Zeitung Heute : Scheinlösung

BEATRICE VON WEIZSÄCKER

Wenn die katholische Kirche das staatliche Beratungssystem verläßt, kommt das einer unterlassenen Hilfeleistung gleich.Darum dürfen die Bischöfe nicht aus der Beratung aussteigen.Darum müssen sie standhalten und dürfen keine Scheinlösungen suchen: um des Lebens willen.VON BEATRICE VON WEIZSÄCKERDas Wort des Papstes zur Schwangerenberatung in Deutschland ist klar.Das der deutschen Bischöfe nicht.Das allein zeigt das ganze Problem.Johannes Paul II.bittet die Bischöfe "eindringlich", Wege zu finden, keine Beratungsscheine mehr auszustellen.Das entbehrt nicht der Logik: Die katholische Kirche lehnt Abtreibungen ab.Der Beratungsschein ist notwendig für einen straffreien Schwangerschaftsabbruch."Es ist nicht zu übersehen, daß der gesetzlich geforderte Beratungsschein ...faktisch eine Schlüsselfunktion für die Durchführung straffreier Abtreibungen erhalten hat", schreibt der Papst darum zutreffend in seinem Brief.Das paßt dem Oberhaupt der katholischen Kirche nicht.Und die deutschen Bischöfe? Sie winden sich. Sie wollen sich dem Papstwort zwar beugen, nur wie und wann ist nicht ganz klar.Erst einmal wird alles bleiben wie es ist.Eine Arbeitsgruppe soll nach Alternativen suchen.Am liebsten wäre es den Bischöfen, sie könnten im staatlichen Beratungssystem bleiben - aber eben ohne diesen Schein ausstellen zu müssen.Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) hat Bischöfe, Regierungen und Parteien bereits aufgefordert, eine Lösung in dieser Richtung zu finden.Nur: Wie soll die aussehen? Wollen die Bischöfe den mühsam errungenen Kompromiß zum Paragraphen 218 aufs Spiel setzen? Sollen katholische Einrichtungen weiter beraten und anschließend andere für sich die Bescheinigung ausstellen lassen? Das wäre eine Umgehung des Papstwortes, unehrlich überdies, und würde gewiß nicht den Segen aus dem Vatikan finden.Eine Scheinlösung wäre das, nicht mehr. Nein, die katholischen Bischöfe müssen sich widersetzen und in der staatlichen Schwangerenberatung bleiben - mit Schein.Und zwar nicht, weil der Kanzler sagt, ein Ausstieg wäre eine "Torheit".Sein Motiv ist klar: Er fürchtet den Wahlkampf.Ihm geht es um Macht, bei der Schwangerschaftsberatung aber geht es um Leben und Tod.Der Grund für einen Verbleib im staatlichen System kann auch nicht in der berechtigten Sorge der Landespolitiker liegen.Die fürchten um ihre Kassen.Der Staat ist nach dem Schwangerschaftskonfliktgesetz verpflichtet, für eine flächendeckende Beratung zu sorgen.In der Tat würde das Beratungssystem besonders in den katholisch geprägten Bundesländern ohne die Einrichtungen der katholischen Kirche zusammenbrechen.Das aber darf man der katholischen Kirche nicht anlasten.Man kann einen Ausstieg der Kirche aus dem Beratungssystem nicht mit dem Argument kritisieren, dies schaffe dem Staat Probleme.Wenn die Bischöfe dem Papst-Wort folgen und das staatliche System verlassen werden, ist das ihre Angelegenheit.Der Staat muß diese Entscheidung akzeptieren.Er ist zur Sicherstellung der Beratung verpflichtet, nicht die Kirche. Es ist ein anderer Grund, der die Bischöfe zum Verbleib im staatlichen System zwingen sollte: der Schutz des Lebens.Die Kirche hat den Auftrag, Menschen in Not zu helfen und Leben zu schützen.Das wäre bei einem Ausstieg nur noch in Grenzen möglich.Frauen, die ernsthaft an eine Abtreibung denken, würden katholische Beratungsstellen nicht mehr aufsuchen, wenn sie dort keinen Beratungsschein mehr bekommen könnten.Der Besuch wäre für ihre Zwecke sinnlos.Die katholische Kirche wird keine dieser Frauen mehr erreichen, wenn sie nur noch berät.Nicht ein einziges Leben kann sie retten, wenn sie sich diesen Frauen verweigert.Wenn die katholische Kirche das staatliche Beratungssystem verläßt, kommt das einer unterlassenen Hilfeleistung gleich.Darum dürfen die Bischöfe nicht aus der Beratung aussteigen.Darum müssen sie standhalten und dürfen keine Scheinlösungen suchen: um des Lebens willen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben