Zeitung Heute : Scheherazades Töchter

Wenn Ayse durch die Straßen geht, schaut sie sich ängstlich um. Denn ihre Eltern haben gesagt: „Wir hetzen Detektive auf dich.“ Die 20-jährige Kurdin ist auf der Flucht vor ihrer Familie. Weil sie ihren Cousin heiraten soll. „Aber dann“, sagt sie, „würde ich innerlich sterben.“

Isabella Kroth

Du musst deinen Cousin heiraten, sagt der Vater. Wenn du das nicht machst, prügeln wir dich grün und blau, sagt die Mutter. Die Tochter schweigt zu allem, jahrelang. Bis es nicht mehr geht. Kurz vor der geplanten Hochzeit haut sie ab.

Das ist die Geschichte von Ayse. Ein wenig erinnert sie an die der Scheherazade aus den Märchen von TausenundeinerNacht. Der Frau, die, um der Hochzeitsnacht mit dem König zu entkommen, immer wieder neue, wundersame Geschichten erfand. Denn jede seiner Frauen hat er am nächsten Morgen getötet. Auch Ayse denkt sich immer wieder neue Geschichten aus, um ihre Eltern zu täuschen. Aber Ayse lebt in Deutschland, im Hier und Jetzt, auch wenn ihre Geschichte so unglaublich klingt, dass sie in den Märchen aus TausendundeinerNacht stehen könnte.

Eigentlich heißt die junge Kurdin, um die es hier geht, gar nicht Ayse. Ihren wirklichen Namen will die 20-Jährige in der Zeitung nicht veröffentlichen, weil sie Angst hat, man könnte sie sonst finden. Angst hat sie vor ihren Eltern, die sie zwingen wollen, ihren Cousin Hassan zu heiraten. Er ist Kurde, genau wie Ayse. Und ihre Eltern meinen, eine Kurdin müsse einen Kurden heiraten, möglichst noch aus der Verwandtschaft. So schreibt es die Tradition vor. Und die Ehre der Familie. „Ich würde innerlich sterben, wenn ich ihn heiraten müsste“, sagt Ayse.

Ayses Eltern sind noch vor der Geburt ihrer Kinder, nach Berlin ausgewandert. Ihre Heimat – das ist eine kleine Stadt im Osten der Türkei, von der Ayse nicht einmal weiß, wie sie heißt. Denn die Heimat ihrer Eltern, die hat nun wirklich gar nichts mehr mit ihrer eigenen zu tun.

Wenn Ayse durch die Straßen der Stadt läuft, in der sie sich jetzt versteckt, dreht sie sich ängstlich um. Auch wenn niemand weiß, wo sie gerade lebt. Vor kurzem hat sie mit ihren Eltern telefoniert, ohne dabei ihre Nummer anzugeben. Die drohen ihr immer noch: „Wir hetzen Detektive auf dich, so lange, bis sie dich gefunden haben.“ Was dann mit ihr passiert, will sich Ayse lieber nicht vorstellen. Aber sie weiß, dass die Tochter des besten Freundes ihres Vaters auch abgehauen ist, so wie sie. Und dass der Vater seine Tochter später umgebracht hat, um die Ehre seiner Familie zu retten.

Wie viele solcher Ehrenmorde in Deutschland verübt werden, weiß niemand genau. Es ist nicht so, dass die Ehre in der türkischen Kultur mehr zählt als ein Menschenleben. Aber es gibt sie, Eltern, die lieber ihr Kind töten, als ihr Gesicht zu verlieren. Die Autorin Serap Cileli liest täglich türkische Zeitungen, die in Berlin auf den Markt kommen, und sucht nach Berichten über Ehrenmorde. Ihr Ergebnis: „Bisher konnte ich Berichte über neun Frauen finden, die in Deutschland seit 1999 umgekommen sind, weil sie die Ehre der Familie verletzt haben.“ Die 36-jährige Cileli ist selbst vor ihren Eltern geflohen, weil sie mehrmals versucht hatten, ihre Tochter gegen ihren Willen zu verheiraten. Über ihre Flucht hat Cileli ein Buch geschrieben, weil sie Frauen wie Ayse Mut machen will, gegen die „Vergewaltigung auf Lebenszeit“ zu kämpfen. Seitdem bekommt sie immer wieder Anrufe von Frauen, die um Rat fragen. „Wenn sich eine junge türkische Frau, bildhübsch und in engen Jeans, in Deutschland bewegt“, sagt sie, „ahnt man hier nicht, dass daheim die Sitten Anatoliens herrschen.“

Ein Zurück in diese Welt gibt es für Ayse nicht mehr. Aber die zierliche Frau, die sich auf der Couch im Café ganz klein macht und viel jünger wirkt, als sie ist, will auch gar nicht mehr zurück. „Ich will endlich frei sein“, sagt sie.

Ihr Kampf beginnt an einem Sonntagabend im Juli 2002. Ayse ist auf einem Beschneidungsfest. Alles hat sie geplant: Tagebücher, Gedichte und Adressenlisten hat sie verbrannt, Geld, das sie heimlich beiseite legen konnte, steckt in ihrer Tasche – und ein Ticket nach München. „Ich bin einfach raus, dann in den Zug und war so unendlich erleichtert, weil ich dachte: Das Schwerste hast du hinter dir.“ Sie irrte.

Wenn Ayse über ihre Eltern spricht, wird ihre Stimme hart. „Ich will sie nie wieder sehen.“ Sie vermisst ihr Zuhause nicht mehr. Nicht ihre fünf Geschwister, weder die Mutter – „von der kenn’ ich ja nur die Schläge mit Schuh oder Teigroller“ – noch den Vater. Der kam immer erst abends heim und sagte nur: „Das war bestimmt zu deinem Besten.“ Wenn Ayse von Oliver redet, bekommt ihre Stimme einen anderen Klang. Oliver ist ihr Freund, er wohnt in München, in der Wohnung, die sie sich geteilt haben nach Ayses Flucht. Den Eltern hat sie nie von ihm erzählt. „Das wäre tödlich gewesen“, sagt Ayse. Nicht nur Sex vor der Ehe ist Ayse verboten. Wenn es nach ihren Eltern geht, darf sie mit Männern nicht einmal reden, vor allem nicht mit deutschen. Einmal unterhält sie sich an einer Haltestelle mit einem Jungen, der sie nach dem nächsten Bus gefragt hat. Ihr Bruder beobachtet sie dabei und gibt ihr zu Hause eine kräftige Ohrfeige, so dass sie zu Boden fällt.

Oliver lernt sie 2001 während ihrer Ausbildung zur Krankenschwester kennen. Da beginnt ihr Doppelleben. Wenn Ayse statt bei der Arbeit bei Oliver ist, lügen ihre Kollegen für sie. Den Job im Besuchercafé des Krankenhauses nimmt Ayse nur an, weil sie dann ein besseres Alibi hat und länger von daheim fort bleiben kann. Manchmal bringt sie ihren Eltern abends Kuchen mit, obwohl sie den ganzen Nachmittag bei Oliver war.

