Scheinehen : Der Trau-Schein

Die Hochzeit war ein rauschendes Fest, vier Jahre trug sie seinen Ring. Mit Liebe hatte das nichts zu tun. Die Geschichte einer Scheinehe.

Ulrike Thiele
Lornas Schweigen
In "Lornas Schweigen" gerät eine junge Albanerin, die in Belgien bleiben will, an kriminelle Kuppler und einen drogenabhängigen...Foto: Piffl Medien

Für den großen Tag hatte Susanne Paulsen einen langen Blumenrock und eine bunte Hippiebluse gewählt. Ganz in Weiß zu heiraten – das hätte nicht zu ihr gepasst, nicht zu ihrer Weltanschauung und nicht zu dieser Hochzeit. „Heiraten aus Liebe? Garantiert nicht!“, sagt Susanne, die eigentlich einen anderen Namen trägt. „Ich heirate nur, wenn es Sinn macht.“ Sie sitzt am Küchentisch ihrer Wohnung in Berlin-Neukölln, vor sich eine Tasse Kaffee. Ihr Nasenstecker blitzt in der Sonne auf, die durchs Fenster fällt. Selbstbewusst wirkt sie, arbeitet in einer Pressestelle, ist 38 Jahre alt – und seit zehn Jahren geschieden. Nicht, weil sie sich mit ihrem Mann nicht mehr verstand. Sondern weil die Scheidung Teil des Deals war.

Mit 24 heiratete Susanne einen Marokkaner, der in Deutschland bleiben wollte. Mit ihrer Ehe verschaffte sie ihm, Aziz, eine Aufenthaltsgenehmigung. Das, so findet sie, hatte einen Sinn.

Eine Ehe zu führen, um damit einen Vorteil zu erlangen, ist in Deutschland grundsätzlich nicht verboten. Heiraten zwei Deutsche, nur um Steuern zu sparen, wird das vom Staat geduldet. Ob sie sich lieben, spielt keine Rolle. Ist einer der beiden Ausländer und dürfte ansonsten nicht in Deutschland bleiben, sieht die Sache anders aus. Gibt es keine „eheliche Lebensgemeinschaft“, wie es im Juristendeutsch heißt, dann verstößt der ausländische Ehepartner gegen das Aufenthaltsgesetz. Dort steht unter Paragraf 95, Absatz 2, womit jemand zu rechnen hat, der wie Susanne und Aziz eine Scheinehe eingeht: „Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer unrichtige oder unvollständige Angaben macht oder benutzt, um für sich oder einen anderen einen Aufenthaltstitel oder Duldung zu beschaffen.“

Susanne interessierte das nicht. „Ich war ziemlich blauäugig“, sagt sie. Die Hochzeit mit Aziz war für sie ein Abenteuer. Sie lebte damals in Duisburg, hatte einen deutschen Freund und gehörte zur linksalternativen Szene. Diese traf sich in einem marokkanischen Restaurant; dort aß, trank, diskutierte man und machte manchmal gemeinsam Musik. Die Marokkaner, denen das Restaurant gehörte, wurden zu Freunden. Und so kam es, dass Susanne zum Urlaub nach Agadir eingeladen wurde, wo sie dem drei Jahre älteren Aziz begegnete. Er war ihr auf Anhieb sympathisch, wegen seiner „stillen und friedlichen Art“, wie sie erzählt. Aziz hatte einen Traum: Profi-Fußballer zu werden. Seine Eltern konnten ihm diese Karriere aber nicht bezahlen. Eine andere Ausbildung besaß er nicht.

Monate später trafen sich die beiden im Stammrestaurant in Duisburg wieder. Inzwischen arbeitete Susanne dort. Aziz war wegen einer anderen Frau, die ihn aber wieder verlassen hatte, nach Deutschland gereist. Beide fühlten sich niedergeschlagen. Sie, weil sich ihr Freund gerade von ihr getrennt hatte. Er, weil ihm die Aufenthaltserlaubnis fehlte. In Marokko sah Aziz keine Perspektive mehr – ohne Job, ohne Ausbildung. Eine Chance auf Asyl hätte er nicht gehabt. Susanne bot ihm sofort die Hochzeit an. Es sei eine spontane Idee, eine Tat aus politischer Überzeugung gewesen, sagt sie. „Ich sehe nicht ein, warum ein Ausländer nicht einfach hier leben darf.“ Und dann war da noch ihr Ex-Freund. Ihn wollte sie beeindrucken, wollte ihm zeigen: „He, schau her! Ich tue etwas Mutiges, ich helfe einem Menschen.“ Darüber hinaus war die Scheinehe ein reiner Freundschaftsdienst: „Geld wollte ich nicht.“

Die Hochzeit fand im August 1994 statt. „Die Leute, die uns gesehen haben, wirkten fast ein bisschen neidisch“, erzählt Susanne. Die Tische in dem marokkanischen Restaurant waren festlich gedeckt, eine Musikgruppe spielte afrikanische und französische Lieder. Aziz und Susanne sahen toll zusammen aus, wie ein glückliches, echtes Paar. Sie mit ihren rotblonden Locken und er – „ein wunderschöner junger Mann“. Sie holt Fotos hervor, auf denen er zu sehen ist, mit dunklen Augen und langen schwarzen Rastazöpfen. Trotzdem sei da nie mehr als Freundschaft gewesen. „Aziz ist ein herzensguter Mensch, aber nicht aufregend genug für mich. Er rauchte nicht, er trank nie einen Schluck Alkohol und er hatte keine Tiefen.“ Auch er habe sich nie in sie verliebt, glaubt Susanne.

Niemand schöpfte Verdacht. Wahrscheinlich, weil sie auf den ersten Blick so gut zusammen passten. Bei der Ausländerbehörde bekam Aziz ohne Probleme seine Aufenthaltserlaubnis. Hausbesuche der Polizei oder der Behörde gab es nicht. Und falls doch jemand gekommen wäre, hätte er nichts gefunden, was auf eine Scheinehe hätte schließen lassen. „Ich hatte Fotos von Aziz aufgehängt, und ich trug immer den Ehering.“

Aziz meldete sich offiziell bei Susanne in der WG an, blieb aber in seiner eigenen Wohnung. Ihre Mitbewohner und Nachbarn waren eingeweiht. „Es war ein Haus voller Studenten, alle ein bisschen alternativ drauf, so wie ich“, erzählt sie. Verraten hat sie keiner. „Aziz und ich haben uns immer gut abgesprochen, ich musste über alles Bescheid wissen, was er machte.“ Wo er wohnte, wo er arbeitete, wo er sich abends aufhielt – nur für den Fall, dass doch mal jemand nachgefragt hätte. Einmal, ganz am Anfang, kam Aziz eine Stunde zu spät zu einem Notartermin. Da habe sie ihn zusammen gestaucht, später sei so etwas nie wieder passiert. Auch als Susanne nach etwa einem Jahr zum Studium nach Berlin zog, blieben beide in engem Kontakt.

Susanne und Aziz hatten Glück. Wenn die Ausländerbehörde eine Scheinehe vermutet – zum Beispiel, weil die Ehepartner keine gemeinsame Sprache sprechen oder in getrennten Befragungen widersprüchliche Geschichten über ihr Kennenlernen erzählen –, gibt sie der Polizei Bescheid. Diese kann ein Ermittlungs- und anschließend ein Strafverfahren einleiten. Dann wird die Wohnung des Paars durchsucht und überprüft, ob beide wirklich zusammenleben. Gibt es ein gemeinsames Schlafzimmer? Stehen zwei Zahnbürsten im Bad? Haben beide Ehepartner ihre Kleidung in der Wohnung? Eine Frau berichtet auf der Internetseite „gofeminin.de“: „Vor einem Monat war plötzlich die Polizei vor meiner Tür und überreichte mir einen Durch suchungsbefehl vom Staatsanwalt. Es wurde behauptet, dass ich und mein Mann eine Scheinehe führen. (...) Sie durchsuchten die ganze Wohnung nach Sachen von meinem Mann. (...) Sie beschlagnahmten Papiere und sogar ein T-Shirt aus der Schmutzwäsche.“ Wenn die Ermittler ihren Verdacht bestätigt sehen, muss der ausländische Partner zurück in die Heimat. Den deutschen Ehepartner erwartet eine Geldstrafe oder sogar das Gefängnis.

Wie viele Scheinehen etwa in Berlin aufgedeckt werden, ist nicht klar. „Wir führen keine Statistik“, heißt es bei der Ausländerbehörde. Sicher ist nur, dass es wohl eine ganze Menge Scheinehen gibt. Denn die Hochzeit mit einem Deutschen ist fast die einzige Möglichkeit, eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. 19 000 Menschen beantragten laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge im Jahr 2007 Asyl – nur ein Viertel von ihnen durfte bleiben, meist Flüchtlinge aus dem Irak. 2006 waren es sogar bloß 4,4 Prozent.

Wer nicht das Glück hat, eine Liebeshochzeit mit einem Deutschen zu feiern, für den ist eine Scheinehe verlockend. In ihrem Dokumentarfilm „I broke my future“ hat die Regisseurin Carla Gunnesch sudanesische Flüchtlinge, die illegal in Berlin lebten, mit der Kamera begleitet. Für alle von ihnen spielte das Thema Scheinehe eine Rolle. „Aber mit einer Frau verheiratet zu sein, die man nicht liebt, nur wegen der Papiere, das ist sehr schwierig“, sagt einer der Männer in dem Film. Die zwei Jahre, die man derzeit offiziell zusammenbleiben müsse, könnten „eine lange Zeit sein“.

Tatiana Lima Curvello, Geschäftsführerin des Berliner Verbands binationaler Familien und Partnerschaften, rät klar von einer Scheinehe ab – und das nicht nur, weil diese eine Straftat ist. „Bei einer Scheinehe gibt es zu viele Unsicherheiten und Gefahren.“ Zu Curvello kommen deutsch-ausländische Paare, um sich über die Schwierigkeiten beraten zu lassen, die das Zusammenleben mit jemandem aus einer völlig fremden Kultur bedeuten kann. „Schon wenn man sich liebt, gibt es genug Probleme.“ Wenn die Ehe aber nur eine Zweckgemeinschaft ist, kann alles noch viel komplizierter sein. „Es gibt auch deutsche Frauen, die lassen sich ausnutzen. Die merken gar nicht, dass der Mann nur an einem deutschen Pass interessiert ist.“

Von solchen Fällen kann Barbara John, ehemalige Ausländerbeauftragte des Berliner Senats, berichten. Oft waren ältere deutsche Frauen bei ihr in der Beratung. „Da gab es viele gebrochene Herzen, weil die Damen dachten, es hätte sich um eine echte Liebeshochzeit gehandelt.“ Andererseits erinnert sie sich an eine Einwanderin, für die eine Scheinehe die einzige Möglichkeit war, in Deutschland zu bleiben und hier einen pflegebedürftigen Angehörigen zu versorgen.

Aber es gibt eben auch Fälle, bei denen Frauen aus dem Ausland eingeschleust, verheiratet und dann zur Prostitution gezwungen werden. Oder solche, in denen kriminelle Organisationen Obdachlose oder Drogenabhängige für wenig Geld dazu überreden, eine Scheinehe einzugehen. Der ausländische Ehepartner muss dagegen eine hohe Summe an die Kuppler zahlen. In dem Spielfilm „Lornas Schweigen“, der gerade in den Kinos zu sehen ist, erschleicht sich eine junge Albanerin durch die Heirat mit einem Drogensüchtigen die belgische Staatsbürgerschaft – und gerät damit in einen Strudel der Gewalt.

Tatsächlich fließt bei den meisten Scheinehen Geld. „Das ganze Thema ist eine Riesengrauzone mit sehr hellen und sehr dunklen Flecken“, sagt Barbara John. Susanne und Aziz, die vor der Ehe Freunde waren und danach Freunde blieben, sind eher eine Ausnahme. Als sie sich scheiden ließen, fragte der Familienrichter nur ungläubig: „Sind Sie ganz sicher? Sie verstehen sich doch so gut. Das sieht man doch!“ Vier Jahre Scheinehe lagen da hinter ihnen – so lange musste man damals noch verheiratet bleiben, damit der ausländische Partner eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung bekam. Heute sehen sich die beiden nur noch selten, weil Aziz in Hamburg lebt.

Bereut hat Susanne Paulsen, die mittlerweile alleinerziehende Mutter eines zweijährigen Sohnes ist, ihre Scheinehe nicht – und sie besteht darauf, dass Aziz nie einen Cent Sozialleistungen bekam. „Er hat immer hart gearbeitet, besitzt jetzt sogar sein eigenes Restaurant.“ Nur eines störe sie. „Immer wenn ich meinen Familienstand angebe, muss ich ‚geschieden‘ schreiben.“ Das, sagt Susanne, klinge irgendwie blöd.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar