Schauspiel-Diva Willis : Klappe, Bruce!

Sein größter Traum: einmal mit Bruce Willis drehen. Als es so weit war, bereute Regisseur Kevin Smith seine Entscheidung. Hier sein Drehbericht.

Kevin Smith
Augen auf beim Casting: der Regisseur und Buchautor Kevin Smith.
Augen auf beim Casting: der Regisseur und Buchautor Kevin Smith.Foto: Heyne/Allan Amato

Hatte ich bei „Zack and Miri Make a Porno“ noch ganz anständig verdient, nahm ich nun eine 84-prozentige Gehaltsreduzierung in Kauf, um einen Film mit Bruce Willis drehen zu können, der später „Cop Out – Geladen und entsichert“ heißen sollte. Tatsächlich akzeptierten alle Schauspieler und Crewmitglieder eine geringere Bezahlung. Wir alle waren ganz einfach heiß darauf, mit Willis drehen zu können.

Vor dem Dreh telefonierte ich ein paarmal mit Bruce, der sich als warmherziger und angenehmer Gesprächspartner erwies. Unsere Unterhaltungen waren von konspirativen Spinnereien durchzogen. Er meinte, dass wir als Zweiergespann so großartig wie die Yankees sein würden.

Einen Monat später hatten die Filmarbeiten begonnen, und wir drehten an einem Set in Brooklyn vor dem Haus des Filmbösewichts. Plötzlich hielt ein Lkw auf der Straße, weil die Ampel auf Rot gesprungen war. Von seiner Kabine aus konnte der Fahrer für ein paar Sekunden einen herrlichen Blick auf das Set und unseren Hauptdarsteller genießen. „Diiieee Haaaaard!“, brüllte der Typ plötzlich zu Bruce hinüber. „Mann, ich hab ,Stirb langsam’ Teil eins, zwei, drei und vier zu Hause! Yippee ya yay, Bruder!!!“

Kurz danach sprang die Ampel auf Grün, der Lkw brauste davon. Mein Lächeln reichte von einem Ohr zum anderen – ganz im Gegensatz zu Willis, der düster dreinblickte. „Das muss dir doch runtergehen wie Öl, Bruce!“, sagte ich, um ein wenig Small Talk mit meinem offenbar wenig erfreuten Hauptdarsteller zu betreiben. „Der Wahnsinn, oder? Die Leute lieben dich immer noch für diese Filme.“ Bruce fragte mich daraufhin, ob es mir vielleicht gefallen würde, wenn mich 20 Jahre nach einem Streifen immer noch wildfremde Leute aus vorbeifahrenden Autos anbrüllen würden.

So oder ähnlich lief es während des ganzen Drehs. Der sympathische Held meiner Jugend war zu einem Schauspieler mutiert, der mich als Regisseur kaum ertragen konnte. Ähnlich wie die Charaktere, die Bruce meist spielt, kann er selbst nicht sonderlich gut mit Autorität umgehen. Da man als Regisseur aber unweigerlich der Chef am Set ist, war ich für Willis nicht mehr der Kollege, sondern hatte von Beginn des Drehs die Rolle des Filmgefängniswärters, der ihn zwang, zu unzumutbaren Tageszeiten zu arbeiten und alberne Witze aufzusagen, die er entweder nicht verstand oder nicht lustig fand.

Nun, ich hoffte, dass er einfach nur einen schlechten Tag gehabt hatte. Am nächsten Morgen sollte ich aber eines Besseren belehrt werden: Der letzte Hauch von Höflichkeit war verflogen, und Bruce ließ mich spüren, dass er der Typ war, ohne den ich diesen Film nicht drehen konnte. Die Idee war simpel: Die beiden Polizisten sitzen im Auto, und während Tracy Morgan, der zweite Hauptdarsteller, so tut, als würde er die Kiste steuern, sollte Bruce einen Monolog über eine seltene Baseball-Sammelkarte und deren Wert für seinen Vater halten. Für diese Aufnahmen wurden das Filmauto, die Kameras und die gesamte Beleuchtung auf einem Tieflader montiert, der dann durch die Gegend fahren sollte. Im Film sieht es dann später so aus, als würden zwei Typen in einem Auto durch die Stadt cruisen und sich dabei unterhalten.

Wir parkten den Tieflader also an einem Block in Brooklyn, um die Beleuchtung aufzubauen und alles für die Aufnahmen vorzubereiten. Natürlich strömten jede Menge Schaulustige herbei. Kein Wunder, schließlich sind Bruce und Tracy zwei sehr bekannte Schauspieler. Ein paar Minuten, nachdem sich der Menschenauflauf gebildet hatte, nahm Willis mich beiseite. Er wollte wissen, wie lange es wohl noch dauern würde, um den Tieflader vorzubereiten. Voller Ungeduld drängte er darauf, endlich loszufahren.

Die Kameraleute und die Kabelcrew waren noch damit beschäftigt, das Equipment auf dem Schlepper zu befestigen. Schließlich sollte später niemand durch herunterfallende Scheinwerfer erschlagen werden. Bruce zeigte auf verschiedene Crewmitglieder und fragte mich, was die einzelnen Personen für Aufgaben hätten und warum sie so langsam arbeiteten. Dann nickte er in Richtung unseres lichtsetzenden Kameramanns Dave Klein und maulte rum, dass dieser doch nichts weiter tun würde, als die Scheinwerfer hin und her zu rücken und das Licht ein- und auszuschalten.

Daraufhin versuchte ich, Bruce ein wenig aufzuheitern, und erwiderte, dass genau das eine der ureigenen Aufgaben eines Kameramanns sei. Denn: ohne Beleuchtung keine Kamera. Ohne Kamera kein Dreh. Bruce starrte mich an, als hätte ich gerade so etwas gesagt wie „Ich sehe tote Menschen“. Erschrocken von seiner Reaktion, trieb ich die ohnehin schon unter Hochdruck arbeitende Crew noch mehr an, so dass wir nach wenigen Minuten auf dem Sattelschlepper Platz nehmen und losfahren konnten.

Nachdem wir ein paar Runden gedreht hatten, verkündete Bruce, dass es das gewesen sei. Ich hatte zwar weder eine besonders tolle Schauspielleistung gesehen noch die für den Film notwendigen Dialogpassagen der Szene im Kasten, aber das schien Bruce nicht zu interessieren. Schließlich hatten wir das gedreht, was er für den wichtigsten Bestandteil der Szene hielt – seinen Monolog. Am Ende seines Auftritts nahm mich Willis dann beiseite, um mir mit Nachdruck und allen Ernstes mitzuteilen, dass ich ihn bitte schön nie wieder vor zehn Uhr morgens zur Arbeit ans Set rufen sollte. Nach dieser Ansage verließ Bruce den Drehort, offenbar hochzufrieden mit sich selbst und enttäuscht von der Leistung der anderen Versager am Set. Das war also Tag zwei.

Der Rest der Dreharbeiten verlief ungefähr genauso spaßig. Es gab eine Szene, in der Bruce aus einem parkenden Auto springen musste, um quer über die Straße zu seinem Filmpartner zu rennen, auf den der Bösewicht gerade mit einer Uzi geschossen hatte. Im Film sollte es ein Moment der Panik sein: Die Passanten flüchten und gehen in Deckung, während jede Menge Zuckerglasschaufenster zu Bruch gehen.

Zuerst drehten wir die Aufnahmen von Bruce. Ich brüllte „Action!“, und Bruce, nun, Bruce stieg gemächlich aus dem parkenden Auto und ging in aller Seelenruhe über die Straße. Auf seinem Gesicht lag ein leicht genervter Ausdruck, keine Spur von Sorge oder Angst, dass sein Partner gerade umgekommen sein könnte. Regieassistent Michael Pitt und ich trauten unseren Augen nicht. Angesichts dieses unmotivierten Spaziergangs von Willis fielen uns die Kinnladen runter. Als der Take durch war, teilte ich Bruce mit, dass wir einen zweiten machen würden. Sichtlich geschockt starrte er mich wortlos an. „Ich weiß, dass du schon in Hunderten von Filmen mit einer Knarre in der Hand aus dem Auto gesprungen bist, Boss“, sagte ich leise zu ihm. „Aber für mich ist es das erste Mal, verstehst du? Ich habe quasi mein Leben lang darauf gewartet, dich dabei filmen zu können, wie du mit einem Ballermann durch die Straßen sprintest. Es sieht einfach verdammt cool aus. Also komm, lass uns die Szene noch einmal drehen, okay?“

Bruce verdrehte nur die Augen und ließ mich abtreten. Daraufhin watschelte ich zurück hinter meinen Monitor, um auf einen zweiten Take zu warten. Bruce aber stieg nicht ins Auto ein. Stattdessen lehnte er an der Fahrertür und glotzte in der Gegend herum. Ich ging erneut zu ihm, um zu fragen, was los sei. Er meinte daraufhin, dass er bereit sei loszulegen.

„Super. Dann müsstest du nur noch mal ins Auto steigen, damit wir anfangen können“, sagte ich ihm.

„Das haben wir schon gemacht“, erwiderte er trocken.

„Ja, ich weiß, aber könntest du das bitte noch einmal für diesen Take machen?“, bat ich ihn und kam mir dabei so vor, als sei ich wieder in der Highschool und bettele irgendwelche Chicks um Handjobs an. Mit der todernsten Miene eines erzkonservativen Fernsehpredigers starrte er mich an und ließ seinem Ärger freien Lauf: „Was? Du willst echt, dass ich das mit dem Auto noch einmal mache?“.

Der breitärschige Faulpelz in mir konnte seinen Widerwillen sofort nachvollziehen. Der breitärschige Faulpelz in mir bekam aber auch keine Millionenbeträge dafür bezahlt, einen Bullen zu spielen, dessen Partner gerade auf der Straße niedergeschossen wurde.

Im Film wurde dann der zweite (und letzte) Take verwendet. Wer den Streifen gesehen hat, wird es wissen: Wenn in dieser Szene der Cut zu Bruce kommt, ist er bereits aus dem Auto ausgestiegen. Der Grund: Sicherlich ist „Cop Out“ auch so schon ziemlich harte Kost für die meisten Kritiker gewesen. Wenn wir aber die ultralahmarschige Reaktion von Jimmy Monroe (Bruce Willis) auf den möglichen Tod seines Partners im Film gezeigt hätten, wären sie uns wahrscheinlich an die Gurgel gegangen. Der zweite Take war so enttäuschend nah am ersten, dass die Botschaft eindeutig war: Diese schlappe Schauspielleistung war alles, was Bruce mir geben würde.

Wo war er nur hin, der unbeschwerte Charmebolzen? Nun, es stellte sich heraus, dass dieser Typ zur unglücklichsten, verbittertsten und gemeinsten Lusche verkümmert war, die ich jemals in meinem Arbeitsleben getroffen hatte.

„Mal sehen, ob du den Job nach 25 Jahren immer noch magst“, meinte Willis einmal zu mir in Bezug auf unseren Beruf.

„Nun, ich bin jetzt 15 Jahre dabei und liebe es nach wie vor“, erwiderte ich.

Ich schätze mal, dass Bruce meine Antwort als eine Art Herausforderung empfand, mir das Gegenteil beweisen zu müssen. Anders kann ich mir nicht erklären, warum er sonst ständig für eine derart unangenehme und unproduktive Arbeitsatmosphäre sorgte, wenn er am Set auftauchte. Er meckerte, wenn seine Szenen nicht zuerst gefilmt wurden. Noch lauter schimpfte er allerdings, wenn seine Aufnahmen nicht gleich komplett abgedreht wurden, damit er möglichst schnell nach Hause gehen konnte. Außerdem hasste er Nachtaufnahmen und maulte unseren Kameramann Dave Klein an, dass dieser doch einfach alle Szenen am helllichten Tag drehen sollte.

Ich denke, dass es im Endeffekt auf Folgendes hinauslief: Bruce hatte seit Jahren mit den weltbesten Regisseuren an einer Unmenge an Filmsets zusammengearbeitet und tagein, tagaus dabei zugesehen, wie Kinofilme produziert werden. Wenn man das lange genug macht, versteht man irgendwann genauso viel von diesem Geschäft wie alle anderen am Set. Man kennt die verschiedenen Abteilungen und deren Arbeit, hat jede Menge Dreherfahrung, um zu wissen, was in den Film kommt und was rausfliegt. An diesem Punkt angelangt, wagen viele Schauspieler dann den Sprung auf den Regiestuhl – man denke nur an Robert Redford, Kevin Costner und Ben Affleck.

Sicherlich würde Bruce einen hervorragenden Regisseur abgeben. In den unzähligen Filmen seiner Karriere hat er eine unglaubliche Menge an Erfahrung und Können im Filmemachen angesammelt. Anstatt sich aber selbst als Regisseur zu versuchen, sagt Bruce lieber anderen Regisseuren, was diese an ihren Sets zu tun und zu lassen haben.

Ich hatte die Filmfiguren von Bruce stets gemocht und somit angenommen, dass auch er selbst als Mensch cool sei. Nun ja, am Ende des Tages war er weder cool noch voll belämmert, sondern einfach nur ein Filmstar. Oftmals projizieren wir irgendwelche Wunschidentitäten auf Schauspieler und vergessen dabei, dass die meisten von ihnen einfach nur wie weiße Leinwände sind, auf denen mitunter echt coole Performances stattfinden können. Unterm Strich zählt wahrscheinlich nur, dass Bruce vor der Kamera einen guten Helden spielt. Und das tut er. War schon immer so, und wird auch immer so sein.

Ein wahrer Schauspieler eben.

Der Text ist ein stark gekürzter Vorabdruck aus Kevin Smiths Buch „Tough Sh*t: Ein Fettsack mischt Hollywood auf“, das morgen im Heyne Verlag erscheint (336 Seiten, 16,99 Euro).

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