Noch an jenem Sonntag im Juli 2002 denken Ayses Eltern, ihre Tochter habe sich damit abgefunden, Hassan zu heiraten. Für das Hochzeitsfest steht schon ein Termin fest. Und Hassans Vater dringt darauf, bald mit Ayse in die Türkei zu fliegen, um ihr Goldschmuck für die Hochzeit zu kaufen, ein Brauch bei kurdischen Vermählungen. Ayse war zwölf, als sie erfuhr, dass sie eines Tages ihren Cousin heiraten müsse. Bis zu dem Tag, an dem sie flieht, lügt Ayse, verschweigt Oliver, tut so, als hätte sie die Hochzeit stillschweigend akzeptiert. Um die Mutter zu beruhigen, einerseits. Und damit der Vater die vielen Männer fortschickt, die immer wieder an der Wohnungstüre klingeln und um die „hübsche junge Frau, die inzwischen ja schon so groß geworden ist“ werben. „Ich wollte nicht, dass über mich verhandelt wird wie über eine Sache“, sagt Ayse, „also habe ich gesagt, ich würde Hassan nehmen.“ Aber nie im Leben dachte sie daran, den Jungen zu heiraten. Er ist genau wie die anderen Jungs aus ihrem Verwandtenkreis, sagt Ayse: Er zieht gerne durch Berlin, trinkt und pfeift den Frauen hinterher. Zu Ayse sagt er: Ich liebe nur dich. Und er ist mit der Wahl seines Vaters sehr zufrieden. Ayse kennt den Wert, den sie auf dem kurdischen Heiratsmarkt hat. Üblicherweise zahlt der Vater des Bräutigams 40000 Euro für die Braut. Ayse allerdings ist schön, sie hat große grüne Augen und lange braune Haare, die sie offen trägt. „Ich bin 100000 Euro wert, schließlich ist meine Familie angesehen“, sagt sie ernst und kichert dann: „Jetzt allerdings nicht mehr.“

Zwei Monate lang geht alles gut, nach ihrer Flucht im Juli. Dann steht plötzlich ein Cousin vor der Tür in München und überredet sie, mit ihrem Vater zu sprechen, der im Auto auf sie wartet. Er ist wahnsinnig vor Wut, als er herausfindet, dass Ayse einen Freund hat. Er hält sie fest, als sie aus dem Auto fliehen will. Sie schlägt um sich und schreit, dann drückt ihr Onkel seine Hand auf ihren Mund, bis sie still ist. Daheim wartet die ganze Familie im Wohnzimmer. Am Nachmittag kommt die Polizei, die Oliver von München aus alarmiert hat. „Die Beamten haben mich gefragt, ob ich freiwillig zurück nach Hause bin. Ich habe ,ja’ gesagt, meine Eltern waren doch im Raum.“ Weil aber Oliver nicht locker lässt, nimmt die Polizei Ayse mit aufs Revier und bringt sie zu Papatya.

Papatya ist eine Berliner Kriseneinrichtung, die jährlich etwa 60 bis 80 türkische Mädchen aufnimmt. Die Adresse der Wohnung, die Papatya den Mädchen stellt, ist geheim. Die meisten Mädchen suchen dort Schutz vor ihren Familien, weil sie geschlagen werden oder gegen ihren Willen verheiratet werden sollen. „Die Vergangenheit abzuschütteln ist wahnsinnig schwer“, sagt eine Betreuerin, die sich damals um Ayse gekümmert hat. „Familienmitglieder, die auf Ämtern arbeiten, Cousins, die durch die Stadt ziehen, um die Abtrünnige zu suchen, oder Freunde, die sich verplappern – das kann für die Mädchen sehr gefährlich werden.“ Ayse hat Papatya inzwischen verlassen, sie will lernen, sich alleine zurechtzufinden. Aber immer noch ist jeder Schritt aus ihrer Wohnung für Ayse wie eine Mutprobe.

Der König aus TausendundeinerNacht schenkte Scheherazade die Freiheit. Ayse hofft, dass ihre Eltern sie auch irgendwann einmal in Ruhe lassen werden. Doch seit Ayse geflohen ist, erzählen ihre Eltern Freunden und Verwandten, die Tochter sei mit Arbeitskolleginnen zusammengezogen. Bei Familientreffen sagen sie, Ayse sei entweder krank oder mit der Arbeit beschäftigt. Die Wahrheit ist eine Schande, die sie so lange wie möglich verheimlichen wollen. Ayse wünscht, dass es anders wäre. „Alle sollen wissen, dass ich weg bin. Dann fällt der Druck, den meine Verwandten machen, endlich von meinen Eltern ab. Dann kann ich frei sein.“ Aber noch hält Ayses Mutter weiter an der Hochzeit fest. „Wenn du keine Jungfrau mehr bist, kein Problem, das kann man operieren. Komm wieder zurück.“ Solange Ayse ihre Mutter so reden hört, liegt ihr nichts ferner.

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