• Potsdamer Neueste Nachrichten
  • Bootshandel
  • Qiez
  • zweitehand
  • twotickets
  • Berliner Köpfe
  • wetterdienst berlin

Schauspieler Rolf Boysen : Perlen bedeuten Tränen

31.03.2010 00:00 Uhrvon
330091_0_468b62a8.jpgBild vergrößern
Rolf Boysen. - Foto: dpa

Das war 1948 sein erster Satz auf einer Bühne. Als Shylock und König Lear, Dorfrichter Adam und Feldherr Wallenstein wurde er zum Doyen der deutschen Schauspielkunst. Heute wird Rolf Boysen 90

Der Mann, ein König, ein Tyrann, stürmt aus der Tiefe des Raums im wehenden Mantel, als wolle er alle Welt gleich überrennen. Schon ist er nah, da fährt ein unsichtbarer Blitz ihm in die Glieder, und mit dem Mann scheint auch die Welt für einen Augenblick ganz stillzustehen. Der Mann im Innehalten sagt kein Wort, nur fällt in dieser langen, kurzen Weltsekunde sein halb noch träumerischer, halb jagender Blick zum Horizont in viele Blicke.

Es war zu Anfang des „König Lear“ vor jetzt achtzehn Jahren in den Münchner Kammerspielen nicht einfach nur ein Auftritt mit Aplomb, nicht nur ein stiller, sehr effektbewusster Paukenschlag.

Es war, stark und zart zugleich, einer der magischen Momente des Schauspielkünstlers Rolf Boysen. Diese im deutschen Theater bis heute hundertfach kopierte Geste des Anschweigens gegenüber einem hüstelnd betretenen Publikum war damals wie ein Schock. Und es herrschte jedes Mal eine tief gespannte Stille.

Minuten später wird der alte Shakespeare-König aus einer abgründig unergründlichen Laune heraus sein Reich hergeben, seine Familie zerstören, in blindem Vaterzorn die Lieblingstochter verraten. Rolf Boysen, der am heutigen Mittwoch 90 Jahre alt wird, gab freilich in jenem jähen Innehalten zu Beginn der fünfstündigen Aufführung von Lears Geheimnis gar nichts preis. Doch sein stummer, sonderbar sinnender Blick an der Bühnenrampe öffnete dem Zuschauer bereits die Augen: für das Drohende, Dramatische, Menschenmögliche. Für alles Verrückte und Berückende im Theater des Lebens.

Vor einer Woche: Es ist einer der überirdisch weißblauen, föhnwahnsinnigen Frühlingstage über dem Tegernsee. Der in Flensburg geborene, in Hamburg aufgewachsene und vor dreieinhalb Jahrzehnten zum Wahlmünchner gewordene Hanseat Rolf Boysen sitzt in Hemd und Cordhose auf einer Sonnenterrasse, drei Minuten nach elf am Vormittag, vor einem großen frisch gezapften Weißbier. Nun springt der alte Herr auf, wir haben uns vor zehn Jahren das letzte Mal gesehen, aber sogleich wischt er in seiner herzlichen Geistesgegenwärtigkeit ein Jahrzehnt Entfernung weg, als wär’s ein Tag. Mit seinem so dichten, schwarzgrauen Kurzhaar, das keinen Farbstoff kennt als den der guten Gene, wirkt Boysen wie ein noch Junger mit leicht gebeugten Schultern, der den Grandseigneur in sich gern unterspielt – und übertrifft.

Nur einen Auftritt wie den als Lear kann er nun nicht mehr hinlegen. „Da müsste ich mich selber gleich dazulegen“, scherzt er, ist mit ein paar Schritten dennoch bei seiner Frau Marianne, die eben mal den Zimmerschlüssel braucht. Sie ist kürzlich, so sagt sie eine Spur weniger amüsiert, „über die eigenen Beine gefallen“. Deshalb sind wir nicht bei Boysen in München, sondern sitzen, mit Tegernseeblick und Schneealpenpanorama zwischen den kahlen Bäumen und angrenzenden Neubauten, auf der Terrasse einer Kurklinik für Orthopädie und Sportmedizin. Mit Ausschank und Restaurant. „Möchten Sie auch ein Weißbier?“, fragt der gutgelaunte Fastjubilar, und da schaut der Besucher, der an diesem Vormittag nur Kaffee und Wasser bestellt, trotz seines Generationsabstands etwas alt aus. Eine kleine Komödie.

Boysen glaubt man ja nur als großen Tragöden zu kennen. Er war Schillers und Golo Manns Wallenstein in einer berühmten Fernsehverfilmung der mörderischen Feldherrnbiografie. Bei Fritz Kortner, dem einflussreichsten deutschen Theaterregisseur der Ära vor Peter Stein und Peter Zadek, vor Grüber, Neuenfels, Peymann & Co., hat er 1962 den „Othello“ gespielt und danach viele Shakespeare-Helden, bis zuletzt noch den Shylock im „Kaufmann von Venedig“. Von den griechischen Tragikern bis zu den deutschen Trauerspielen ist Boysen kaum eine Paraderolle der großen Dramenliteratur entgangen. Aber Komödien?

Hier an diesem blauen Märztag kommen wir irgendwie auf die Adresse der Klinik zu sprechen, in die er seine Frau begleitet hat, die Anschrift heißt „Am Kirschbaumhügel“. Zufällig steht in der Zeitung auch gerade etwas über das in Japan beginnende Kirschblütenfest – worauf Boysen zu trällern anfängt: „Schüttle alle Zweige / dieses Kirschenbaums...“ Seine auch ohne die gleißende Sonne meist asiatisch schmalen Augen beginnen, des Schalks wegen, offen zu blitzen, und er fügt hinzu: „Madame Butterfly.“ Operette. So etwas hat er auf der Bühne tatsächlich selten gemacht.

„Mir liegt wohl mehr die inwendige, hintergründige Komik, die typische Seitensprungkomödie ist nicht so mein Ding“, meint der Schauspielkünstler und nimmt einen Schluck. Dabei hat er sogar mal ganz toll und irrwitzig Komödie gespielt, einst in München beim Weltbayern Herbert Achternbusch, da war er 1993 im „Stiefel und sein Socken“ sozusagen der Socken eines alten Römers, sprich: dessen Frau. Im Rock und blond und mit viel Lippenstift. Aber das Tollste war: Boysen hat keine tuntige Transe gespielt, sondern sich in die andere Hälfte des Mannes und der Menschheit verwandelt. In eine normale Frau mit der im Komödientheater allernormalsten, innigsten Verrücktheit.

„Er kann ja ganz wunderbar komisch sein“, erzählt später in München auch seine fast ein halbes Lebensalter jüngere Kollegin Sibylle Canonica. Mit Boysen spielte sie erstmals, als Anfängerin, 1986 bei den Salzburger Festspielen und danach in den Münchner Kammerspielen. Da war sie „seine Eva“: unter Dieter Dorns Regie im „Zerbrochnen Krug“, in Kleists größtem deutschen Lustspiel, das eigentlich eine tragische Komödie ist – die Fabel vom Fall Adams, des Dorfrichters, der in einer Rauschnacht das Mädchen Eve begehrt. „Und Boysens Adam“, erinnert sich Sibylle Canonica, „hatte keine Derbheit, sondern eine schwebende Komik, er tänzelte in seinen lügenhaften Ausflüchten und brachte mit allen Satzgirlanden das ganze Stück zum Tanzen.“

Fritz Kortner, der als Schauspielstar aus der Weimarer Republik und als jüdischer Emigrant nach seiner Rückkehr den deutschen Schauspielern ihren „Reichskanzleistil“ (so nannte er hohles Pathos) auszutreiben versuchte, er hat auch Boysen den Verzicht auf alle Pathetik gelehrt. Pathos ja, wenn’s stimmt, Pathetik nie.

So wirkte der Norddeutsche Rolf Boysen, mit einer Spur ironischem Understatement, durchaus vernunftbestimmt und manchmal trocken. Aber trocken wie ein sehr guter voller Wein (und Boysen ist ein großer Bordeaux-Kenner). „Aber nein“, sagt die rotmähnige kluge Schweizerin Canonica, „der Boysen ist in Wahrheit ein richtiger Spielfex! Wie gerne hätte ich mit ihm jetzt noch ein skurriles Paar gespielt, mit ihm eine Suppe gekocht“, sie lacht, „und noch ein Hühnchen gerupft...“

„Mit dem Rolf geht im Theater ein Jahrhundert zu Ende.“ Das sagt jetzt der Münchner Schauspieler und Bildende Künstler Stefan Hunstein, der bereits beim „Lear“ zur Generation der Söhne im Stück und im Leben gehörte. „Gegen alle ,mörderischen Moden’, wie sie Thomas Bernhard mal nannte, hat Rolf Boysen sich nie verkleinern lassen auf eine Teildarstellung, sondern in all unseren Bruchstücken noch den ganzen Menschen gesucht.“

Am 17. Februar 2008 hat er als Shakespeares Shylock, einst die große Kortner-Rolle, in Dieter Dorns Inszenierung des „Kaufmann von Venedig“ im Residenztheater zum letzten Mal als Spieler auf der Bühne gestanden; erneut mit Sibylle Canonica, vor allem aber mit seinem alten, sieben Jahre jüngeren Freund Thomas Holtzmann als Gegenspieler Antonio, dem Kaufmann von Venedig. Sie haben schon 1969/70 in Hamburg im „Clavigo“, Kortners letzter deutscher Inszenierung, das stücktragende Dioskurenpaar gegeben und in den Münchner Kammerspielen sich über dreißig Jahre dieselbe kleine, fast schäbige Garderobe geteilt.

Boysen und Holtzmann waren dem langjährigen Kammerspiele-Intendanten Dieter Dorn mit dessen „Kaufmann“-Inszenierung 2001 nochmals für ein letztes Jahrzehnt (und Dorns letzte Intendanz) auf die andere Seite der Münchner Maximilianstraße ins Residenztheater gefolgt. Zusammen mit dem grandiosen alten Kammerspiele-Ensemble.

Als am Ende dieses „Kaufmanns“ der Jude Shylock durch einen juristischen Trick um sein blutiges Pfand (ein Pfund Fleisch vom christlichen Schuldner) gebracht ist und mit den Worten „mir ist unwohl“ leise und vernichtet abgeht, da triumphierte Holtzmanns Antonio mit kurzem Hohn. Doch dann lehnt er, eine unergründliche Trauer in den Augen, den Kopf stumm an die Wand, durch die Boysens Shylock eben verschwand. Es ist ein Abschied für immer, vom liebsten Feind, vom wahren Freund.

Auch Dieter Dorn tut das weh. „Der Rolf ist unersetzlich, einer wie er hat sich bei jeder internen Versammlung flammend für seine Mitspieler, für das heute überall zerfallende Ensembletheater eingesetzt.“ Und Dorn, der Boysen seit über 40 Jahren kennt, erzählt neben vielem anderen ein bemerkenswertes Detail. Im „Lear“, wenn der gefallene König in der berühmten Heide-Szene im Gewitter vollends wahnsinnig erscheint, hatte Boysen das letzte Hemd, die letzte Hose von sich geworfen – und stand als hochberühmter Schauspieler und damals über siebzigjähriger Mann völlig nackt im Raum. Als wollte er mit jedem Kostüm noch die letzte Haut abstreifen.

Nur bei der späteren Fernsehaufzeichnung behielt er einen Lendenschutz an. „Rolf sagte mir, wenn er direkt vor seinem Publikum spielt, mache ihm die äußerste Entblößung nichts aus. Aber vor fremden Augen im Fernsehen sei ihm das unmöglich.“

Das große Theater setzt der Neunzigjährige noch immer fort. Aber seit einem Unfall zu Hause, „meinem Höllensturz“, der ihm „zwei Schrauben im Genick“ einbrachte, geht er auf die Bühne nurmehr für Lesungen. Bei seinen Reisen durch die Epen aller Zeiten, angefangen von der „Ilias“ hinüber etwa zur „Aeneis“ und „Göttlichen Komödie“, zum „Nibelungenlied“ oder Wolfram von Eschenbachs „Parzival“. Seine vorbereitende Reisebegleitung ist dabei die italienisch-münchnerische Dramaturgin Laura Olivi, die mit ihm die Großwerke ein wenig einstreicht. Doch dann sitzt Boysen vor regelmäßig ausverkauftem Großen Haus im Münchner Residenztheater allein auf der Bühne, mit Buch und Leselampe und manchmal mitschwingender Hand. Siebzig bis neunzig Minuten lang, ohne Pause, an fünf oder sechs Abenden – und weil diese Kultlesungen aufgezeichnet werden, kann man ihnen auch auf den CDs des Münchner Hörverlags folgen.

Kann also hören, wie Boysens Stimme in sanftem Schwung, mal silbenstechend scharf, dann wie ein Gewitter grollend oder melancholisch besänftigt die Welt erzählt. „Ist Unentschiedenheit dem Herzen nah, / So muss der Seele daraus Bitternis erwachsen“ – das zitiert er als Beginn des „Parzival“ auch überm Tegernsee. Und ballt die Faust und pocht auf den Terrassentisch: „Ist das nicht herrlich!?“

Als Boysen Ende 1944 in Italien in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet, hatte der gelernte Kaufmannsgehilfe ein Kleist-Bändchen in der Tasche: dessen Anekdoten aus dem preußisch-französischen Krieg zu Napoleonzeiten. Daraus hat er den Mitgefangenen vorgelesen; einer von ihnen wurde nach dem Krieg Dramaturg in Dortmund, dort hat der junge Autodidakt Boysen dann vorgesprochen und wurde engagiert. Seine Einstandsrolle war der (bald ermordete) Graf Appiani in Lessings „Emilia Galotti“. Boysen lacht: „,Perlen bedeuten Tränen’, das war mein erster Satz!“ Im Herbst will er nun als nächstes Leseprojekt mehrere Kleist-Abende machen, und mit der Kriegsanekdote anfangen.

Heute Abend aber, vor mehr als ausverkauftem Haus, wird er zur Geburtstagsfeier aus seinem eigenen, wunderbar klugen Buch lesen, das schlicht „Nachdenken übers Theater“ heißt. Da wird Rolf Boysen mit seiner Geschichte „Vor der Vorstellung“ beginnen und noch einmal sagen, was im Theater und in den Köpfen der Zuschauer gleich Wirklichkeit wird: „Der leere Raum ist zum Bersten gefüllt, und die Assoziationen wachsen aus seinem Boden wie Schlinggewächse.“

Später folgt Schampus – und ein wohl sehr, sehr guter Bordeaux.

Service

Leserdebatten

Alexanderplatz, Hertha, Mediaspree: Leserdebatten auf Tagesspiegel.de.

Diskutieren Sie mit!

Tagesspiegel-Partner

    Wohnen in Berlin

    Gewerbe- oder Wohnimmobilien: Große Auswahl an Immobilien beim großen Immobilienportal.

Erleben sie mit tagesspiegel.de die ganz besonderen Veranstaltungen in Berlin und Umgebung. Hier können Sie sich Ihre Tickets zum Aktionspreis sichern.

Weitere Tickets...