Zeitung Heute : Scheinheiliger Streit um Internet-Zugang

KURT SAGATZ

An Vergleichen zwischen dem Olmagnaten John Davison Rockefeller und dem Software-Tycoon William Henry (Bill) Gates hat es in letzter Zeit nicht gemangelt.Beide stehen für unvorstellbaren persönlichen Reichtum - und beide kollidierten wegen der Macht ihrer Unternehmen mit dem amerikanischen Kartellrecht.Der große Unterschied zwischen ihnen besteht wohl vor allem darin, daß die Zerschlagung von Rockefellers Standard Oil bereits Legende ist, während nicht abzusehen ist, welchen Ausgang das Kartellverfahren gegen Bill Gates Microsoft haben wird.

Das in der vergangenen Woche eröffnete Kartellverfahren, das in den kommenden Wochen entschieden werden soll, wird klären, ob Mircrosoft seine Marktmacht mißbraucht.Gates hatte seine PC-Standard-Software Windows mit einem Internet-Zugang verknüpft.Die Microsoft-Wettbewerber klagen gegen diese Verbindung, weil sie die Marktmacht aus der PC-Software auf den boomenden Markt für Internet-Browser ausdehne und die Konkurrenten quasi automatisch aus dem Markt werfe - ohne daß der Verbraucher überhaupt eine Chance bekomme zu testen, wessen Produkt das bessere ist.

Wie bei Rockefeller und der Ölindustrie wird heute der Software- und Internetbranche entscheidende strategische Bedeutung für die weitere wirtschaftliche Entwicklung zugewiesen.Und zwar nicht nur für die USA, sondern weltweit.Die Softwareindustrie hat von ihrem ökonomischen Stellenwert her den Treibstoff bereits abgelöst.Ob dies allein allerdings reicht, um nun auch Microsoft zu zerschlagen, ist mehr als fraglich.Anders als das Erdöl ist die Weichware der Computerindustrie zumindest theoretisch unbeschränkt verfügbar.

Dazu kommt, daß zwischen der wettbewerbsrechtlichen Theorie der marktbeherrschenden Stellung und der Praxis in der Softwareherstellung ein großer Gegensatz besteht.Microsofts Konkurrenz nämlich war bisher nicht in der Lage, ihre nicht minder komfortablen und unkomplizierten Anwenderoberflächen für Computer genauso erfolgreich zu vermarkten.Zwar spielten beim komentenhaften Aufstieg von Microsoft viele Faktoren eine Rolle - doch die Kritik, Gates Erfolg sei eher der Marketing-Abteilung und rüden Verkaufsmethoden als der Qualität der Software geschuldet, ist billig.Denn erstens treten auch die Wettbewerber nicht gerade mit Samthandschuhen an.Und außerdem ist bisher auch die Qualität der Mircosoft-Produkte, allem Gemeckere zum Trotz, immer ein Kaufargument gewesen.Bill Gates hat nämlich von vornherein die Wünsche der Kunden nach Funktionalität und Komfort in die Produktion seiner Software einbezogen.Schließlich werden die Käufer nicht mit vorgehaltener Waffe gezwungen, Produkte von Microsoft zu kaufen.Sie tun es, weil sie mit einem System und mit Programmen arbeiten wollen, die einem gewissen Standard entsprechen.Dies ist der hauptsächliche Grund dafür, daß heute auf neun von zehn Rechnern das Betriebssystem mit den Fenstern läuft und eben nicht ein Produkt von Apple oder IBM.

Da jedoch die Gründe für die inzwischen nahezu monopolartige Stellung von Microsoft vom Markt ausgingen, sind die Aussichten auf ein erfolgreiches Kartellverfahren gegen die Macht des Redmonder Unternehmens schwer vorauszusehen.Unter anderem deshalb, weil es ja nicht um die bestehende Marktmacht Microsofts im Bereich der Betriebssysteme und der Anwenderprogramme gehen soll, sondern um die drohende Marktmacht beim Internetzugang.Die Absicht der Kläger ist ebenso klar wie verständlich: Man möchte verhindern, daß die Stellung Microsofts auf dem Markt der Betriebssysteme auf den noch jungen Markt der Internet-Anwendungen durchschlägt.Dieses Bestreben kommt jedoch nur dem Eingeständnis gleich, daß man Gates auf seinen angestammten Feldern nicht zuleibe rücken kann.

Doch ist das wirklich so? Ist es wirklich nicht denkbar, Microsofts Aktivitäten aufzusplitten oder sogar den Code von Windows als allgemeinen Standard für die Öffentlichkeit freizugeben? Das jetzt angelaufene Verfahren wäre dafür der falsche Weg, denn für die millionenfachen Nutzer von Windows steht nur ein Argument im Vordergrund.Sie wollen ein Programm, das möglichst viel leistet und in der Anwendung dennoch übersichtlich und einfach bleibt.

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