert. Ich sehe sofort an den Handgelenken, dass fast alle im gleichen Werk hergestellt werden.“

Jan Wegener glaubt fest an die verkaufsfördernde Wirkung seiner Figuren: „Man muss nur die richtige für sein Geschäft finden.“ Und da gibt es – wie man an den Museumsstücken von Bernhard Wilhelm erkennen kann – fast keine Grenzen. 

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar