Zeitung Heute : Schauspielereltern

Einige Gedanken über ein schweres Fach

Wilfried Rott

Auffällige Unauffälligkeit zeichnete ein Ehepaar in fortgeschrittenem Alter bei Premieren der Schaubühne aus. Der Herr war von jener korrekten Strenge, die ihn zur Idealbesetzung des Gerichtsrats Walter im „Zerbrochenen Krug“ machen würde. Das Haar war streng frisiert, etwas geföhnt, nicht mehr so recht à la mode. Die Frau an seiner Seite war von ähnlicher, weiblich gemilderter Korrektheit. Ein Paar, das eine bildungsbürgerliche Ordnung ausstrahlte, die sich etwas abhob vom üblichen Schaubühnenpublikum, bei dem selbst die älteren Semester noch gerne mit Cordjackett und offenem Hemd ihre Unanpaßtheit ausstellen.

Was machte das ältere Ehepaar so auffällig? Obwohl nicht unprominent, gehörte es nicht zu den zwischen Kulturleidenschaft und Selbstdarstellung oszillierenden Adabeis, ohne die ein Theater- oder Kunstereignis in Berlin schwer vorstellbar ist. Die Bekanntheit des Herrn erschloss sich nur dem Kenner. Man musste schon wissen, dass dies Günther Matthes, der Lokalchef des Tagesspiegels war, der in der Schaubühne aber nicht im fremden Revier seiner Feuilleton-Kollegen wilderte. Nur für den Unkundigen ging er fremd, war aber eigentlich ganz bei sich. Er und seine Frau nahmen schlicht die ganz persönliche Rolle von Eltern wahr.

Der Blick auf den Besetzungszettel erklärte alles. Auf der Bühne stand Sohn Ulrich. und im Parkett saßen die Schauspielereltern – und dies bescheidener als andere. Wenn der Innenminister am selben Ort aufkreuzte, weil die Tochter auf der Bühne stand, dann geschah dies in jeder Hinsicht auffälliger, allein wegen der ihn in Quartettstärke sitzplatzbeanspruchend umgebenden Sicherheitskräfte. Oder die namhafte Theaterkritikerin, die sich demonstrativ von Eiseskälte umweht vor das Schiller-Theater setzte, um ein Einar-Schleef-Spektakel zu bestaunen – und doch mindestens so sehr das Faust-Verse rezitierende Töchterchen zu bewundern.

Schauspielereltern – ein schweres Fach. Vor die Freude über den Erfolg ist die Sorge gesetzt, ob das Kind, mit dem man doch ganz Anderes, Solideres vorhatte, auf den weltbedeutenden Bretten Fuß fassen, sich auf ihnen behaupten kann. Wären die Steine zu hören, die den Eltern von der Seele fallen, wenn das Kind Erfolg hat, ja die Schwelle zur Prominenz überschreitet, es wäre gewiß nicht so ruhig um Mutter und Vater Matthes in der Schaubühne gewesen. Vielleicht hüpfte auch das Herz vor Freude, daß es das Kind so weit gebracht hat. Aber das war nicht zu sehen, denn so etwas wird von jemandem wie den Eltern Matthes nicht zur Schau gestellt. Der Vater blieb beim gewohnt ernsten Blick, doch bei der Mutter schien mehr Nach- und Einsicht im Spiel gewesen zu sein. Die unverbrüchliche Zuwendung, die bei aller erzieherischen Strenge bei Müttern tief sitzt, sie waltete gewiß auch hier. Der Erfolg des Sohnes, die unübersehbare Anerkennung, ja Bewunderung durch andere, löschte gewiß den Rest von Gram und Sorgen, den das Erwachsenwerden eines Kindes, erst recht mit einem so unbürgerlichen Berufswunsch, mit sich gebracht hat.

Auch nach dem Tod ihres Mannes ist Mutter Matthes treuer Premierengast – jetzt im Deutschen Theater. Sie sieht dann, wie alle, den großartigen Schauspieler – und sieht mehr und anderes. Denn hinter allen Masken erkennt sie doch immer ihr Kind.

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