Zeitung Heute : Scheidung light

CHRISTINE WAHL

Schlag zu und Schluß: "Türen" von Suzan Zeder im carrousel-TheaterHinter einer signalrot angestrahlten Tür hört man einen Mann und eine Frau.Sie streiten.Zu verstehen ist bestenfalls jedes siebenundzwanzigste Wort; zu spüren aber, daß dieser Schlagabtausch nicht einfach vorbeigehen wird, sondern das ist, was man eine Grundsatzdebatte nennt.Vor dieser geschlossenen Tür dreht Jeff in seinem Kinderzimmer den Kassettenrecorder laut und zappt sich hektisch durchs Fernsehprogramm.Was er nicht hören kann, ist auch nicht wahr - denkt er. Die amerikanische Autorin Suzan Zeder hat das Problem der steigenden Scheidungsraten in ihrem Stück "Türen" aus der Sicht eines elfjährigen Jungen höchst genau beschrieben.Und Matthias Messmer, Hausregisseur des carrousel-Theaters, hat in der Probebühne an der Parkaue die deutschsprachige Erstaufführung ebenso sensibel inszeniert.Er bedient sich keiner platten Effekte, mit denen man im Kindertheater so oft Spannung zu produzieren und Verständnis zu heischen gedenkt und dabei die Zuschauer lediglich aufs Peinlichste unterfordert, sondern er nimmt seine Figuren genauso ernst wie sein Publikum und vertraut vollkommen auf die Qualität seiner Schauspieler. Messmer zeigt ohne Sündenböcke, Auswege und Betretenheit, wie der undurchschaubare Streit der Eltern für ihren Sohn in eine immer diffusere Angst mündet - am stärksten in der Szene zwischen Jeff (Dirk Müller) und seinem Freund Sandy (Christoph Theußl).Jeff müht sich nervös, nicht nach außen dringen zu lassen, was doch auch Sandy trotz geschlossener Wohnzimmertür nicht verborgen bleiben kann - und ist plötzlich das betrogene Kind, weil Sandy gesteht, daß er alles schon weiß.Jeffs Mutter hat sich bei Sandys Mutter ausgeweint.Die beiden Schauspieler schöpfen hier die Nuancen zwischen ratlos-kindlichem Mitgefühl und Verständnislosigkeit aus, die nicht anders kann als in Aggression umzuschlagen.Man glaubt ihnen einfach. Wie hier jeder den anderen gerade dadurch verletzt, daß er ihn nicht verletzten will, zeigt diese Inszenierung ganz realistisch - und gerade durch den Verzicht auf Pathos, überdeutliche Signale und Lösungen höchst emotional.CHRISTINE WAHLNächste Vorstellungen am 16.und 17.Juni um 10 Uhr 30 im carrousel-Theater

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